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Presseschau: Grass, der gestürzte Heilige

Die internationale Presse - und besonders die osteuropäische - diskutiert intensiv den Fall Günter Grass. stern.de hat die wichtigsten Kommentare zusammengestellt.

Enttäuschte Liebe - das ist das Stichwort, unter dem man die Kommentare der linksliberalen Presse zusammenfassen könnte. Rache - das wäre das Stichwort der für die Kommentare der konservativen Presse. In jedem Fall bietet der Fall Grass reichlich Stoff zum Nachdenken. Warum hat erst jetzt eingestanden, in der Waffen-SS gewesen zu sein? Muss sein Werk nun neu bewertet werden? War sein moralischer Rigorismus eine einzige Heuchelei?

Insbesondere die Medien in Osteuropa scheinen die Debatte in Deutschland genau zu beobachten, schließlich haben sie auch im eigenen Land immer wieder das Verhältnis von Macht, Kunst und Biografie zu diskutieren. Der Fall Grass mag dort als Beispiel gelesen werden, wie man mit der Vergangenheit (nicht) umgeht.

Monitor (Bulgarien): Ruin der zivilen Haltung

"Mit seinem Geständnis stellt Grass nicht sein Werk in Frage, sondern die zivile Haltung, zu der er sich bekannt hatte. Grass war einer der Menschen, die zu einer offenen Diskussion über die nicht ferne Vergangenheit von Deutschland aufgerufen hatten. Der Schriftsteller war besonders kritisch zu den Politikern und griff sie außerordentlich scharf an. In 1985, zum Beispiel, überschüttete er Kanzler Helmut Kohl mit Vorwürfen darüber, dass er es sich erlaubt habe, US-Präsident Ronald Reagan zum Soldatenfriedhof in Bitburg zu bringen, wo auch Soldaten der Waffen-SS bestattet sind."

Magyar Hirlap (Ungarn): Keine Hochmutsperspektive

"Nun haben wir einen neuen moralischen Skandal, die Günter-Grass- Story, die angeblich die deutsche Öffentlichkeit schockiert hat, und natürlich all jene, die aus jungfräulicher Zeugung und mit schneeweißer Seele geboren wurden, und auch so geblieben sind. (...) Im Fall Grass kommt wieder jenes schreckliche Missverständnis auf, dem zufolge ein Lebensvorkommnis ein Lebenswerk disqualifizieren könne. Noch dazu ein solches Lebenswerk, das unter anderem deswegen so groß ist, weil es nicht aus der Hochmutsperspektive, sondern aus dem höchst Selbsterlebten heraus mit Schuld, Sühne, Katharsis und Höllenfahrten kämpft."

Cotidianul (Rumänien): Das Bekenntnis als Literatur

"Er hat gelogen und diese Lüge 60 Jahre lang mit sich herumgetragen. Genauer: Bis er sich entschlossen hat, ein Buch darüber zu schreiben. (...) Gewohnt, ständig im Vordergrund zu stehen, war Grass nur noch eine letzte Patrone übriggeblieben. Die Patrone eines Selbstmörders, die er nicht zu benutzen zögerte, obwohl er dafür das ein Leben lang aufgebaute Ansehen aufs Spiel gesetzt hat. Es ist anzunehmen, dass nicht späte moralische Skrupel Grass zum Bekenntnis zu diesem lebenslangen Geheimnis bewogen haben. Vielmehr war der Schriftsteller in ihm stärker als sein (moralischer) Überlebensinstinkt, und schon allein deswegen sollten jene den Mund halten, die verlangen, er solle den Nobelpreis zurückgeben."

24 Tschassa (Bulgarien): Erschütterung allenthalben

"Der Autor der 'Blechtrommel' galt als die höchste moralische Instanz Deutschlands. Er hat nie an Kritik und Angriffen gegen jeden gespart, der es versuchte, die Taten der Nazis zu verniedlichen. Das Eingeständnis, dass er selbst zur fürchterlichsten Einheit der Hitler-Armee gehörte, sorgte für Erschütterung nicht nur in Deutschland sondern auch im benachbarten Polen."

NZZ (Schweiz): Der Profit der Schuld

"In der Pose des selbstgewissen und von Eitelkeit nicht freien Moralisten versucht Günter Grass noch aus seinem Schuldgeständnis ein ästhetisch-ethisches Kapital zu schlagen. In Wahrheit wohnen wir einer Selbstdemontage bei. Wird das Werk - das wie kein anderes die deutsche Schuldverstrickung im Nationalsozialismus zu seinem unerschöpflichen Thema gemacht hat - von diesem späten Bekenntnis beschädigt? Nein, denn die Literatur folgt ihren eigenen Gesetzen, und manches aus dem Frühwerk hat Bestand. (...) Das lange Schweigen und die inszenierte Form des Bekenntnisses lassen jedoch manche polemische Intervention noch nachträglich fragwürdig erscheinen."

Basler Zeitung (Schweiz): Feigheit vor dem Freund

"Karriere und Ruhm hat Grass jedenfalls sehr spät riskiert um der Wahrheit willen. Das Verschweigen und Aufsteigerverhalten, das er der Adenauer-Zeit ankreidet: Diese Vorwürfe treffen ihn selber. Übrig vom Medien-Hype und als Verdacht hängen bleibt an Grass: Feigheit - der menschliche Makel, wie er den meisten anhaftet. Bei Grass jedoch ist es Feigheit vor dem Freund und Fan, nicht vor einem Mörder-Regime. (...) Die politische Linke in Deutschland hat einen ihrer letzten weltweit prominenten Köpfe verloren."

Salzburger Nachrichten (Österreich): Der Säulenscheinheilige

"Nicht die Zugehörigkeit zur Waffen-SS ist Grass vorzuwerfen, sondern Heuchelei als Lebensprinzip. Seine Heucheleien sind sonder Zahl. Im Jahre 1985, zum Beispiel, erregte er sich über den Besuch von Kohl und Reagan auf dem Soldaten-Friedhof in Bitburg, auf dem auch Soldaten der Waffen-SS bestattet sind: Eine Geschichtsklitterung, deren auf Medienwirksamkeit bedachtes Kalkül Juden, Amerikaner und Deutsche gleichermaßen verletzt. Es ist nicht bekannt, ob in Bitburg auch ehemalige Kameraden Grass’ von der 10. SS-Panzerdivision liegen.

Günter Grass, der Säulenheilige der deutschen Moralapostel, hat sich als Säulenscheinheiliger entlarvt. Das mag sich am Ende als historischer Verdienst herausstellen. Er wird in Hinkunft Zeuge dafür sein, dass deutsche Einzelschicksale unter dem Nazi-Terror nicht mit der gnadenlosen Einfalt spät geborener Pharisäer zu beurteilen sind."

Politiken (Dänemark): Eigenprüfung beginnt

"Genau wie Günter Grass selbst meint, handelt es sich bei dem, was er derzeit veranstaltet, um eine wichtige Eigenprüfung. Es gibt keinen Grund zu Verurteilung oder Verärgerung, aber auch keinen für eine Relativierung. Es ist nicht gleichgültig, was der junge Grass zwischen 1943 und 1945 anstellte. Es gab, wie in so vielen menschlichen Situationen, das Leichte und Verkehrte, und das Schwere, ja unglaublich Schwere sowie Richtige. Man stelle sich vor, es hätten sich mehr junge Männer dem Widerstand statt der SS angeschlossen. (...) Im Abstand von 60 Jahren sind Analyse und Nachdenklichkeit angesagt. Man verschone uns von Hexenjagd, laut tönender Relativierung oder Gleichgültigkeit. Günter Grass hat eine Achtung gebietende Diskussion mit sich selbst aufgenommen. Davon können wir alle lernen."

Jyllands-Posten (Dänemark): Verblüffende Heuchelei

"Bei Günter Grass hat sich eine Heuchelei von verblüffenden Dimensionen offenbart. Mehr als 60 Jahre hat er seine dunkle Vergangenheit verheimlicht, während er gleichzeitig Deutschlands moralisches Gewissen, den geistigen Züchter und Wahrsager für die ganze Nation gab. Grass ist der chronische Verärgerte gewesen. Immer wieder hat er sogar den Knüppel ausgerechnet über den deutschen Hang zum Verschweigen der düsteren Nazi-Zeit geschwungen. (...) Man hat gemeint, dass Grass mit der Enthüllung seines Geheimnisses zögerte, weil er Jahrzehnte lang Anwärter auf den Nobelpreis war. Den hätte die Akademie in Stockholm ihm vielleicht nicht zuerkannt, wenn seine Vergangenheit in der Waffen-SS bekannt gewesen wäre. Das kann schon sein, aber der Preis sollte auf keinen Fall annulliert werden. Er ist der meist verdiente seit vielen Jahren. Grass ist als Autor von einzigartigem Format."

De Volkskrant (Niederlande): Worte werden anders gewogen

"So viele Gelegenheiten, wie Grass sie genutzt hat, um sich als Gewissen der Nation aufzuspielen, so viele Gelegenheiten hat er, wie sich jetzt zeigt, verpasst, um selbst klar Schiff zu machen. Der Grund dafür kann nur vermutet werden, darüber spricht Grass nicht deutlich. Dass die Argrumente, mit denen er seinen Standpunkt in der öffentlichen Debatte über den Krieg begründete, noch stets gelten, wird nicht verhindern, dass seine Worte künftig anders gewogen werden. Hoffentlich gilt das nicht für sein Eindruck weckendes literarisches Werk. Hierfür gilt, das Kunstwerke nicht mit dem Künstler gleichgesetzt werden dürfen."

Aftenposten (Norwegen): Grass ist geschwächt

"Problematisch an der Mitteilung von Günter Grass über seinen Kriegsdienst in den Reihen der Waffen-SS ist nicht der Inhalt, sondern das Schweigen über 61 Jahre. Er ist ein Autor, der die Abrechnung mit der Nazi-Zeit lange zu seinem Markenzeichen gemacht hat und der mit Auschwitz als Begründung 1989 nach dem Fall der Mauer gegen die deutsche Vereinigung war. (...) In den vergangenen Jahren hat Grass auch Bücher über Deutsche als Opfer des Krieges veröffentlicht. Nun werden sie genauestens unter die Lupe genommen. Viele dürften diese Probe wohl bestehen, aber Grass als moralische Instanz ist geschwächt. Und als Aktivist in der Politik, in der er sich lange engagiert hat, wird er nun als weniger klug dastehen. Um es mal vorsichtig auszudrücken."

Bild (Deutschland): Kein Gespür für Redlichkeit

"Nach 60 Jahren gibt Deutschlands größter lebender Schriftsteller ein dunkles Geheimnis seiner Vergangenheit preis. Er war nicht einfacher Soldat, sondern bei der berüchtigten Waffen-SS. Dieses Geständnis liefert Günter Grass ab in der Frankfurter Allgemeinen. In einen seitenlangen Gespräch in Rede und Gegenrede. Selbstverständlich ist die Welt geschockt. Das Echo auf diese Selbstenttarnung ist gewaltig. Füllt Schlagzeilen und Feuilletons. Und selbstverständlich melden sich viele zutiefst enttäuschte Stimmen. Was hat der Nobelpreisträger eigentlich erwartet? Dass seine überraschten Zeitgenossen in Hurrah-Gebrüll ausbrechen? Ihn ob seiner Ehrlichkeit gleich zum nächsten großen Preis vorschlagen? Grass ist über die Reaktionen enttäuscht, fühlt sich verletzt. Gar zur Unperson erklärt. Offenbar war dem Mann nicht nur das Gefühl für Wahrhaftigkeit abhanden gekommen. Sondern jetzt auch noch das Gespür für Redlichkeit."

FAZ (Deutschland): Jahre der Verdrängung

"Er musste doch im Ohr haben, was er im Laufe der Jahre zur Verdrängung der deutschen Vergangenheit gesagt hat, die Unerbittlichkeit, mit der er andere aufforderte, sich der eigenen Lebensgeschichte zu stellen. Wenn er selbst diesen Forderungen erst jetzt, nach so vielen Jahren, genügt, so wird er doch all die Zeit hindurch ein Bewusstsein der Schwierigkeit eines solchen Schrittes gehabt haben. Der Impuls zu sagen, was seit Jahrzehnten darauf wartete, gesagt zu werden, hat seine eigene Dynamik, an der die Erwägungen über Folgen und Unzuträglichkeiten abgleiten. Es bleibt eine Irritation, dass dieser Impuls so spät zum Durchbruch gekommen ist bei einem Mann, der so hohe moralische Ansprüche formuliert hat."

Süddeutsche Zeitung (Deutschland): Er hätte nicht schweigen dürfen

"Er hat aber diese Generation und die ganze Öffentlichkeit getäuscht. Nicht weil er zu viel geschwiegen hätte, sondern weil er zu viel sprach. Zu allem und jedem hatte der schnurrbärtige Praeceptor Germaniae etwas zu sagen - nur nicht dazu, wie es kam und wie es war, dass er selbst, wenn auch nur für ein paar Monate, die Uniform Himmlers und Heydrichs trug. Ja, dieser Vergleich ist polemisch und ungerecht gegenüber den vielen sehr Jungen, die damals nolens volens zur Waffen-SS kamen. Aber einer, der so lang, so häufig und oft zu Recht die Klarheit des Denkens und Redens eingefordert hat, der hätte nicht stumm bleiben dürfen über diesen Teil seiner Biografie."