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George Orwell: Was bleibt von Orwell?

Während Orwells Bücher in den westlichen Demokratien zur Pflichtlektüre in den Schulen zählen, tun sich andere Staaten noch schwer mit der Akzeptanz. Und wie sehr leben wir heute in "1984"?

Die Bücher bzw. die Verfilmungen der "Farm der Tiere" und von "1984" erlangten Weltruhm. Zumindest in Westeuropa zählen sie zur Pflichtlektüre an den Gymnasien.

Die "Farm der Tiere" in Politik und Religion

Selbst sechzig Jahre nach Erscheinen werden sie allerdings von kommunistischen Regimen nach wie vor argwöhnisch beäugt. Die "Farm der Tiere", eine politische Satire auf die russische Revolution und den Stalinismus, wurde in Peking beispielsweise erst vergangenen November als Theaterstück uraufgeführt, und der Regisseur Shang Chengiun sah sich genötigt zu betonen, dass das Stück keinen Angriff auf den Kommunismus darstelle. "Was ich den Leuten sagen will ist: Seid nicht denkfaul! Wenn ihr seht, dass bei euch etwas falsch läuft, widersprecht sofort!". Dennoch hatte er das Gefühl, dass nur wenige das Stück wirklich begriffen hätten. Die meisten sähen sich als eines der Tiere und ihnen fiele es schwer, sich selbst zu kritisieren.

Vor gut einem Jahr wurde die "Farm der Tiere" in den Vereinigten Arabischen Emiraten aus den Schulbibliotheken und Lehrplänen verbannt. In diesem Fall war die Begründung weniger politischer als vielmehr religiöser Natur: Das Buch widerspreche den arabischen und islamischen Traditionen - beispielsweise würden alkoholische Getränke und Schweine gezeigt, die im Islam als unrein gelten.

"Big Brother" und der Überwachungsstaat

"Big Brother" steht als Synonym für die Überwachungsgesellschaft. Seit 1998 wird in mehr als zehn Ländern der "Big Brother Award" verliehen, in Deutschland seit dem Jahr 2000: eine Negativauszeichnung, die Verstöße gegen den Datenschutz ahnden will. Im Jahr 2002 mussten sich keine Geringeren als Microsoft, der Deutsche Bundesrat, die Innenminister Nordrhein-Westfalens und Hessens, das Bundeskriminalamt, die Bayer AG und die Deutsche Post AG "entehren" lassen. Das Softwareunternehmen geriet wegen der Verbreitung eines labilen Betriebssystems in die Kritik; der Bundesrat wegen seines Beschlusses, dass Telekommunikations-Anbieter die Verbindungsdaten der Nutzer speichern müssen; der Bayer AG wurde angekreidet, von Ausbildungsplatzbewerbern einen Drogentest zu verlangen, und die Post wurde für die Weitergabe der Kundendaten zu Werbezwecken abgeurteilt.

Koordiniert wird der "Big Brother Award" von den britischen Datenschützern "Privacy International" (PI), die am heutigen 100. Geburtstag George Orwells gedacht haben. Geplant war der Besuch seines Grabes in Berkshire sowie seiner Stammkneipe und seines Lieblingsrestaurants. Also eher ein ruhiges Gedenken als ausgelassenes Feiern, dazu gäbe es angesichts der starken Überwachung in Großbritannien auch keinen Anlass. Vielmehr steht ein harter Arbeitstag auf dem Plan, damit Gegenmaßnahmen eingeleitet werden können.

Überwachte Gesellschaft Großbritanniens

Statistiker haben errechnet, dass diejenigen, die sich in britischen Städten bewegen, bis zu 300 Mal am Tag gefilmt werden. Weltweit sollen 25 Millionen Überwachungskameras aufgebaut sein, von denen allein zehn Prozent in Großbritannien stehen, in Deutschland sind mehr als 100.000 Kameras im Einsatz. Seit Anfang der Neunziger wurden die Kameras in Großbritannien immer mehr verbreitet und von Politikern befürwortet, da sie zur Senkung der Kriminalitätsrate beitrügen. Die Kritiker bezweifeln das, und Organisationen wie "Privacy International" versuchen auf die Gefahren des Überwachungsstaates hinzuweisen. Dennoch fürchtet sich in Großbritannien nur eine Minderheit vor einem wie in "1984" beschriebenen Kontrollstaat, dem Gros der Bürger scheinen die Kameras mehr Sicherheit zu suggerieren. Und dabei flogen Anfang dieses Jahrtausends noch einige britische Wachmänner auf, die Liebespärchen beim Schäferstündchen im Park filmten und Kopien dieser Aufnahmen verkauften.

Birgit Helms