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Transplantation: Organspenderin hatte Tollwut

Zum ersten Mal haben in Deutschland Patienten Organe einer Spenderin eingepflanzt bekommen, die mit dem tödlichen Tollwut-Virus infiziert war. Die drei Empfänger ringen mit dem Tod.

Die drei Patienten hatten Ende vergangenen Jahres Organe einer mit der hochansteckenden Krankheit infizierten Frau erhalten. Die junge Frau, deren Organe nach ihrem Tod transpantiert wurden, war mit Tollwut infiziert. Dies hätten Tests ergeben, teilte die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) am Donnerstag in Neu-Isenburg mit. Sechs Menschen hatten Organe der Frau erhalten.

Der Verdacht sei an Hand histologischer und immunhistologischer Untersuchungen des Hirngewebes der Spenderin am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg bestätigt worden, erklärte die DSO. "Es gibt keinen Zweifel mehr an der Diagnose", sagte Herbert Schmitz, Direktor der Abteilung Virologie des Bernhard-Nocht-Institutes, "die untersuchten Gewebeproben ergaben einen eindeutigen Befund".

Die drei erkrankten Organempfänger schweben weiter in Lebensgefahr. Der Gesundheitszustand eines Patienten im Marburger Universitätsklinikum verschlechterte sich nach Klinikangaben weiter. Der Mann, der wahrscheinlich bei einer Nierentransplantation infiziert wurde, werde inzwischen auf der Intensivstation behandelt, teilte ein Kliniksprecher am Donnerstag mit. Das für Tollwut typische Krankheitsbild schreite bei dem Patienten fort. Um eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, seien 80 Kontaktpersonen geimpft worden.

Drei Patienten ohne Symptome

Der Zustand einer in Hannover liegenden Organempfängerin ist nach Auskunft eines Kliniksprechers ebenfalls sehr ernst. Die Frau hatte eine neue Lunge bekommen und schwebt seit Tagen in einem kritischen Zustand. Auch dem dritten erkrankten Patienten, einem 70 Jahre alten Mann im Nephrologischen Zentrum in Hannoversch-Münden, geht es unverändert sehr schlecht, wie der Leiter des Zentrums, Volker Kliem, berichtete. Der 70-Jährige hatte Anfang Januar eine Niere der Spenderin bekommen. Es gebe kaum Hoffnung, sein Leben zu retten, sagte der Ärztliche Direktor Kliem.

Der Empfänger einer Leberspende in Heidelberg zeigt dagegen nach Angaben der Universitätsklinik weiterhin keine Tollwutsymptome. Der Mann werde weiter geimpft und mit Medikamenten behandelt, die einer Vermehrung des möglicherweise mit der Leberspende übertragenen Virus vorbeugen sollen, sagte Oberarzt Jan Schmidt. Der Patient liege zwar wegen einer möglichen Ansteckungsgefahr isoliert in einem Krankenzimmer. "Es geht ihm aber eigentlich prima."

Auch der Gesundheitszustand der beiden Mainzer Empfänger der Augenhornhäute der Spenderin ist weiterhin gut. Bei beiden seien die Hornhäute inzwischen wieder herausgenommen und durch Transplantate anderer Spender ersetzt worden, teilte das Mainzer Universitätsklinikum mit. "Die Operation ist gut und ohne Komplikationen verlaufen", sagte der Direktor der Augenklinik, Prof. Norbert Pfeiffer.

Erste Hinweise auf die Erkrankung der Patienten erhielt die Stiftung am Montag, wie DSO-Vorstand Günter Kirste der Nachrichtenagentur AP sagte. Bei der Nachfrage nach dem Zustand der insgesamt sechs Organempfänger seien bei dreien ähnliche Symptome aufgefallen. Drei weitere Empfänger zeigen bislang keine Krankheitsanzeichen. Inzwischen seien in den Transplantationszentren, in den Krankenhäusern und bei der DSO vorsorglich alle mit der Spenderin und den infizierten Patienten in Kontakt gekommene Personen geimpft worden.

Spenderin wies keine Tollwut-Symptome auf

Die Spenderin war laut DSO im Oktober von einer Indien-Reise zurückgekehrt. Ob sie dort von einem Tier gebissen wurde, sei nicht bekannt, sagte Vorstand Kirste. Sie habe keine Symptome von Tollwut gehabt. Die Frau starb den Angaben zufolge in einem Krankenhaus in Folge eines Herzstillstands. Die mutmaßlich infizierten Organe wurden ihr an der Uniklinik Mainz entnommen.

Nach der Organentnahme seien alle vorgeschriebenen Untersuchungen durchgeführt worden, sagte der Ärztliche Direktor der Klinik, Manfred Thelen. "Die Diagnostik auf eine mögliche Tollwuterkrankung im Vorfeld einer Transplantation ist unmöglich", sagte Thelen: "Dass dieser Fall jetzt eingetreten ist, ist ein schreckliches Unglück, das aber nicht ausgeschlossen werden kann."

Tests auf Tollwut bei Transplantationen gibt es bisher nicht

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts hat es in den vergangenen zehn Jahren nur zwei Fälle von Tollwut beim Menschen in Deutschland gegeben. Beide Male hätten sich die Patienten im Ausland - in einem Fall in Indien, in einem in Sri Lanka - angesteckt und seien gestorben.

Tests auf Tollwut bei Transplantationen gibt es bislang nicht. Die Wahrscheinlichkeit einer Infektion sei einfach zu gering und liegt nach Angaben des Heidelberger Mediziners Jan Schmidt bei 1:100 000. Der Ausdruck Wissenschaftslücke machte daher in Heidelberg die Runde.

Etwa 100 000 Organe wurden nach Angaben von Werner Lauchert von der DSO seit dem Jahr 1963 in Deutschland transplantiert. Viele Patienten warten aber nicht selten etliche Monate auf ein lebensrettendes Organ. Mehr als 4 000 Nieren, Lebern und Herzen wurden im Jahr 2003 verpflanzt, im vergangenen Jahr waren es laut DSO noch etwas mehr. Derzeit warten rund 12 000 Patienten auf eine Organspende.

Ein Risiko von Infektionen lässt sich aus Sicht der Fachleute bei Organspenden nie ganz ausschließen. Patienten, die dringend auf ein Organ angewiesen sind, seien aber bereit, solche Gefahren auf sich zu nehmen. "Manche sagen, wir würden sogar ein Organ mit einem Tumor ertragen, so extrem ist die Situation", meint Prof. Günter Kirste vom Vorstand der DSO.

AP/DPA

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