Antibiotika-Resistenzen Viel Unwissen und Pharma-Kalkül

Antibiotika helfen bei bakteriellen Infektionen - zum Beispiel bei Mandelentzündungen, Harnwegsinfektionen oder Scharlach
Antibiotika helfen bei bakteriellen Infektionen - zum Beispiel bei Mandelentzündungen, Harnwegsinfektionen oder Scharlach
© Colourbox
Rund 300 Tonnen Antibiotika schlucken die Deutschen pro Jahr. Dabei gilt: Je mehr Antibiotika verwendet werden, desto größer ist das Risiko, dass gefährliche Erreger reistent werden. Erstmals haben Mediziner den bundesweiten Verbrauch und Daten zu Resistenzen zusammengetragen.
Von Tim Braun

Einen eigenen resistenten Erreger kann man sich einfach selbst züchten: etwa, indem man das verschriebene Antibiotikum absetzt, sobald die Hauptbeschwerden abklingen oder weniger Tabletten einnimmt, als auf der Packungsbeilage empfohlen wird. Bei einem Wirkstoff, der dreimal täglich eingenommen werden soll, ist es schon riskant, zwischen den Gaben nicht acht, sondern vielleicht zwölf Stunden verstreichen zu lassen. "Bakterien sind clever", sagt Tim Eckmanns, Leiter des Fachgebietes Surveillance am Robert-Koch-Institut (RKI). "Wenn sie merken, dass sie angegriffen werden, können sie Resistenzgene anschalten." Dann beginnt der Kampf zwischen Antibiotikum und Erreger: Bei zu geringer Dosis haben Bakterien eine größere Chance, die Oberhand zu gewinnen.

Deutschland liegt im unteren Drittel

Der laxe Umgang von Patienten mit Antibiotika ist jedoch nicht der Hauptgrund für die Zunahme von resistenten Erregern in ganz Europa. Das liegt eher an der Verschreibungspraxis der Ärzte. Denn: Je mehr Antibiotikum verbraucht wird, desto häufiger bilden sich Resistenzen.

Immerhin: Deutschland verbraucht im EU-Vergleich mit die wenigsten Antibiotika. Im Jahr 2007 lag die Verordnungsdichte bei rund 15 Tagesdosen pro 1000 Einwohnern - Spitzenreiter Griechenland kam auf einen mehr als doppelt so hohen Wert. Auch in Zypern, Frankreich, Italien, Belgien und Luxemburg ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Antibiotika teilweise doppelt so hoch wie in Deutschland, der Schweiz, Österreich, den Niederlanden oder Dänemark.

Trotzdem treten auch in Deutschland Resistenzen auf. Bei einzelnen Krankheitserregern wie Staphylokokken, Kolibakterien und Enterokokken ist sogar ein deutlicher Anstieg der Resistenzen zu verzeichnen. So stieg der Anteil von multiresistenten, also gegen mehrere Wirkstoffe unempfindliche Staphylokokkus Aureus- Bakterien (MRSA), von 1990 bis heute von unter zwei auf über 20 Prozent. Bei Darmbakterien (Enterokokken), die in Krankenhäusern häufig Auslöser für Harnwegs- und Wundinfektionen sind, lassen sich über die letzten 10 Jahre vermehrt Resistenzen gegen einzelne Wirkstoffe beobachten. Weitere Resistenzbildungen gab es bei der Tuberkulose, den Salmonellen und Geschlechtskrankheiten wie der Gonorrhö ("Tripper"). Zu dem Ergebnis kommt der erstmals erschienene Antibiotika-Resistenzatlas Germap 2008, ein Gemeinschaftsprojekt des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie (PEG) und der Infektiologie am Universitätsklinikum Freiburg. Der Atlas dokumentiert sowohl den bundesweiten Verbrauch von Antibiotika als auch die aktuelle Entwicklung resistenter Erreger.

Der Versorgungsforschung fehlen die Daten

Anders als im Report "Krank im Krankenhaus", den die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene und die Allianz AG 2007 herausgegebenen hat, sucht man hier vergebens nach konkreten Zahlen über Infektionsraten und Todesopfer. Jedes Jahr gibt es 500.000 Neuinfektionen durch Krankenhauskeime und geschätzte 3500 Personen, die infolge einer Infektionen sterben. Doch statt diese Zahlen zu nennen, verweist Germap an den meisten Stellen, die eine Schlussfolgerung erlauben würden, auf die unzureichende Datenlage. So gibt es auch kaum Erkenntnisse über Resistenzen, die außerhalb von Krankenhäusern auftreten. Dabei werden dort rund 85 Prozent der bis zu 300 Tonnen Antibiotika verschrieben, welche die Deutschen jährlich schlucken.

Für Michael Kresken, Geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens Antiinfectives Intelligence und Mitherausgeber des Germap-Atlas, stellt sich die aktuelle Situation der Forschung wie folgt dar: "Für das Krankenhaus haben wir gute Daten, was die Resistenzen betrifft. Über den Verbrauch wissen wir jedoch nicht genug. Im ambulanten Bereich ist es umgekehrt: Wir haben die Verbrauchsdaten, wissen allerdings wenig über die Verbreitung von Resistenzen."

Ost-West-Unterschiede im Antibiotika-Verbrauch

Deshalb kann der Atlas auch nur zum Teil dem Anspruch gerecht werden, den man an ihn stellt. Der Antibiotika-Verbrauch außerhalb der Krankenhäuser ist nach Regionen aufgeschlüsselt. Wie sich die regionale Verteilung in Krankenhäusern darstellt und wie viele Resistenzen sich bilden, ist dagegen nicht erfasst. Trotzdem liefert Germap einen ersten bundesweiten Überblick. Dabei zeigt sich, dass etwa im Osten der Republik deutlich weniger Antibiotika verschrieben werden als im Westen, und dass die an Frankreich und Belgien grenzenden Bundesländer Spitzenreiter im Verbrauch sind: 2007 verordneten die Ärzte im Saarland fast doppelt so viele Antibiotika wie ihre Berliner Kollegen (Saarland: 17,0 Tagesdosen pro 1000 Einwohner, Berlin: 9,4 Tagesdosen).

Der Ost-West-Unterschied werde oft mit der Verbrauchsmentalität zu Zeiten des geteilten Deutschlands erklärt, sagt Helmut Schröder, stellvertretender Leiter des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido), das der Germap die Verschreibungsdaten lieferte. "Die neuen Antibiotika wurden in der DDR zentral verwaltet, der Bezug war mit einem hohen bürokratischen Aufwand verbunden. Teilweise mussten die Mittel aus Westdeutschland bezogen werden. Daher haben die meisten Ärzte gelernt, sparsam mit den vorhandenen Wirkstoffen umzugehen."

Pharma-Industrie in der Kritik

Neue Antibiotika sind inzwischen überall auf der Welt knapp. Die Arzneimittelindustrie wird seit Jahren dafür kritisiert, dass sie keine neuen Wirkstoffe mehr entwickelt. Stattdessen versuchen Pharmareferenten, Ärzte davon zu überzeugen, so genannte Reserveantibiotika einzusetzen, sagt Schröder. Diese Reserveantibiotika werden eigentlich nicht für normale Infektionen eingesetzt, sondern sollen schweren Infektionen vorbehalten sein, bei denen Erreger gegen die häufig eingesetzten Wirkstoffe schon Resistenzen entwickelt haben. Diese Präparate sind zudem teurer als die bewährten Standardantibiotika. Dennoch haben die Pharmakonzerne Erfolg mit ihrer Taktik, denn der Anteil der Reservemittel am Gesamtverbrauch liegt nach Angaben des Experten bereits bei fast 40 Prozent. Das bedeutet: Die Gefahr der Resistenzbildung ist relativ hoch - damit schrumpft die tatsächliche Reserve. In Deutschland kommt es immer wieder vor, dass Infektionen durch den Einsatz von Antibiotika nicht mehr gestoppt werden können, weil Erreger gegen sämtliche Wirkstoffe unempfindlich sind.

Der Grund, warum sich Ärzte überhaupt darauf einlassen, ist Unsicherheit. Viele wissen oftmals nichts über die Wirkstoffe und deren Anwendung. "Sowohl im ambulanten Bereich als auch im Krankenhaus gibt es Probleme, was die Verschreibungsqualität angeht", bestätigt Eckmanns vom RKI. Deutsche Mediziner würden die Infektiologie wie ein Stiefkind behandeln. Das fange schon im Studium an. Außerdem gebe es im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Staaten für dieses Feld keine Facharzt-Ausbildung. Dass Breitspektrum-Antibiotika häufiger verschrieben werden, zeigt auch: Nicht alle Ärzte wissen, mit welchem Wirkstoff sie welchen Erreger behandeln müssen.

Und: Während der Wintermonate, wenn Erkältungs- und Grippewellen durchs Land ziehen, steigen die Verordnungen für Antibiotika - obwohl diese weder gegen Grippe noch gegen Schnupfen helfen. Doch aus Sorge, dass sich hinter einem anhaltenden Husten eine Lungenentzündung verbergen könnte, greifen manche Ärzte zu diesem Mittel, bemängelt auch Winfried Kern von Uniklinik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, eine der zwei Experten des stern.de-Ratgebers "Erkältung und Grippe". "Bevor sie jeden Patienten röntgen, dessen Symptome nach drei Tagen nicht abgeklungen sind, geben einige lieber gleich ein Antibiotikum."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker