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Psychologin im Interview: Was die Traumata der Flucht mit Menschen machen

Geflüchtete sind von ihrer Reise oft traumatisiert und haben Schlimmes erlebt. Eine Psychologin erklärt, wie ihnen am besten geholfen werden kann.

Von Nina Poelchau

Flüchtlinge demonstrieren in Ansbach gegen Gewalt.

Flüchtlinge demonstrieren in Ansbach gegen Gewalt. Dort hatte sich Ende Juli ein 27-jähriger Syrer in die Luft gesprengt.

Sie haben täglich mit Geflüchteten zu tun, die unter erheblichen psychischen Problemen leiden. Sind Menschen darunter, die aufgrund ihrer Probleme gefährlich werden könnten?

Gefährlich können diese Menschen unseren Beobachtungen nach vor allem für sich selbst werden. Bleiben ihre Probleme unbehandelt, dann besteht bei einigen die Gefahr, dass sie Suizidgedanken haben und umsetzen. Oder auch, dass sie aus ihrer inneren Unruhe heraus, die zur Symptomatik einer posttraumatischen Belastungsstörung gehört, leicht reizbar sind, ihre Impulse schlecht kontrollieren können. Dann kann es ungewollt zu Gewalt in ihrem Umfeld, ihrer Unterkunft oder Familie kommen.

Wie viele Flüchtlinge leiden an einer behandlungsbedürftigen Störung?

Wir gehen davon aus, dass circa 75 Prozent der Geflüchteten Situationen erlebt haben, die das Potenzial haben, eine Traumatisierung auszulösen: Folter, Tod eines Angehörigen vor ihren Augen, schreckliche Situationen auf der Flucht. Erstaunlich viele Menschen bleiben trotzdem stabil, zumindest erst mal. Es gibt keine repräsentativen Studien, aber aus kleineren Untersuchungen schließen wir deutschlandweit, dass zwischen 20 und 40 Prozent der Geflüchteten bereits nach Einreise an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden oder einer anderen psychischen Problematik wie Depressionen. Psychiatrisch oder psychotherapeutisch behandlungsbedürftig sind wahrscheinlich etwa zehn bis 20 Prozent. Auch die anderen brauchen jedoch anderweitige Hilfe: Sozialarbeit, Gruppenangebote oder Familienberatung zum Beispiel, Deutschkurse, Beschäftigung, Zukunftssicherheit.

Ist diese Hilfe in Deutschland gewährleistet?

Nein. Nur punktuell. Die Versorgungsmöglichkeit ist in den verschiedenen Bundesländern unterschiedlich, in Berlin etwa wesentlich besser als im Land Brandenburg. Besonders prekär ist die Versorgungslage in ländlichen Gebieten. In Berlin gibt es von der Charité eine Clearingstelle. In unserem Zentrum "Überleben" können wir ebenfalls klären, wer welche Unterstützung benötigt und dann entweder eine Behandlung anbieten oder ganz konkret weiter verweisen. Allerdings ist die Nachfrage nach Behandlungen höher als die Kapazität an Behandlungsplätzen. Wichtig erscheint uns, dass alle Geflüchteten, die möchten, den Zugang zu einer Untersuchung und Beratung bekommen, wo ihre individuellen Bedürfnisse festgestellt werden.

Die Realität sieht leider anders aus.

Es gibt aufgrund mangelnder Finanzierung viel zu wenige Behandlungsplätze, vor allem in psychosozialen Behandlungszentren, an denen eine adäquate multiprofessionelle Therapie unter Einbeziehung von professionellen Dolmetschern und mit der notwendigen integrierten Sozialarbeit möglich ist. Muttersprachliche Psychiater und Psychotherapeuten sind überlaufen und haben lange Wartezeiten. Aus psychiatrischen Krankenhäusern werden Geflüchtete mit schwerer Symptomatik oft schnell wieder entlassen, manchmal ohne dass eine ausführliche sprachgemittelte Anamnese stattgefunden hat und ohne dass eine Anschlussbehandlung organisiert wurde. Wenn die Anschlussbehandlung in psychiatrischen Institutsambulanzen erfolgt, ist das positiv, allerdings fehlt dort meist die notwendige begleitende Sozialarbeit und oft auch die Zeit für regelmäßige therapeutische Gespräche – oder für professionelle Übersetzung ist nicht gesorgt. Ein Problem für niedergelassene Therapeuten ist, dass die Krankenkassen keine Dolmetscherkosten übernehmen.

Was tun Sie, wenn Sie als Psychotherapeutin merken: Da ist jemand gefährlich, da könnte eine Bombe ticken?

Wir gehen intensiv in Kontakt mit diesem Menschen. Besteht die akute Gefahr eines Suizids oder eines Gewaltausbruchs – gefährdet der Patient also sich selbst oder andere - dann steht die Einweisung in die geschützte Station der Psychiatrie an. Wir versuchen den Betroffenen dazu zu bringen, dass er freiwillig dorthin geht. Oft klappt das auch und ist dann die beste Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit. Andernfalls leiten wir eine Zwangseinweisung ein. In bestimmten Situationen, in denen wir als Therapeuten von einem konkret geplanten Gewaltdelikt erfahren, welches anders nicht abgewendet werden kann, wären wir auch von der ärztlichen Schweigepflicht gegenüber der Polizei entbunden.

Würden Sie merken, wenn einer Ihrer Patienten eine schreckliche Tat plante – wie der Flüchtling aus Ansbach?

Wir hatten so einen Fall noch nicht, deshalb kann ich das nicht beantworten. Für so etwas muss eine komplexe Erkrankung oder eine besonders schwierige äußere Situation vorliegen. Aus der Sicht von uns Fachkräften hier, die über die Jahre einige tausend psychisch schwer beschädigte Menschen gesehen haben, ist dies ganz klar: Besonders problematisch ist es, wenn Menschen aus jeder Zukunftsperspektive herausfallen. Wenn sie traumatisiert sind und abgeschoben werden sollen. Wenn sie ganz alleine sind mit ihrer Perspektivlosigkeit und ihren oft ja völlig berechtigten Ängsten, was sie später erwartet. Mit diesen Menschen in Kontakt zu bleiben, ist wichtig, sie psychologisch und sozialarbeiterisch zu begleiten, sie auch weiter am sozialen Leben teilhaben zu lassen, in dem sie "jemand" sind. Es ist ein Unding, dass es für Asylbewerber mit eventuell wenig Bleibechancen keinen Sprachunterricht mehr gibt, keine Integrationshilfen. Dass ein Mensch, der im völligen Vakuum sitzt, in einer psychischen Extremsituation ist, ist keine Frage. Dass er deshalb einen Terrorakt verübt, ist allerdings in keiner Weise die logische Folge. So einen Schluss zu ziehen, wäre fatal.

Wie erklären Sie sich, dass es aktuell Terrorakte gibt, die von Flüchtlingen ausgehen?

Die Gefahr von Nachahmertätern ist nach Terrorakten, wie wir sie jetzt erlebt haben da, das ist nichts Neues. Darauf muss man schauen. Trittbrettfahrer gibt es in allen Kulturen und Schichten. Es kann sich um Menschen in psychischen Krisen handeln oder auch um Menschen, die mit einer solchen Idee bereits vorher gespielt haben. Natürlich muss man wissen: Menschen in einer labilen Situation, Menschen, die das Gefühl haben, nicht wertgeschätzt zu werden und nichts mehr verlieren zu können, sind verführbar. Wer depressiv ist, lässt sich vielleicht von den Zeugen Jehovas oder Scientology anwerben, wer unter schwersten Minderwertigkeitsgefühlen und großer Wut leidet, interessiert sich unter Umständen für den IS. Bis zu einem Terrorakt ist der Weg dann aber immer noch sehr weit. Geflüchtete stellen da keine besondere Gefahr dar, sie sind ja oft selbst vor Krieg und Unterdrückung geflohen, sehnen sich nach Ruhe und Frieden.

Sind gerade junge Menschen gefährdet?

Wir beobachten manchmal, dass Kinder oder Jugendliche, die zum Beispiel erlebt haben, dass ihre Angehörigen ermordet oder vergewaltigt wurden, sich rächen wollen, Gewaltphantasien entwickeln. Ihre Eltern erzählen uns davon. Wir nehmen das sehr ernst. Auch hier geht es um ein rechtzeitiges therapeutisches Angebot, damit diese jungen Menschen das Erlebte integrieren können und sich stabilisieren. Ansonsten sind Bildung und soziale Unterstützung wichtige Voraussetzungen für gelingende Integration, für ein friedliches Zusammenleben, wie wir es uns wünschen. Wer psychisch angeschlagen und im Fluchtland fortwährendem Stress ausgesetzt ist, kann nicht gesund werden.

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