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Studie Typisch Einzelkind? Wie Geschwister unsere Persönlichkeit wirklich prägen

Ein Junge hält seine kleine Schwester im Arm.
Wer mit Geschwistern aufwächst, der ist hilfsbereiter und offener als Einzelkinder? Nicht unbedingt, wie eine aktuelle Studie zeigt. 
© Patty Brito / Unsplash
Geschwister sind schon was tolles – wir kennen sie oft länger und besser, als unsere engsten Freunde und sie prägen unsere Persönlichkeit maßgeblich, oder? Eine aktuelle Studie zeigt, dass der Einfluss von Brüdern und Schwestern geringer ist, als gedacht.

Arrogant, egoistisch, unsozial – es gibt zahlreiche Klischees über Einzelkinder. Die Annahme, dass Geschwister sich positiv auf unsere Persönlichkeit auswirken, hat sich tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Eine aktuelle Studie gibt nun allerdings Hinweise darauf, dass diese Annahme ein Irrtum sein könnte.

Eine gemeinsame Studie der Universitäten Leipzig und Zürich mit der Victoria University of Wellington in Neuseeland kommt zu dem Ergebnis, dass es unseren Charakter nur minimal beeinflusst, ob wir mit oder ohne Geschwistern aufwachsen.

Für die in der Fachzeitschrift “Psychological Science“ veröffentlichte Studie haben die Forschenden die Daten von mehr als 80.000 Erwachsenen mit Geschwistern aus neun Ländern analysiert – darunter auch Deutschland, die USA und Mexiko. Die Datensätze enthielten unter anderem Informationen über Lebensumstände und Persönlichkeitsmerkmale.

Der Einfluss von Geschwistern

Das Ergebnis: “Insgesamt legt die aktuelle Studienlage nahe, dass Geschwister einen überraschend geringen Einfluss auf die Persönlichkeit im Erwachsenenalter haben“, schreibt Dr. Julia Rohrer von der Universität Leipzig in einer Pressemitteilung. Das treffe sowohl auf den Einfluss des Geschlechtes der Geschwister als auch auf die Rolle der Geburtenreihenfolge zu.

Bislang war man davon ausgegangen, dass beide Faktoren sich zumindest mittelbar auf die Persönlichkeit der Kinder auswirken. Die sogenannten Birth Order Studies haben sich jahrelang mit den Auswirkungen der Geburtenreihenfolge befasst.



Sie kamen unter anderem zu der Erkenntnis, dass ältere Geschwister oft verantwortungsbewusster, ehrgeiziger und weniger kritikfähig sind, während Nesthäkchen dazu tendieren, chaotischer, kreativer und naiver zu sein. Sandwich-Kindern wird demnach nachgesagt, selbstständiger und durchsetzungsfähiger als ihre Geschwister zu sein. Die aktuelle Studie stellt diese Erkenntnisse zumindest infrage.

Ein weiterer Aspekt, der bereits in früheren Studien aufgegriffen wurde, ist der Einfluss des Geschlechtes im Geschwisterkontext. So ging man bislang davon aus, dass Brüder und Schwestern vor allem einen Einfluss auf die Stereotype haben. Also, dass wir zum Beispiel von unserem Bruder lernen, was typisch männlich ist und umgekehrt. Es gibt ebenfalls die Annahme, dass Menschen mit Geschwistern des anderen Geschlechtes eher dazu tendieren, Eigenschaften zu entwickeln, die dem Klischee entsprechen.

Typisch männlich, typisch weiblich

Eine These, die Rohrers Studie nun widerlegt hat. “Unsere Ergebnisse widerlegen die Idee, dass das Aufwachsen mit Brüdern oder Schwestern dazu führt, dass wir langfristig bestimmte Persönlichkeitseigenschaften entwickeln, die in einer Gesellschaft als 'typisch weiblich' oder 'typisch männlich' gelten.“

Für Einzelkinder sind das erstmal gute Nachrichten – denn das Aufwachsen ohne Geschwister bringt für ihre Persönlichkeit zunächst keine Nachteile mit sich. In Deutschland trifft das immerhin auf jedes vierte Kind zu. Und dennoch gibt es Dinge, die Kinder nur von anderen Kindern lernen können. Wer mit Geschwistern groß wird, lernt beispielsweise früher zu teilen, Rücksicht zu nehmen und aufeinander Acht zu geben.

Die Psychotherapeutin Inés Brock aus Halle (Saale) hat vor einigen Wochen im Gespräch mit dem stern gesagt: “Das Aufwachsen mit Geschwistern unterstützt die Sprachentwicklung, stärkt Em­pathie, Frustrationstoleranz und Resilienz und erleichtert es Kindern erleichtert, Freundschaften zu knüpfen und zu pflegen.“ Aber keine Sorge: Das sind alles Eigenschaften, die wir auch als Erwachsene noch ausbauen können.

Quelle: Studie von der Universität Leipzig

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