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Sommer fast vorbei: Warum uns das Herbstwetter so müde macht

Gestern Sonne, heute Regen und Sturm: Der Sommer scheint auf dem Abmarsch zu sein. Der plötzliche Herbsteinbruch schlägt vielen aufs Gemüt. Doch woran liegt das? Warum macht uns das Wetter so müde?

Von Lydia Klöckner

Und plötzlich ist es Herbst.

Und plötzlich ist es Herbst.

Eigentlich liegt der August mitten im Hochsommer. Beim Wort "Hochsommer" denken die meisten an Sonnenbrand, Strohhüte, Planschbecken und Eiskugeln, die so schnell zerschmelzen, dass die Zunge nicht hinterherkommt. An laue Grillabende auf der Terasse und Barfuß-Spaziergänge über den warmen Asphalt. Eigentlich sollten wir davon noch genug bekommen: Laut Kalender dauert der Sommer noch bis zum 22. September.

Doch beim Blick aus dem Fenster und aufs Thermometer kommen Zweifel auf: Im Moment liegen die Höchsttemperaturen in Deutschland gerade mal bei 13 Grad. Dank dem Tief "Wilma" soll es auch in den kommenden Tagen kühl bleiben und vielerorts regnen. Ist das etwa schon der Herbst? Die Sommerstimmung ist jedenfalls dahin - einige sehen gar schon ihre erste Herbstdepression kommen: "Lieber August! Trage Fellparka und das schlechte Laune-Gesicht. Danke für nichts!", beschwerte sich die Moderatorin Sarah Kutter gestern per Twitter.

Die Wetterfühligen unter uns können ihr nur beipflichten: Mit dem Himmel scheint auch die Stimmung trüber zu werden, und mit dem Sommer schwindet auch der Elan. Eine Umfrage des Meteorologen Peter Höppe von der Universität München ergab, dass mehr als die Hälfte der Deutschen sich durch Sturm und Regen gesundheitlich beeinträchtigt fühlt. Viele von ihnen klagen über Kopfschmerzen, einige fühlen sich gereizt und müde und schlafen schlecht. Bei manchen hat sich die Schlechtwetterlaune sogar zu einer echten Krankheit entwickelt: Laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse (TK) aus dem Jahr 2009 leidet jeder dritte Deutsche unter einem sogenannten "Seasonal Affective Disorder-Syndrom", kurz SAD.

Doch wie kommt das eigentlich? Warum fühlen sich viele Menschen bei schlechtem Wetter plötzlich so müde und energielos?

Studien zufolge liegt das vor allem an der Dunkelheit. Nicht ohne Grund sind in Nordeuropa weitaus mehr Menschen von Depressionen betroffen als im sonnigen Süden: Licht beeinflusst sowohl unser Wohlbefinden als auch unseren Hormonhaushalt. Wie genau, ist noch nicht ganz klar. "Es hängt vermutlich mit dem Eiweiß Melanopsin zusammen, das sich in den Lichtrezeptoren des Auges befindet", sagt der Schlafmediziner Dieter Kunz vom St. Hedwig-Krankenhaus der Charité in Berlin. Treffen Lichtstrahlen ins Auge, wird das Eiweiß aktiviert. Dann setzt es biochemische Reaktionen in Gang, die die Bildung des Botenstoffes Melatonin bremsen. Melatonin wiederum wird umgangssprachlich auch als "Schlafhormon" bezeichnet, weil es unsere innere Uhr auf Nacht umstellt. "Wenn es dunkel wird, bleibt das Eiweiß Melanopsin inaktiv, sodass die Melatonin-Bildung nicht mehr gebremst werden kann", sagt Kunz. Der Körper glaubt also, es sei Schlafenszeit und wird müde.

Wechselhaftes Wetter verursacht Stress

Folgen mehrere dunkle Tage oder sogar Wochen aufeinander, mangelt es uns zudem an einem weiteren Muntermacher: Vitamin D. Psychologen vermuten, dass das Vitamin die Freisetzung von Melatonin sowie der Melatonin-Vorstufe Serotonin mitbestimmt. Normalerweise kann unsere Haut selbst Vitamin D herstellen - allerdings nur, wenn sie ausreichend UV-B-Strahlung abbekommt. Wer sich an tristen Herbsttagen aber in kuschelige Pullis hüllt oder gar im Bett verkriecht, hindert die Haut an der Vitamin-D-Produktion.

Im Moment macht uns aber nicht allein die Dunkelheit zu schaffen. Viele leiden auch unter dem aprilartigen Wechsel zwischen Wolken und Sonnenschein. "Der Körper ist immer bestrebt, seine Kerntemperatur von etwa 37,5 Grad Celsius aufrechtzuerhalten. Wenn die Lufttemperatur so schwankt wie momentan, kostet dieser Anpassungsprozess den menschlichen Organismus eine Menge Energie", sagt die Münchener Medizinmeteorologin Eva Wanka-Pail. "Das kann uns müde machen."

Sich in Wohnung zu verkriechen ist trotzdem keine gute Idee. "Das ist das schlechteste, was man tun kann, denn dann nimmt man dem Körper auch noch das wachmachende Sonnenlicht", sagt Wanka-Pail. Zudem sollte man sich nicht in die Angst vor Wetterfühligkeit hineinsteigern. Denn ob und wie stark Wind, Regen und Dunkelheit uns beeinträchtigen, ist auch eine Frage der Einstellung. Es gibt sogar Menschen, die dem Sommer nichts abgewinnen können und beim ersten Herbstregen in Euphorie geraten. "Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur ungeeignete Kleidung", geben Wanderer gerne zum Besten. Wer das anders sieht, dem bleibt nur das Warten und Hoffen: Noch hat der Sommer schließlich fünf Wochen Zeit, um ein Comeback zu feiern.

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