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Fragen und Antworten Warum wir das Warten auf die Herdenimmunität lassen sollten

Herdenimmunität
Wann können wir Freunden endlich wieder so nah kommen wie vor der Corona-Pandemie?
© franckreporter
Die Pandemie endet, wenn genügend Menschen immun gegen Covid-19 sind - dann greift irgendwann der Herdenschutz. Genau das wird aber voraussichtlich noch lange dauern. Ein Überblick über die Fakten.
Tina Pokern

Ein Ende der Corona-Pandemie ist nicht in Sicht. Damit dem Virus die Puste ausgeht, müssen erst genügend Menschen immun gegen das Virus sein. Das große Ziel: Herdenimmunität. Sie ist erreicht, wenn möglichst viele Menschen durch Impfungen oder nach einer überstandenen Covid-19-Infektion immun sind. Und das Virus dadurch möglichst wenige Möglichkeiten findet, sich weiter auszubreiten.

Ist das in absehbarer Zeit zu schaffen? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat das bereits Mitte Januar verneint. "Wir werden 2021 nicht irgendwelche Stufen von Bevölkerungsimmunität oder Herdenimmunität erreichen", sagte damals Chefwissenschaftlerin Soumya Swaminathan. Welche Kriterien dafür erfüllt sein müssten und woran es krankt, lesen Sie in diesem FAQ.

Wie viele Menschen müssen für eine Herdenimmunität immun sein?

60 bis 70 Prozent, also gut zwei Drittel der deutschen Bevölkerung, müssten gegen Covid-19 immun sein, damit von einer Herdenimmunität gesprochen werden kann. An dieser Zahl hat sich die Regierung lange orientiert, haltbar ist sie nicht mehr. Das Bundesgesundheitsministerium hat inzwischen den Prozentsatz auf 80 hochgeschraubt.  

Welchen Einfluss hat der R-Wert auf die Herdenimmunität?

Der R-Wert gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt. Geschätzt wird, dass dieser bei Sars-COV-2 bei 3,3 bis 3,8 liegt. Die Einschränkung: Es handelt sich dabei um die Basis-Reproduktionszahl (Ro).

Diese sinkt mit der Summe der Menschen, die gegen das Virus immun sind sowie durch Anti-Corona-Maßnahmen. Derzeit liegt der (effektive) R-Wert bei 0,94 (Robert-Koch-Institut, Stand 9.2.). Kann ein R-Wert unter 1 auf längere Zeit gehalten werden, flaut das Infektionsgeschehen ab, weil dann ein Infizierter im Schnitt weniger als eine weitere Person ansteckt. 

Was bringen die Schutzmaßnahmen?

Dass der R-Wert sich aktuell bei unter 1 eingependelt hat, liegt eben nicht nur daran, dass schon einige gegen das Virus immun sind, sondern vor allem daran, dass das Virus geringe Angriffsmöglichkeiten hat. Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen und die Maskenpflicht erschweren es dem Virus, sich ungehindert auszubreiten und sind damit dem R-Wert zuträglich. Werden die Maßnahmen aufgehoben, bevor genügend Menschen immun sind, steigen R-Wert und die Zahl der Neuinfektionen voraussichtlich schnell wieder an. 

Wie wird die Herdenimmunität errechnet?

Die Formel zur Errechnung der Herdenimmunität ist: 1-1/Ro. Da man zu Beginn der Pandemie bei Sars-COV-2 von einer Basis-Reproduktionszahl von etwa 3 ausgegangen ist, errechnete sich ein Wert von 66,7 Prozent - siehe die oben genannten 60 bis 70 Prozent. Diese Zahlen sind lange veraltet und mussten vor allem auf Grund der neuen Mutationen nach oben korrigiert werden.

Infografik
© dpa Grafik | dpa-infografik GmbH / dpa

Was ändern die Mutanten?

Mutanten wie B.1.1.7 sorgen dafür, dass noch mehr Menschen immun gegen das Virus sein müssen, damit eine Herdenimmunität erreicht wird. Denn die Virus-Variante ist weitaus ansteckender. So erläuterte die Virologin Melanie Brinkmann kürzlich im "Spiegel"-Interview: "Die britische Mutation hat eine Basisreproduktionszahl von schätzungsweise 4,5".  Rechenbeispiel: Angenommen der R-Wert läge mit bisherigen Virusformen bei 1, dann steckten 100 Infizierte im Schnitt 100 weitere Menschen an. Bei B.1.1.7 wären es 50 mehr. Also: Je ansteckender ein Virus ist, desto mehr Menschen müssen immun sein, damit es sich nicht unkontrolliert ausbreitet.

Dazu kommt, dass die neuen Varianten aus Südafrika und Brasilien möglicherweise nicht so gut auf die bereits erhältlichen Impfstoffe ansprechen. Während das Vakzin von Biontech/Pfizer auch gegen die britische und südafrikanische Variante gut wirkt, soll beispielweise der AstraZeneca-Impfstoff nur begrenzt wirksam sein.

Warum ist immun nicht gleich immun?

Immunität bedeutet erst einmal nur, dass man selbst nicht mehr krank wird. Solange man aber trotzdem den Virus weitergeben und andere infizieren kann, nützt das der Herdenimmunität nicht. Für diese ist eine sterilisierende Immunität notwendig, also eine, die sowohl einen selbst als auch andere schützt.

Fake-News im Faktencheck: Covid-19-Impfung

Ob eine sterilisierende Immunität über Corona-Impfungen erreicht werden kann, ist noch nicht sicher. Offen ist auch die Frage, ob eine Impfung dauerhaften Schutz bieten kann oder ob Auffrischungsimpfungen nötig werden - zu vergleichen mit der Grippe-Impfung. An solchen Vakzinen wird bereits geforscht.

Zudem ist, wer eine Covid-19-Infektion überstanden hat, nicht unbedingt dauerhaft immun. Es wurden bereits Fälle von Re-Infektionen bekannt, wenn auch verhältnismäßig selten und mit meist abgeschwächten Symptomen. Das könnte einerseits daran liegen, dass zu wenig Immunität aufgebaut wurde oder das der Immunschutz wieder nachlässt. Auch solche Fälle sind einem langanhaltenden Herdenschutz abträglich.

Quellen:BMGQuarks, Mailab


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