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Coronavirus in Deutschland: 10.999 oder 12.327 Covid-19-Fälle? 20 oder 28 Tote? Wie das Zahlen-Wirrwarr zustande kommt

Wie ist der aktuelle Stand in Sachen Coronavirus in Deutschland? Auskunft geben auch Statistiken, zum Beispiel vom Robert-Koch-Institut oder der Johns-Hopkins-Universität. Doch warum weichen die Zahlen mitunter deutlich voneinander ab?

Zahlen geben Orientierung. Wie stark steigen Covid-19-Fälle in Folge von Coronavirus-Infektionen in Deutschland? Wie viele Personen sind gestorben? Wie viele wurden positiv getestet? All das ist nicht nur für Virologen und Entscheidungsträger wichtig, sondern interessiert auch die Menschen im Land.

Verwirrung um Coronavirus-Zahlen

Doch Zahlen können auch verwirren und verunsichern. Zum Beispiel dann, wenn es aus unterschiedlichen Quellen unterschiedliche Zahlen zu derselben Sache gibt. So wie in der aktuellen Sars-CoV-2-Krise. Das Robert-Koch-Institut (RKI), die Weltgesundheitsorganisation, die Gesundheitsbehörden der Länder und die US-amerikanische Johns-Hopkins-Universität veröffentlichen regelmäßig Statistiken zur Ausbreitung von Covid-19 in Deutschland – und warten immer wieder mit abweichenden Zahlen auf. Woran liegen die Unterschiede? Wie kommen die Zahlen zustande? 

Das RKI ist die zentrale Seuchenschutzbehörde in Deutschland und berät die Bundesregierung in allen Fragen rund um die Ausbreitung von Sars-CoV-2. Seine Statistiken haben daher besonderes Gewicht. Nachdem es seit Beginn der Krise lange Zeit beim RKI selbst voneinander abweichende Zahlen aufgrund unterschiedlicher Meldeverfahren gab, hat die Behörde jetzt komplett auf eine elektronische Erfassung der Fälle umgestellt, sodass die Daten nun in sich konsistent sind.

Der Meldeweg für die Zahlen ist dabei genau vorgegeben: "In Deutschland übermitteln die rund 400 Gesundheitsämter mindestens einmal täglich (in der aktuellen Lage noch häufiger) pseudonymisierte Daten zu bestätigten Covid-19-Fällen auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes elektronisch an die Bundesländer. Die wiederum übermitteln die Daten zu den Covid-19-Fällen elektronisch an das RKI", teilt die Behörde mit. Einmal am Tag, meist vormittags, veröffentlicht das RKI seine aktuellen Zahlen im Internet sowie in einem Lagebericht – mit Stand von Mitternacht. Die Weltgesundheitsorganisation übernimmt die Zahlen des RKI jeweils einen Tag später für ihren weltweiten Situationsbericht.

Das RKI erklärt, dass seine Statistik naturgemäß keinen Echtzeitverlauf zeigen kann: "Zwischen dem Bekanntwerden eines Falls vor Ort, der Meldung an das Gesundheitsamt, der Eingabe der Daten in die Software, der Übermittlung an die zuständige Landesbehörde und von dort an das RKI liegt eine gewisse Zeitspanne." Diese könne bis zu drei Tage lang sein, sei derzeit in der Regel aber kürzer. "Aufgrund des Meldeverzugs zwischen dem Bekanntwerden von Fällen vor Ort und der Übermittlung an das RKI kann es Abweichungen zu den zum Beispiel von den Bundesländern aktuell herausgegebenen Zahlen geben."

Ein Beispiel: Am 19. März um 10 Uhr veröffentlichte das RKI online für das Bundesland Niedersachsen 669 Covid-19-Fälle. Das Gesundheitsministerium des Landes selbst, das seine Zahlen von den Gesundheitsämtern in den Landkreisen und kreisfreien Städten erhält, meldete dagegen zu dieser Uhrzeit 740 Fälle. Diese werden erst in den nächsten Tagen Eingang in die Statistik des RKI finden.

Einen anderen Anspruch an ihre Zahlen hat die Johns-Hopkins-Universität in Baltimore. Sie nimmt weltweit eine führende Rolle in Medizin und Gesundheitswissenschaften ein und will Zahlen an Erkrankten, Verstorbenen und Genesenen für die ganze Welt nahezu in Echtzeit liefern. Die Karte der Universität ist daher für viele Bürgerinnen und Bürger, Journalistinnen und Journalisten sowie Politikerinnen und Politiker ebenfalls ein zentrales Informationstool. Doch die Zahlen weichen teils erheblich von denen des RKI ab, wie die Stichprobe vom 19. März, 10 Uhr zeigt. Für Deutschland vermeldet die Hochschule 12.327 bestätigte Covid-19-Fälle (RKI: 10.999), 28 Tote (RKI: 20) und 105 Genesene (RKI: keine Angabe).

Wieso weiß eine mehr als 6000 Kilometer entfernte Stelle scheinbar mehr als die zentrale Gesundheitsschutzbehörde in Berlin? Die Forscher an der Johns-Hopkins-Universität zapfen mehrere Quellen an, wie sie in einem ausführlichen FAQ erläutern: "Zu den Datenquellen gehören die Weltgesundheitsorganisation, die US-Zentren für Seuchenkontrolle und -prävention, das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten, die Nationale Gesundheitskommission der Volksrepublik China", so die Universität. Darüber hinaus werte man die Daten einer der weltweit größten Online-Community für Ärzte, Apotheker und Angehörige der Gesundheitsberufe sowie lokale Medienberichte aus. 

Wenn also eine deutsche Lokalzeitung über an den Folgen einer Coronavirus-Infektion Verstorbene in ihrem Verbreitungsgebiet berichtet, kann dies nach einer Verifizierung durch die Wissenschaftler schnell in die Darstellung der Universität einfließen, wird aber erst später in die Statistik des RKI Eingang finden.

Diese Form der Erhebung bringt es mit sich, dass die Zahlen der Johns-Hopkins-Universität und die offiziellen Angaben deutscher Behörden immer voneinander abweichen. Wer sich mit den Zahlen zum Coronavirus beschäftigt, sollte sich daher immer die Quelle der Daten und ihren Stand vor Augen führen – und die Tatsache, dass die Dunkelziffer an Infizierten nach Einschätzung der Experten ohnehin viel höher ist.

+++ Alles zum Coronaviorus hier im stern-Special +++

Quellen: Robert-Koch-Institut, Johns-Hopkins-Universität (1), Johns-Hopkins-Universität (2)Weltgesundheitsorganisation, Land Niedersachsen

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