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Dichter-Streit: Berliner gewinnt "German Poetry Slam"

Der Berliner Sebastian Krämer ist in der Nacht zum Sonntag in Darmstadt zum besten deutschsprachigen "Straßen-Poeten" gekürt worden.

Der Berliner Sebastian Krämer ist in der Nacht zum Sonntag in Darmstadt zum besten deutschsprachigen "Straßen-Poeten" gekürt worden. Der 27 Jahre alte Entertainer verwies in der Endrunde des "7. German International Poetry Slam" den 33 Jahre alten Bonner Michael Schönen auf den zweiten Platz. Krämer wiederholte damit seinen Erfolg von 2001. In der Sparte Team gewannen in Frankfurt die Passauer Markus Pissarek und Raimund Meisenberger. Insgesamt waren 76 so genannte Slammer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz am Start.

Mit Krämer und Schönen setzte sich der feine Witz und die lyrische Form gegen die Kurzgeschichten mit ihren oft zotigen Anspielungen durch. Höhepunkt des Abends war die fünfminütige zornige Abrechnung von Krämer mit dem allgegenwärtigen Phänomen Mikrofon - ohne akkustische Verstärkung rief er den etwa 1000 Zuhörern im Saal zu, dass das Mikrofon als "Hip-Hop-Ansaugapparat", als Abhör-Utensil der Staatssicherheit und als Missionsverstärker in der Kirche diene, der die Pfarrer auch nicht glaubwürdiger mache. Moses und Gott seien bei ihren Ansprachen schließlich auch ohne Mikrofon ausgekommen.

Michael Schönen trug kleine Gedichte vor - in der Tradition eines Heinz Erhard und Robert Gernhard. Mit seinem Plädoyer für den Verzicht auf die Vorsilbe "ver" brachte er die Zuhörer zum Grübeln und Lachen, denn ohne "ver" würden Männer und Frauen friedlich zusammen -kehren, Priester würden die Sünden -geben und Politiker das Volk nur -schaukeln und -trösten.

Trophäe: ein Bembel

Bis die Sieger ihre Trophäe - einen Bembel (Tonkrug) gefüllt mit saurem Apfelwein - in Empfang nehmen konnten, mussten sie insgesamt vier Mal auf die Bühne. In sechs Vorrunden wurden 12 Finalisten ermittelt. Dabei sieht das Reglement vor, dass jeweils vier Kandidaten gegeneinander antreten. Sie tragen innerhalb von sieben Minuten - einer Pils-Länge - Gedichte oder Kurzgeschichten vor. Dabei zählt auch die Performance. Am Ende entscheidet das Publikum, welcher Slammer weiterkommt.

Im Gegensatz zu den bisherigen Meisterschaften, wo eine Jury aus dem Publikum gewählt wurde, durften in Darmstadt alle ihre Stimme per Wahlzettel abgeben. Die Abstimmung im entscheidenden Stechen erfolgte mit Dichtungsringen: Alle Zuschauer kamen nach vorne und stülpten ihrem Favoriten einen Gummiring über einen Holzstock. Das zog sich bei rund 1000 Zuhörern etliche Minuten hin. "Aber dieses Verfahren ist gerade bei unseren großen Slams wichtig, weil das Publikum auf diesen Weise den Slammern auch mal nahe kommt", sagte Organisator Alex Dreppec.

Normalerweise treten die Straßen-Künstler in kleinen Clubs vor nicht mehr als 100 Zuhörern auf. In Darmstadt haben es Dichter Dreppec und der Lehrer Oliver Gaußmann geschafft, innerhalb von zwei Jahren bei jeder "Poetenschlacht" eine Gemeinde von etwa 1000 Fans zu versammeln und damit zum größten deutschen Slam aufzusteigen. Für die 15 Veranstaltungen der vier Tage dauernden Meisterschaften haben sie nach ersten Schätzungen 4000 Karten verkauft.

Der Weg der Kommerzialisierung

Damit zeichnet sich bereits die Entwicklung des Slam ab: Die 1986 in Chicago erfundene Kunstform des Underground geht den Weg der Kommerzialisierung. Noch gibt es außer Spesen nichts zu gewinnen, noch ist der Charme der Amateure spürbar. Aber das Rennen machen immer häufiger die Profis. So verdient Sebastian Krämer seinen Lebensunterhalt mit einem schrägen Entertainmentprogramm in Berlin. Michael Schönen arbeitet neben seinem Job in einem Call-Center an einer Bühnenkarriere.

Auch die Büchertische am Saaleingang werden immer voller. Das gesprochene Wort wird zwischen Buchseiten gepresst oder auf CD gebrannt. So hat Darmstadt als erste deutsche Slam-Stadt die besten Stücke aus den vergangenen Jahren auf CD archiviert. Diese Entwicklung ist für Dreppec nicht mehr aufzuhalten - und warum auch: "Ich habe nichts dagegen, wenn Slammer mit ihrer Arbeit Geld verdienen." Der nächste "German International Poetry Slam" wird im kommenden Herbst in Stuttgart ausgetragen.