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Doping Sport und Marihuana: Läuft man bekifft schneller?

Eine Frau stellt einen Joint her
Manche Sportler hoffen darauf, dass Marihuana ihre Leistung verbessert. Die Wissenschaft ist skeptisch, die Nachteile scheinen zu überwiegen.
© High Grade Roots/ Getty Images
Die beste amerikanische Sprinterin darf bei Olympia nicht starten, weil sie Marihuana geraucht hat. Viele Sportlerinnen und Sportler diskutieren derzeit, ob Cannabis sie stärker und schneller macht. Die Wissenschaft ist ziemlich eindeutig.

Wenn in Tokio bei den Olympischen Spielen der 100-Meter-Lauf der Frauen startet, wird die amerikanische Star-Läuferin Sha'Carri Richardson fehlen. Sie hatte sich zwar mit einer überragenden Laufzeit qualifiziert, war aber wenig später vom eigenen Verband von Olympia ausgeschlossen worden. Kurz nach ihrem viel bejubelten Sieg bei den Ausscheidungswettkämpfen in den USA war sie positiv auf die in Marihuana enthaltene Substanz THC (Tetrahydrocannabinol) getestet worden.

Viele glauben, dass Marihuana die Leistung steigert

Das Entsetzen über die Disqualifikation der 100-Meter-Läuferin war groß, in der Folge entwickelte sich eine Debatte über die Frage: Macht Cannabis Läufer überhaupt schneller? Auch viele Freizeitathletinnen und -athleten weltweit diskutierten mit. In Foren wurden Tipps getauscht. Vor allem in der Laufszene schlug das Wellen. In vielen Beiträgen wurde diskutiert, wie das Training mit Joint am besten funktioniert.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) stuft die Droge als illegales Dopingmittel ein. Aber gibt es eigentlich wissenschaftliche Belege dafür, dass der Konsum Sportlerinnen und Sportler schneller laufen und stärker werden lässt? Die Antwort ist: bisher nicht. In der Medizin vermuten sogar viele, dass das Mittel die körperliche Leistungsfähigkeit verringern könnte.

Trotzdem scheint die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität groß zu sein. Laut einer Studie von 2019 berichteten von 1161 Sportlerinnen und Sportlern, die Cannabis konsumierten, immerhin eine Mehrheit von etwa 70 Prozent, dass ihnen das Mittel helfe, besser zu schlafen und beim Training über Schmerzen hinweghelfe. Immer noch erstaunliche 60 Prozent sagten, es beruhige sie. In einer Untersuchung der University of Colorado sagten 70 Prozent der Probanden, sie würden zu Cannabis greifen, weil der Stoff sie motiviere, sich zu bewegen.

Marihuana also ein harmloses Mittelchen, das Läufern Beine macht? Ein genauerer Blick auf die Studienlage lohnt sich also allemal. Einfache Tests mit Leistungssportlern haben gezeigt, dass nach dem Konsum von Marihuana die Herzrate und Blutdruck steigen – und zwar so stark, dass die sportliche Performance spürbar behindert wird. Die "New York Times" setzte sich intensiv mit dem Thema auseinander. In den USA ist in vielen Bundesstaaten der Konsum von Marihuana inzwischen legal. Sie kommen nach Auswertung zahlreicher Studien zu dem Schluss: "Alle nachfolgenden Studien lassen vermuten, dass Cannabis nicht die Kraft oder Ausdauer verbessert."

Bei vielen gilt heute Cannabis als eine nur schwache Droge, vergleichbar mit Alkohol. Außerdem ist im Freizeitsport die Linie, wo Doping beginnt, nur sehr unklar definiert. Mal einen Joint zu rauchen, gilt oft als Kavaliersdelikt. Dabei sind die Nebenwirkungen schwer. Vor allem beim Rauchen von Cannabis können laut Experten zahlreiche giftige und krebsauslösende Stoffe freigesetzt werden. Außerdem inhalieren Cannabis-Konsumenten den Rauch länger, was vermuten lässt, dass die Lungen stärker mit Stoffen wie Teer belastet werden. Die "American Lung Association" kommt zu dem Schluss: "Marihuana zu rauchen, schädigt eindeutig die Lungen." Als Läuferin oder Läufer, die Sport treiben, um gesund zu sein, sicher etwas, was sie nicht haben möchten.

Marihuana hinterlässt im Gehirn Spuren

Es gibt auch klare Hinweise, dass Marihuana die Fähigkeit einschränkt, Entscheidungen zu treffen. Reagieren Menschen sensibel oder bei entsprechend hoher Dosis, kann das schnell zum gefährlichen Problem werden, wenn man zum Beispiel beim Lauftraining Straßen überquert oder in von Autos befahrenen Gegenden unterwegs ist. Die Deutsche Sporthochschule in Köln (DSHS) kommt zu folgender Einschätzung: "Allerdings kann aufgrund der sedierenden (beruhigenden) Wirkung von Cannabis ein Athlet in gefährlichen Sportarten (z.B. Downhill Radfahren) risikobereiter in den Wettkampf gehen, was unter Umständen dann auch mit einem besseren Wettkampfergebnis einhergehen kann."

Aber mit der Risikobereitschaft wächst auch die Gefahr von Unfällen und Verletzungen. Bei Mannschaftsportarten sieht die DSHS sogar eine Gefährdung für Mitspieler. Denn Cannabis sorge dafür, dass Sportler eine "Distanz zu der aktuellen Spielsituation" hätten und damit "ein höheres Risiko in Zweikämpfen in Kauf nehmen". Außerdem sorge Cannabis für eine Verschlechterung der Koordination. Sha'Carri Richardson übrigens hat nach dem positiven Dopingbefund gesagt, sie habe Marihuana nicht genutzt, um ihre Leistung zu steigern, sondern um besser mit dem Tod ihrer Mutter zurecht zu kommen. Diese war kurz vor dem Wettkampf verstorben.


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