Vogelgrippe H5N1 ist nicht Y2K


Die Vogelgrippe ist zwar aus den Medien weitgehend verschwunden, doch die Gefahr ist längst nicht gebannt. Länder wie Indonesien und Laos bekommen den Erreger nicht in den Griff. Eine Pandemie hätte fatale Folgen für die ganze Welt.
Von Michael Lenz, Singapur

"Die Vogelgrippe ist nicht das Y2K der Viruswelt", warnt David Nabarro. Mit dem Vergleich spielt der oberste Vogelgrippe-Bekämpfer der Vereinten Nationen auf den "Millennium Bug" an, der zur Jahrtausendwende die Computersysteme lahm legen sollte. Eine Befürchtung, die sich in der Silvesternacht 1999/2000 im Rauch der Feuerwerke in Nichts auflöste.

Auf ein ähnlich glückliches Ende könne man bei der Vogelgrippe kaum hoffen. Nur weil es in den Medien um das Vogelgrippevirus ruhig geworden sei, sei die Gefahr nicht verschwunden, sagte Nabarro vor internationalen Journalisten am Sonntag auf der Konferenz von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) in Singapur. "Es wird eine Vogelgrippepandemie geben", sagte Nabarro und fügte hinzu: "Wir wissen nicht, wann. Wir wissen auch nicht, wie sie verlaufen wird. Deshalb müssen wir alle Kräfte mobilisieren, um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein."

Die Weltbank zeichnet ein pechschwarzes Bild für die Weltwirtschaft im Falle einer Vogelgrippepandemie. Ein weltweiter Ausbruch der Vogelgrippe unter Menschen werde die Weltwirtschaft bis zu zwei Billionen Dollar kosten. Mit dieser Prognose revidierte die Bank ihre frühere Einschätzung von Kosten von 800 Millionen drastisch nach oben. "Eine schwere Pandemie wird die Welt drei Prozent ihres Bruttosozialproduktes kosten", warnt Jim Adams, Vizepräsident für Ostasien und den Pazifik sowie Leiter der Vogelgrippe Task Force der Weltbank.

Herkulesaufgaben zu bewältigen

Adams nennt es "entscheidend", dass weltweit Programme zur Verhinderung von großen Ausbrüchen der Vogelgrippe gestartet würden. Die Bank habe bereits 150 Millionen Dollar in elf Ländern wie Albanien, der Türkei oder Laos ausgegeben, um die medizinischen und veterinärärztlichen Systeme zu stärken und Aufklärungskampagnen zu starten. Das hört sich gut an.

Aber welche Herkulesaufgaben zu bewältigen sind, macht der Gesundheitsminister von Laos deutlich. "Wir haben im ganzen Land nur drei Veterinärärzte", sagt Ponmek Dalaloy. Zudem habe sein Land eine 5000 Kilometer lange Grenze mit den fünf Nachbarländern China, Vietnam, Kambodscha, Thailand und Myanmar. In jedem dieser Länder ist das Vogelgrippevirus H5N1 weit verbreitet.

Sorgenkind Indonesien

Das große Sorgenkind von Weltbank und Weltgesundheitsorganisation ist Indonesien. Mit gutem Grund. Mit 220 Millionen Einwohnern ist Indonesien nicht nur das bevölkerungsreichste Land Südostasiens, es hat auch die größte Zahl von Hühnern und Enten der Region. Schätzungen sprechen von 1,3 Milliarden. Das H5N1-Virus wurde bereits in 29 der 33 Provinzen des Landes gefunden, die sich über 18.000 Inseln erstrecken. In den Dörfern, aber auch in Metropolen wie der 17-Millionen-Einwohnerstadt Jakarta, leben Menschen und Geflügel auf engstem Raum zusammen.

Da ist es kein Wunder, dass Indonesien mit 65 Vogelgrippeerkrankungen von Menschen den Weltrekord hält. 49 davon sind an der Infektion gestorben, das sind ein Drittel aller 144 Todesfälle durch H5N1. Noch besorgniserregender aber ist, dass sich die Todesfälle in bestimmten Regionen oder gar Familien gehäuft haben. Der größte Fall war bisher eine Familie in Karo auf Sumatra, die im August gleich sieben Tote zu beklagen hatte. Das legt den Verdacht nahe, dass sich das Virus von Mensch zu Mensch verbreitet hat. "Indonesien ist voll mit dem Vogelgrippeerreger", warnt Nabarro.

Gedämpfte Hoffnung auf Impfstoff

Vor seinem Auftritt in Singapur war Nabarro in Indonesien und brachte von dort die frohe Botschaft mit, das Land mache jetzt endlich ernst mit dem Kampf gegen die Vogelgrippe. Die Regierung von Präsident Susilo Bambang Yudhoyono war für ihre lasche Haltung gegenüber der Vogelgrippe zunehmend in die internationale Kritik geraten.

Nabarro warb jedoch um Nachsicht. Durch den Tsunami vor zwei Jahren, das Erdbeben und dem neuen Tsunami auf Java vor wenigen Monaten sei das Land ziemlich mitgenommen und überfordert. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Die indonesische Regierung hat Fälle von Vogelgrippe, wenn überhaupt, nur mit erheblicher Verspätung internationalen Organisationen gemeldet.

Nabarro dämpfte auch die Hoffnungen auf einen Impfstoff. Das Virus verändere sich kontinuierlich und es sei daher unmöglich vorauszusagen, welches Virus letztlich eine Pandemie auslöse. Von dem Ausbruch einer Pandemie bis zu einem Impfstoff gegen das tatsächliche Virus würden dann mindestens sechs Monate vergehen. Trotzdem würden Unternehmen und Staaten in die Entwicklung eines Impfstoffes gegen die bekannten Varianten des Virus investieren in der Hoffnung, mit diesen im Ernstfall eine erste Abwehrfront aufbauen zu können. Allerdings würden solche Mittel nur für diejenigen zur Verfügung stehen, die an vorderster Front des Kampfes gegen die Pandemie stehen werden, warnte Nabarro.

Vogelgrippe verschärft Armut

Schon bekommen immer mehr Menschen in den südostasiatischen Ländern die wirtschaftlichen Folgen der Vogelgrippe zu spüren. Millionen von Hühnern und Enten wurden zur Eindämmung der Verbreitung des Virus bereits notgeschlachtet. Betroffen sind hauptsächlich Familien und Kleinbauern, für die der Verlust des Federviehs einem drastischen Einkommensverlust gleichkommt. Minister Ponmek Dalaloy sagt: "Laos ist ein armes Land und wir sehen schon jetzt, dass die Armut durch die Vogelgrippe verschärft wird."

Weltbankexperte Jim Adams schätzt den Marktwert eines Huhns in den südostasiatischen Ländern auf zwei bis drei US-Dollar. Eine Kompensationszahlung müsse zwischen 50 und 75 Prozent des Markwertes liegen. "Da kommen Summen zusammen, die alleine von den Regierungen dieser Länder nicht aufgebracht werden können."


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