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Interview Florian Havemann: "Mein Vater? Ein kleines, triebgesteuertes Männchen"

War Robert Havemann, der berühmteste Dissident der DDR, ein Säufer und Weiberheld? Hatte Wolf Biermann enge Kontakte zu Margot Honecker? Florian Havemann erzählt in seinem umstrittenen Buch "Havemann" Geschichten, die viele erzürnen.

Von Arno Luik

Ich fürchte, Herr Havemann, Sie sind ein tragischer Fall.

Wie bitte? Ich bin Verfassungsrichter, habe Frau, drei Kinder, ich bin ein Künstler, ich bereite gerade eine große Ausstellung vor und ...

... Sie sind vor allem immer das: Sohn eines bekannten Vaters. Sie sind nun fast 60 - und machen das, was die meisten Menschen mit der Pubertät erledigen: sich abarbeiten am Vater, an der Mutter, an der Familie.

Künstler, hat Goethe gesagt, haben die Fähigkeit, immer wieder eine Pubertät zu erleben. Und ich habe die Fähigkeit, mich gut an meine Jugend, meine Vergangenheit zu erinnern. Ich erzähle Geschichten, bittere Momente, zum Teil furchtbare Geschichten, das Leben von drei Generationen der Familie Havemann, die in einer schrecklichen Zeit gelebt haben, diesem 20. Jahrhundert, eine Familie, die in ideologische Kämpfe gezogen wurde, eine Zeit, in der sich Privates und Politisches mischte und ...

... auf 1092 eng beschriebenen Seiten hauen Sie auf Ihren Vater Robert ein, speien Ihre Wut und Ihren Ekel gegen ihn aufs Papier, dass ...

Dass was? Was für ein Buch haben Sie gelesen?

Ihr Buch. "Havemann".

Vielleicht habe ich es nicht für Sie geschrieben. Andere Leser empfinden es anders, als eine Art Liebeserklärung, sie bewundern, wie wohlwollend, unter wie vielen Aspekten ich meinen Vater betrachte.

Wohlwollend? Am 21. August 1968, als die Warschauer-Pakt-Truppen in Prag einmarschierten und Sie - als einer der wenigen in der DDR - dagegen protestierten und verhaftet wurden, lag Ihr Vater, der Oberdissident der DDR, "ein kleines, triebgesteuertes Männchen", wie Sie schreiben, mit seiner ehemaligen Sekretärin im Bett, "die ihn alle drei Monate mal ranließ".

So war es. Warum soll ich das verschweigen? Ich mache den Menschen Havemann lebendig.

Sie machen ihn lächerlich.

Nein. Die Geschichte ist so passiert. Das ist doch wunderbar! Große Weltgeschichte passiert anders als in den Geschichtsbüchern - verrückt, bizarr, merkwürdig. Und es ist doch toll, dass der Mensch mehr ist als eine erstarrte Heldenlegende.

Ihr Vater, Robert Havemann, ist für die meisten eine Lichtgestalt.

Er ist ein Denkmal. Doch das Denkmal ist tot.

Schulen und Straßen sind nach ihm benannt, es gibt eine Havemann-Gesellschaft und ein Havemann-Archiv, er war ein Held in Ost und West.

Nochmals: Das ist die Legende. Ein Objekt blinder Liebe. Aber das ist nicht der Mensch Robert Havemann, so wie ich ihn kenne. Dieser Mensch ist viel komplexer.

Ihr Havemann sieht so aus: Er ist ein Säufer, ein Cognacschwenker, faul und träge, ein Frauenheld, einer ...

Ja, er liebte Frauen, na und? Darf man das nicht? So haben wir ihn erlebt. Was wollen Sie mit Ihrer kleinbürgerlichen Moral?

... einer mit Spaß an selbst geschossenen Pornofotos und einer unersättlichen Lust auf "junges Gemüse", die sogar nicht haltmachte vor ...

... sollen wir nun das alles durchgehen, was Sie mir da erzählen? Was soll der Quatsch?

Einer Lust, die nicht haltmachte vor der eigenen Tochter.

Das steht doch so in dem Buch nicht drin.

Doch.

Nein.

Auf Seite 563 erzählen Sie, wie Carmen, Ihre damalige Freundin, einen Abend bei Robert Havemann erlebt: "Auch mein Vater und meine Schwester seien dann zu Bett gegangen ..."

Das brauchen Sie nicht alles vorzulesen.

Warum, sagen Sie mal, erzählen Sie solche unglaublichen Geschichten?

Weil sie wichtig für mich sind. Und mir ist diese Geschichte so erzählt worden. Ich muss sie erzählen, weil meine Liebe zu dieser Frau erklärt, warum ich in den Westen abgehauen bin, warum ich in der DDR verrückt geworden wäre.

Ihre Schwester sieht das ganz anders, sie möchte, dass alle Passagen mit ihr in dem Buch gestrichen werden, denn: "Wie hätte ich mir ausdenken können, dass mein Bruder fähig ist, dem Leser zu suggerieren, mein Vater und ich hätten eine inzestuöse Beziehung gehabt."

Ich suggeriere gar nichts, ich erzähle eine Geschichte so, wie sie mir erzählt worden ist.

Sie suggerieren nicht nur, Sie machen Schlimmeres: Sie verletzen mit Ihren Geschichten Menschen, Sie beuten Intimstes aus.

Nein. Ich beute niemanden aus. Machen Sie doch bitte Ihren eigenen Berufsstand nicht schlecht. Meine Schwester hat Psychologie studiert, und sie weiß doch, dass jedes Kind von seinen Eltern ein eigenes Bild hat.

"Mein Bruder", schreibt sie im "Spiegel", "muss einen anderen Vater gehabt haben."

Da ist sie nun wirklich völlig unter ihrem intellektuellen Niveau. Das löst in mir etwas aus, was ich nicht mag: Verachtung. Ich habe meine Schwester für weise, viel klüger gehalten. Die Geschichten, die ich erzähle, liegen ja Jahrzehnte zurück, sie sind im kollektiven Gedächtnis der Familie.

Auch Ihr Bruder ruft erzürnt aus: "Schweinerei!"

Ach. Das ist doch idiotisch. Er hat, soweit ich weiß, das Buch nicht gelesen. Meine Geschwister haben nun die große Chance, nein, stehen in der Gefahr, als völlige Idioten in die Literaturgeschichte einzugehen - als Verhinderer. Sie machen sich lächerlich.

Ihre Schwester will nicht mehr mit Ihnen reden.

Ja, so ist das eben, es ist schrecklich. Es gibt immer Phasen des Krieges, wo sich alle gegen mich zusammenrotten. Ich halte das aus. Und ich weiß: Mein Buch wird bleiben. Als Klaus Mann "Mephisto" schrieb, ist Gustaf Gründgens dagegen vorgegangen, der Roman wurde verboten. Heute kann jeder das ganze Buch lesen. Ein interessantes Buch wird immer seine Leser finden, es werden sich Menschen dafür einsetzen.

Und Sie haben das geschrieben - "ein interessantes Buch"?

Ich bin sehr froh, dass ich es gemacht habe. Viele Menschen halten es für ein wichtigesBuch.

Gegen Ihr Buch hat nicht nur Ihre Schwester Einwände, noch einige andere haben Einsprucherhoben. Es ist fraglich, ob Ihr Werknochmals erscheinen darf. Und falls ja - es wird auf jeden Fall schrumpfen.

Ich habe keine Ahnung, was herauskommt. Es geht letztendlich um die Zerstörung eines literarischen Werkes. Und wer das will, setzt sich ins Unrecht. Wir haben es nun mit einer Reihe juristisch unterfütterter Einsprüche zu tun. Was da im Augenblick passiert, es kommt mir so vor wie die Wiedereinführung der DDR-Zensur mit privatrechtlichen Mitteln.

Sie machen es sich verdammt einfach. Sie setzen Behauptungen in die Welt, Unterstellungen - etwa: Wolf Biermann habe in der Nacht vor seiner Ausbürgerung 1976 mit Margot Honecker geschlafen, seine Ausbürgerung sei im Grunde ein abgekartetes Spiel mit den DDR-Machthabern und ...

... ich halte das für möglich.

Biermann sagt dazu nur: "Gequirlte Scheiße!"

Er hat das Buch, sagt er, nicht gelesen. Ich lege da ein Puzzle hin, ein unfertiges Bild, Geschichten, die ich seit vielen Jahren mit mir herumtrage. Und alle, die Biermann damals kannten, alle, die um ihn herum waren, wussten: Der Mann will in den Westen. Er sehnte sich nach dem großen Auftritt.

Sie operieren mit Unterstellungen.

Ich denke mir doch nichts aus. Nochmals: Ich erzähle Geschichten, Erinnerungen, es sind meine Erinnerungen.

Und wenn sich die Betroffenen Ihrer Geschichten wehren, weil sie das Erlebte anders erinnern, sagen Sie einfach: Das sind Geschichten, die mir so erzählt wurden, ich sehe sie so.

Ja, aber ich benenne ja auch meine Zweifel, ich sage sogar: Es ist ein egoistisches, ein vollkommen egozentrisches Buch, ein ungerechtes sicher, ein für viele verletzendes auch. Es ist Literatur. Ich transportiere Haltung. Wenn man so ein Buch schreibt, muss man - leider - mit Einsprüchen rechnen. Aber diese Einsprüche sind für mich auch ein Zeichen von Dekadenz.

Was meinen Sie denn damit?

Ich habe das Gefühl, dass viele Leute die Wirklichkeit nur noch wattiert ertragen. Sie halten andere Ansichten nicht aus, ertragen Widersprüche nicht mehr - geistige Schwäche greift um sich. Ganz schnell wird geklagt. Aber sie werden dieses Buch nicht totkriegen. Es ist da, und es wird leben - allen Kleingeistern zum Trotz.

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