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Depressionen wegen Lichtmangel Wie das Herbstwetter die Seele trübt

Dunkelheit kann auch die Stimmung trüben.
Dunkelheit kann auch die Stimmung trüben.
© colourbox.com
Wenn die Welt in Wolken versinkt, verdüstert sich bei vielen auch die Stimmung. Manche Menschen leiden in der kalten Jahreszeit sogar unter Depressionen. Schuld ist vor allem Lichtmangel.

Auf den Fenstersims prasselt der Regen. Graue Nebelschleier trüben den Blick durch die beschlagene Scheibe. Noch bevor Hans Schmid morgens das warme Haus verlässt, kreisen seine Gedanken um das nasse und kalte Herbstwetter. Tief im Inneren fröstelt es den 46-Jährigen. Und mit der Kälte kommen der Frust und die Traurigkeit in Schmid hoch. Seit 15 Jahren leidet er an Depressionen. In der dunklen Jahreszeit sei es am schlimmsten, sagt er. "Am meisten fehlen mir die Sonne und die Wärme. Wenn es dunkel wird, macht das Leben eine Pause", erklärt er.

Für den Frankfurter beginnt die Zeit der Isolation und des Rückzugs. Stundenlang gerät Schmid manchmal ins Grübeln. "Ich fühle mich dann wie in einem Gedanken-Chaos gefangen", verrät er. "Die Zeit rennt davon, während ich am Tisch sitze und ins Leere starre." Den passenden Vergleich zieht er mit einem Motor: "Man dreht sehr hoch, aber eigentlich ist es, wie wenn man im ersten Gang über die Autobahn fährt." Jeder noch so kleine Streit geht ihm tief unter die Haut, negative Erlebnisse quälen den Kommunikationsdesigner mehr als sonst. Die Psyche spiele solange verrückt, wie das schlechte Wetter anhalte, erklärt Schmid.

Schon ein Spaziergang kann helfen

Thorsten Bracher, Psychiater und Chefarzt der Burghof-Klinik in Bad Nauheim, spricht in diesem Fall von einer saisonal abhängigen Depression. "Bestimmte Personen reagieren in der lichtarmen Jahreszeit mit einer depressiven Stimmungslage, Antriebsstörung und Freudlosigkeit", sagt er. Das kann sich nicht nur psychisch, sondern auch körperlich auswirken: Betroffene klagen dem Psychologen zufolge über Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme oder Schlafstörungen.

Den Winterblues kennt in Deutschland fast jeder Dritte. Das zeigte eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Forsa und der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2009, für die Menschen in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland befragt wurden.

Ulrike Brandi überrascht das nicht. Die Designerin, die in Hamburg Beleuchtungskonzepte für Gebäude entwirft, hat sich intensiv mit der Wirkung von Licht auf das menschliche Gemüt beschäftigt: "Licht hat eine biologische Wirkung, die neben dem, was wir sehen, über das Auge aufgenommen wird", sagt sie. Das beeinflusst den Hormonhaushalt: Licht hemme die Ausschüttung des Hormons Melatonin, das unseren Tag-Nacht-Rhythmus steuert. Der Mensch fühle sich schlapp und könne sich schlechter konzentrieren. "Die Folge kann eine Depression sein", sagt Brandi.

Für Brandi gilt deshalb: Lieber einen Spaziergang bei trübem Wetter als einen Tag im beleuchten Zimmer. Denn selbst eine Glühlampe kommt gegen die Stärke des Tageslichts, die nach ihren Angaben zwischen 10.000 und 20.000 Lux liegt, nicht an. Im Büro gelte bereits ein Zwanzigstel des Tageslicht-Wertes als ausreichend. Eine Alternative sei außerdem eine Lichttherapie, sagt Psychiater Bracher. "Lampen mit Tageslichtspektrum sind intensiv und ersetzen das Licht ein Stück".

Hans Schmid hat einen anderen Ausweg für sich gefunden: Er fängt sonnige Momente in einem geistigen "Marmeladenglas". "Wenn es draußen dunkel ist, rufe ich mir bewusst leuchtende Farben ins Gedächtnis und halte mir die Schönheit vor Augen." Am Ende des Tages zieht er ein Resümee: "In mein Notizbuch schreibe ich alle schönen Momente auf, dass ich mich im Notfall daran erinnere." Und mit diesen Gedanken legt er sich schlafen - und wartet darauf, dass am nächsten Morgen die Sonnenstrahlen in sein Zimmer fallen.

DPA/ljk DPA

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