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Erstausstrahlung vor 42 Jahren Bombenanschläge: Wie rechte Terroristen das Zeigen der Serie "Holocaust" verhindern wollten

Szene aus "Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss", Sendeanlagen Koblenz und Longinusturm
Rechtsterroristen wollten durch Sprengstoffanschläge auf die Sendeanlagen Koblenz (r.) und im Münsterland 1979 die Ausstrahlung der Serie "Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss" verhindern
© DPA / Picture Alliance, Bildagentur-online / Picture Alliance, Schangel / Wikimedia / CC BY-SA 3.0
Heute vor 42 Jahren wurde in Deutschland Fernsehgeschichte geschrieben. Die Erstausstrahlung der Serie "Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß" löste millionenfaches Entsetzen über die Verbrechen im Dritten Reich aus. Neonazis wollten seinerzeit die Ausstrahlung verhindern und  legten Sprengsätze an Sendeanlagen.

Am 22. Januar 1979 um 21 Uhr wird  in Deutschland Fernsehgeschichte geschrieben. Die erste Folge des Vierteilers "Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß" feiert Premiere – jedoch nicht im Ersten Programm der ARD. Schon der Ankauf der Ausstrahlungsrechte durch den Westdeutschen Rundfunk sorgte für Diskussionen mit anderen Sendeanstalten. "Nach langem Hin und Her beschlossen die ARD-Intendaten, den mehr als sieben Stunden dauernden Vier-Folgen-Film nicht im bundesweiten ARD-Programm, sondern gleichzeitig in allen dritten Programm – also ebenfalls bundesweit – zu senden", notierte seinerzeit eine Tageszeitung. Die Serie wurde dennoch ein Straßenfeger. Fast jeder zweite Erwachsene sah zwischen dem 22. und dem 26. Januar mindestens eine Folge. In vielen Schulen standen Diskussionen über die Serie auf dem Stundenplan.

Es war vor allem die Art der Darstellung des Holocausts, die neu war: Die unvorstellbaren Gräuel des Völkermords, eingebettet in eine fiktive Geschichte. Viele verstanden durch die Serie zum ersten Mal die Tragweite der beispiellosen Verbrechen der Nationalsozialisten. 

Zwei Explosionen gegen "Holocaust"-Ausstrahlung

Genau das wollten im Winter 1979 Rechtsterroristen verhindern. Am 18. Januar um 20.15 Uhr strahlte die ARD im Vorfeld des Vierteilers die Dokumentation "Endlösung. Judenverfolgung in Deutschland 1933 –1945". Nach einer knappen halben Stunde erlosch das Fernsehprogramm auf Hunderttausenden Bildschirmen.

"Gestern Abend um 20.40 Uhr wurden durch eine Sprengstoffdetonation die Leitungen zum Südwestfunksender Koblenz am Fuße des 280 Meter hohen Sendemastes für das erste Fernsehprogramm sowie für die drei Hörfunkprogramme zerstört. Damit fielen alle Programme des Südwestfunks über den Sender Koblenz und die nachgeschalteten Sender Linz und Bad Marienberg sowie über 100 Füllsender aus", vermeldete der damalige Südwestfunk im Radio am nächsten Tag. Auch im Münsterland gab es eine Explosion. Am Longinusturm in Baumberge zerstörte die Detonation Fernmeldeanlagen der Bundespost, die Sendeanlagen für das Fernsehen waren jedoch nicht betroffen. Verletzt wurde bei den Anschlägen niemand.

Schnell vermuteten die Ermittler einen terroristischen Hintergrund, denn in rechten Publikationen wurde in den Tagen zuvor zur Sabotage aufgerufen. Jeder "anständige Deutsche" sei aufgefordert, die Ausstrahlung der TV-Serie zu verhindern, hieß es unter anderem darin. Der Generalbundesanwalt und das Bundeskriminalamt übernahmen die Ermittlungen.

Die Beamten trugen den Schnee rund um den schwer beschädigten Sockel des Sendemastes bei Koblenz ab und sicherten Spuren im Schmelzwasser: Ein zehn Kilogramm schwerer Sprengsatz war zum Einsatz gekommen, stellten die Ermittler fest. Die Blechverkleidung des Mastsockels flog durch die Wucht der Explosion 50 Meter weit. 

Die Tat reklamierte eine Gruppe, die sich "Internationale revolutionäre Nationalisten" nannte, telefonisch für sich. Doch wer genau hinter der Gruppierung und den Sprengstoffanschlägen steckt, wurde erst Jahre später klar.

Täter wird 1987 festgenommen

Erst 1987 nahm die Polizei den Täter fest, auch durch Informationen eines Stasi-Doppelagenten und durch die Auswertung von Spuren in einem ausgehobenen Waffendepot: Peter N. aus Wiesbaden, damals Mitte 30, studierter Chemiker, langjähriger Funktionär der NPD-Jugendorganisation JN, Rechtsterrorist. Er galt in Neonazi-Kreisen als "Bombenhirn" und wollte seine Fertigkeiten nutzen, um gemeinsam mit Komplizen die Sendeanlagen zu zerstören und so die Ausstrahlung von "Holocaust" verhindern.

1988 erhielt N. vom Oberlandesgericht Frankfurt am Main unter anderem wegen der Sprengstoffanschläge und Verstößen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz eine Haftstrafe von viereinhalb Jahren. 

Zum Erstausstrahlungstermin des Vierteilers "Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss" am 22. Januar 1979 konnten alle Zuschauer rund um den Sender Koblenz vor dem Fernseher dabei sein, schon am Abend des Anschlags konnte der Notbetrieb wieder aufgenommen werden – die Rechtsterroristen konnten diesen Teil der Aufarbeitung des NS-Unrechts nicht verhindern.

Nach seiner Haftentlassung wurde Peter N. wieder für die NPD aktiv. Er will der Gewalt abgeschworen haben.

Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals am 10. Januar 2019. Anlässlich des Jahrestags der "Holocaust"-Erstausstrahlungen haben wir ihn in überarbeiteter Form erneut veröffentlicht.

wue

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