"Brisant" ist ein überstrapaziertes Wort - aber selten trifft es so präzise zu wie bei "Palästina 36" (ab 14. Mai im Kino). Annemarie Jacir nimmt uns mit zurück in die Zeit des palästinensischen Aufstands gegen die britische Kolonialmacht im Jahr 1936. Doch der Film fühlt sich nicht wie ein verstaubtes Geschichtsbuch an. Rund 90 Jahre später erscheinen viele Konfliktlinien erschreckend vertraut - näher, als man es von einem Historienfilm erwarten würde.
Ein Land im Umbruch
Im Zentrum des Films steht Yousef (Karim Daoud Anaya), der zwischen Land und Stadt pendelt: In seinem Dorf Al-Basma kämpfen die Bauern gegen Landenteignungen und Siedler, die ihre Felder niederbrennen. In Jerusalem fährt er als Chauffeur den wohlhabenden Amir Atef (Dhafer L'Abidine) durch die Gegend.
Während in der Stadt die Elite bei Jazzmusik feiert und der britische Hochkommissar (Jeremy Irons) den neuen Radiosender einweiht, eskaliert auf dem Land die Gewalt. Jacir zeigt uns das durch kleine, aber heftige Momente: Hafenarbeiter, die Waffen in Fässern entdecken; Frauen, die Pistolen unter Matratzen verstecken; und Kinder, die zwischen Höhlenverstecken und britischen Soldaten aufwachsen.
Kein Heldenepos, sondern ein Kampf ums Überleben
Der Film verzichtet darauf, nur eine einzige heldenhafte Geschichte zu erzählen. Er ist ein Mix aus vielen Leben: Da ist die Journalistin Khuloud (Yasmine Al Massri), die heimlich unter Männernamen schreibt; der christliche Priester, der zur Ruhe mahnt (Jalal Altawil); und der Rebell Khalid (Saleh Bakri), der erst zum Widerstand findet, als er am Hafen geschlagen und um seinen Lohn betrogen wird.
Die Kamera bleibt dabei oft ganz nah dran. Wenn die britische Militärpolizei unter Captain Wingate (Robert Aramayo) zuschlägt, sieht man die Brutalität in den Gesichtern und spürt die Ohnmacht der Dorfbewohner. Gleichzeitig gibt es Momente tiefer Zärtlichkeit, wie wenn Großmutter Hanan (Hiam Abbass) ihrer Enkelin Afra die Haare bürstet. Dieser Kontrast macht den Film so wirkungsvoll.
"Palästina 36" verortet einen historischen Moment, der in vielen westlichen Debatten über den Nahostkonflikt kaum präsent ist, obwohl er frühe Strukturen von Landverlust und politischer Marginalisierung sichtbar macht. Jacirs Film ist groß gedacht, fast episch angelegt, und zugleich erstaunlich präzise im Detail. Er erzählt kein Einzelschicksal, sondern ein Geflecht aus Perspektiven. Visuell ist "Palästina 36" beeindruckend: weite Landschaften, sorgfältig komponierte Bilder, eine Kamera, die Nähe zulässt, ohne sentimental zu werden.
Fazit
Nicht alles ist perfekt. Einige Figuren auf Seite der Briten wirken schon fast klischeehaft. Hier kippt der Film stellenweise ins Vereinfachende, wo er eigentlich differenzieren könnte. Und man braucht Geduld für die vielen einzelnen Szenen, die sich erst langsam zu einem großen Ganzen zusammenfügen.
Und doch: Die größte Stärke von "Palästina 36" liegt darin, wie konsequent er das Persönliche mit dem Politischen verknüpft. Am Ende bleibt kein Gefühl eines abgeschlossenen Kapitels der Geschichte, sondern von Kontinuität. Und genau darin liegt die beunruhigende Kraft dieses Films: Er wirkt weniger wie ein historisches Drama als wie ein Echo, das noch in der Gegenwart hallt - und zwingt sein Publikum, das auszuhalten.