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WHO-Studie: Nachtschichten steigern das Krebsrisiko

Wer häufig nachts arbeitet, erhöht sein Risiko, an Krebs zu erkranken. Davor warnt das Krebsforschungszentrum der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach Auswertung verschiedener Studien. Bislang jedoch beziehen sich die Daten vorwiegend auf Krankenschwestern.

Von Claudia Wüstenhagen

Die Warnung der Forscher der "International Agency for Reserach on Cancer" (IARC) ist beunruhigend. In einer Studie, die in der Dezemberausgabe des Magazins "The Lancet Oncology" erscheint, kommen sie zu dem Ergebnis, dass wechselnde Schichten mit Nachtarbeit als "wahrscheinlich krebserregend" einzustufen sind. Ihre Einschätzung basiert vorwiegend auf Studien mit Krankenschwestern und Stewardessen, die besonders häufig von rotierenden Schichten mit Nachtarbeit betroffen sind.

Sechs von acht epidemiologischen Untersuchungen ergaben, dass Frauen, die über einen langen Zeitraum immer wieder nachts arbeiten, ein "mäßig" erhöhtes Risiko haben, an Brustkrebs zu erkranken. Bei einer Studie mit amerikanischen Krankenschwestern lag das relative Risiko sogar bei 79 Prozent. Zudem stützen sich die IARC-Forscher auf Tierstudien, bei denen eine permanente Beleuchtung oder Zeitverschiebungen wie beim "Jetlag" mit einem deutlich erhöhten Tumorrisiko einhergingen.

Nachtschichten stören die biologische Uhr

Die Wissenschaftler vermuten, dass die Entstehung von Krebs begünstigt wird, weil wechselnde Arbeitszeiten mit Nachtschichten den 24-Stunden-Rhythmus des Körpers durcheinander bringen. "Man nimmt an, dass der Einfluss auf den Melatoninspiegel als Hauptmechanismus dahinter steckt", sagt Eva Schernhammer, eine Professorin der Harvard Medical School, die seit einigen Jahren den Zusammenhang von Nachtschichten und Krebserkrankungen untersucht. Ihre Studien gehören zu den Arbeiten, auf die sich die IARC-Einschätzung stützt.

Melatonin, das der Körper nachts ausschüttet, ist ein "Hormon der Dunkelheit". Licht in der Nacht unterdrücke die Produktion, erklärt Schernhammer. Problematisch ist das deswegen, weil Melatonin wahrscheinlich die Entwicklung von Krebszellen einschränkt. Mit anderen Worten: Wer seine Nächte nicht im dunklen Schlafzimmer verbringt, sondern in einer hell erleuchteten Krankenhausstation Patienten bewacht oder im Flugzeug permanent Zeitzonen überquert, bietet Krebszellen langfristig offenbar verbesserte Bedingungen.

Jedoch seien gewisse Fehlerquoten bei den ausgewerteten Studien nicht ausgeschlossen, räumen die IARC-Wissenschaftler ein. Stewardessen etwa seien relativ starker kosmischer Strahlung ausgesetzt, was das erhöhte Krebsrisiko ebenfalls erklären könne. Zudem seien die Beweise für eine krebsfördernde Wirkung der Nachtarbeit begrenzt. "Dieses Feld ist noch jung", sagt die Harvard-Professorin Schernhammer. Noch gebe es zu wenige Studien. Auch hätten Forscher den genauen Zusammenhang von Melatoninspiegel und Krebsrisiko bislang nicht eindeutig geklärt.

Rotes Licht ist kaum praktikabel

Von Vorsichtsmaßnahmen wie etwa der Einnahme künstlicher Melatoninpräparate rät Schernhammer ab. Die langfristigen Nebenwirkungen könnten ebenfalls gesundheitsschädlich sein. Auch die Möglichkeit, die Lichtquelle zu wechseln, sei nur bedingt praktikabel. Zwar ist bekannt, dass langwelliges rotes Licht die Melatoninproduktion weniger unterdrückt als kurzwelliges blaues Licht. Doch mit rotem Licht am Arbeitsplatz könnte ein anderes Problem auftreten: Sinkt der Melatoninspiegel weniger stark, werden Nachtarbeiter müde und womöglich unkonzentriert.

Schernhammer meint daher, die negativen Folgen der Nachtarbeit könnten am besten reduziert werden, wenn es den Forscher gelänge herauszufinden, wie viele Nachtschichten pro Woche oder Monat tatsächlich schädlich sind. "Wir müssen noch besser herausarbeiten, wo die kritische Schwelle liegt", sagt sie. Auch das Alter der Nachtarbeiter könnte dabei eine Rolle spielen.

Ohnehin berücksichtigen die von der IARC ausgewerteten Studien bisher nur einzelne Berufsgruppen und Frauen, während vergleichbare Daten für Männer fehlen.

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