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Resistente NDM-1-Bakterien Das doppelte Antibiotika-Versagen


Neue, resistente Bakterien breiten sich aus: In Deutschland wurden NDM-1-Keime nachgewiesen. Ihr Auftreten zeigt, dass wir falsch mit vorhandenen Antibiotika umgehen, und zu wenig Wert auf neue legen.
Von Nina Weber

Dass Bakterien gegen Antibiotika resistent werden, ist an sich nichts Neues. Sogar gegen sogenannte Reserveantibiotika, die erst zum Einsatz kommen sollen, wenn keine anderen mehr wirken, sind Keime schon unempfindlich geworden. Trotzdem ist die vor kurzem entdeckte Resistenz NDM-1 kein kleines Ärgernis, sondern ein echter Grund zur Sorge.

NDM-1 steht für "Neu-Delhi-Metallo-Beta-Lactamase". Es handelt es sich um ein Enzym, mit dem die Bakterien einen Angriff von Carbapenemen überstehen. Es handelt sich also nicht um eine neue Mikrobe, sondern ein Gen, welches Forscher bislang vor allem in zwei Keimen - Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae - gefunden haben. Beide Mikroben finden sich in der menschlichen Darmflora und können unter bestimmten Umständen Krankheiten auslösen. Escherichia coli ist der häufigste Auslöser von Harnwegsinfekten, Klebsiella pneumoniae kann unter anderem zu Lungenentzündungen führen.

Um die Sorge über NDM-1 zu verstehen, muss man eine Besonderheit von Bakterien kennen: Sie können Teile ihres Erbguts untereinander austauschen. Das NDM-1-Gen befindet sich auf einem Abschnitt, der leicht von einem Bakterium zum anderen wandert. So kann die Resistenz also vergleichsweise leicht zu anderen Erregern wandern.

Es werden zu viele Antibiotika geschluckt

Entdeckt haben Forscher NDM-1 zuerst bei einem Patienten in Schweden. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass die Resistenz vor allem in Indien und Pakistan verbreitet ist. Und: Dort haben sich entsprechende Bakterien nicht nur im Krankenhaus verbreitet, sondern Menschen stecken sich auch außerhalb von Kliniken damit an. Das zeigt zum einen, dass die Resistenzen schon in einer gewissen Häufigkeit auftreten. Und dass es kaum möglich sein wird, sie lückenlos zu überwachen, geschweige denn einzudämmen. Es zeigt auch, dass der Umgang mit Antibiotika in einem Land am Ende die gesamte Welt etwas angeht. In Indien ist es möglich, Antibiotika ohne Rezept zu bekommen, was Wissenschaftler schon länger kritisieren. Es führt dazu, dass die Mittel zu oft genommen und zu früh abgesetzt werden. Beides fördert Resistenzen. Und diese stoppen eben nicht an Landesgrenzen, sondern breiten sich mit Tourismus und Handel weltweit aus. Übrigens werden auch in Deutschland - trotz Verschreibungspflicht - zu viele Antibiotika konsumiert und zu oft Reserveantibiotika eingesetzt, wie eine Untersuchung im Jahr 2008 ergab.

Im Fachjournal "The Lancet Infectious Diseases" berichteten Forscher vergangene Woche von diversen Fällen in Großbritannien. Die meisten Betroffenen waren zuvor in Asien gewesen, aus verschiedenen Gründen waren viele von ihnen dort im Krankenhaus. Inzwischen sind auch Fälle in anderen europäischen Staaten, den USA, Kanada und Australien bekannt. In Belgien starb im Juni ein Mann infolge einer Infektion. Er war nach einem Autounfall in einer Klinik in Pakistan, wo er sich wohl ansteckte. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind in Deutschland bisher vier Fälle bekannt. Akut bedroht sind wir also nicht.

Es werden zu wenig neue Antibiotika entwickelt

Nicht nur der Umgang mit auf den Markt befindlichen Antibiotika lässt zu wünschen übrig. Auch bei der Entwicklung neuer Antibiotika hat sich in den vergangenen Jahren zu wenig getan. Einen Grund nennt Wolfgang Wohlleben, der an der Universität Tübingen auf diesem Gebiet forscht: "Alle großen Pharmaunternehmen haben sich aus der Forschung zurückgezogen." Mit neuen Antibiotika lässt sich im Vergleich zu anderen Neuentwicklungen wenig Geld verdienen. Während ein Betroffener seine Mittel gegen Demenz, Bluthochdruck, Diabetes oder andere Leiden dauerhaft nimmt, schluckt man Antibiotika nur wenige Tage bis Wochen.

Nach Aussage von Wohlleben leisten daher akademische Arbeitsgruppen und kleinere Firmen die Forschungsarbeit. Einige hätten zwar Produkte in der Pipeline. Wann allerdings neue Antibiotika auf den Markt kommen, die gegen diese resistenten Bakterien wirken, lässt sich aus seiner Sicht nicht einschätzen. Von der Entdeckung einer vielversprechenden Substanz im Labor bis zur Marktreife vergehen jedenfalls rund zehn Jahre.

Dabei benötigt gerade dieses Gebiet Innovationen, weil Bakterien gegen jedes neue Mittel nach einer gewissen Zeit Resistenzen entwickeln.

Im "Lancet" geben die Forscher die düstere Prognose ab, dass in den kommenden 10 bis 20 Jahren kein Mittel in Sicht ist, dass diesen Erregern beikommt. Der britische <linextern adr="http://www.guardian.co.uk/society/2010/aug/12/the-end-of-antibiotics-health-infections">"Guardian" fragt schon: "Sind Sie bereit für eine Welt ohne Antibiotika?" Und fügt hinzu, dass es schrecklich werden wird.

Ein derart dramatisches Bild muss man noch nicht zeichnen. Dass Ende der Antibiotika wurde schon häufiger heraufbeschworen, etwa als die Ausbreitung sogenannter multiresistenter Staphylokokken, kurz MRSA, in Krankenhäusern begannt. Doch in den meisten Fällen findet sich noch ein Antibiotikum, um eine Infektion einzudämmen. Bei den meisten NDM-1-Stämmen wirken noch zwei: Tigecyclin und Colistin. Sie garantieren allerdings laut Robert-Koch-Insitut nicht in jedem Fall eine optimale Behandlung. Colistin etwa kann die Nieren schädigen. Was eigentlich schon immer wichtig ist, gilt jetzt noch mehr: Dass Ärzte Reserveantibiotika mit Bedacht einsetzen, um weitere Resistenzen zu verhindern.

Ebenso wichtig wäre, die Antibiotika-Forschung stärker zu fördern. Es kann nicht sein, dass eine der seltenen Medikamentenklassen, die tatsächlich und meist nur binnen Tagen heilt, gerade aus diesem Grund an zu wenigen Innovationen krankt, weil am Ende nur die Gewinnspanne zählt.


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