HOME

Tony Judt: "Wie die Beamten des Mittelalters"

Wir sprechen eine Sprache (Englisch), bewegen uns grenzenlos und haben auch sonst eine ganze Menge gemeinsam: In seinem neuen Buch zeigt der Historiker Tony Judt, was uns Europäer verbindet.

Professor Judt, Sie kommen in Ihrem hoch gelobten Werk über die Nachkriegsgeschichte Europas zu einigen bemerkenswerten Schlüssen, unter anderem schreiben Sie, dass die Deutschen sehr erfolgreich im Umgang mit ihrer Nazi-Vergangenheit gewesen seien.

Im Großen und Ganzen ja. Natürlich hatte Deutschland keine andere Wahl. Man darf nicht vergessen, dass es in den 50er Jahren diesen sehnlichen Wunsch gab, alles zu vergessen. Man wollte sich deutschen Leids erinnern, aber nicht der Verbrechen. Das änderte sich in den 60er Jahren, und als ich in den Achtzigern begann, mich mit dem Thema auseinander zu setzen, war ich erstaunt, dass es in Deutschland eine offene Debatte über den Umgang mit dem Holocaust gab, über Schuld und Wiedergutmachung. In Frankreich und den Niederlanden war das noch schwierig, in Österreich gab es gar keine Debatte. Deutschland machte dies besser, bis zum Punkt der Obsession.

Obsession?

Wenn ich heute in Deutschland bin und Israel kritisiere, werden manche verlegen und sagen: "Das darfst du nicht tun." Dann antworte ich: "Warum? Israel macht doch viele schreckliche Dinge." Ich als Jude darf das sagen, aber meine deutschen Freunde wollen das Thema lieber nicht berühren.

Und Sie meinen, es wäre an der Zeit für eine größere Unbefangenheit?

Absolut. Neulich entgegnete mir ein Freund von der Humboldt-Uni in Berlin: "Stell dir vor, ich halte in New York einen Vortrag über Israels Besatzungspolitik und wie das Land gegen internationales Recht verstößt. Dann sehe ich doch in der "New York Times" die Überschrift: "Deutscher attackiert Juden." Vielleicht ist es so. Es ist eben ein sehr schwieriges Thema.

Die Deutschen haben in diesem Sommer ihren Patriotismus neu entdeckt. War das Ihnen, der viele Verwandte im Holocaust verlor, zu viel der Vaterlandsliebe?

Ich bin bei dem Thema äußerst sensibel und habe den Eindruck, dass das Maß in Deutschland stimmt. Bis vor kurzem gab es ja noch diese geradezu besessene Haltung: Wir dürfen bloß nicht zu patriotisch sein. In Paris oder Prag wird man aber heute niemanden finden, der sagt: Moment mal, die Deutschen fangen an, wieder patriotisch zu sein, das ist gefährlich.

Sie schreiben in Ihrem Buch einen markanten Satz, für den Sie Applaus von ganz rechts bekommen könnten: "Ein gewisses Maß an Verdrängen und Vergessen von Geschichte ist die notwendige Voraussetzung für eine gesunde Gesellschaft."

Es ist etwas anderes, ob ich als Historiker dies sage oder ein politischer Funktionär. Der Historiker muss schwierige Wahrheiten sagen, aber in der öffentlichen Debatte muss man vorsichtig sein. Ich halte oft Vorträge an Schulen, in England, Frankreich, Amerika, und höre von Schülern die Beschwerde: "Warum müssen wir immer den Holocaust durchnehmen?" Dies ist eine vorhersehbare Haltung der nachkommenden Generationen. Ich plädiere ja nicht für Schweigen, aber macht den Holocaust bitte nicht zum zentralen Thema aller moralischen Debatten.

Es wird nicht wenige Deutsche geben, die diese Sätze, gesprochen von einem Juden, als befreiend empfinden.

Ich hätte dies bestimmt nicht in den 60er Jahren gesagt. Man muss sich erst der Taten erinnern, bevor man beginnen kann, sie zu vergessen. Wir dürfen aber einen anderen Fehler der Geschichte nicht wiederholen: die Bedeutung des Holocaust zu übertreiben und damit die Geschichte falsch zu bewerten.

Aber worin besteht denn die Übertreibung? Deutsche Schüler werden doch nicht ständig mit dem Holocaust konfrontiert.

Ich denke gar nicht so sehr an Europa, sondern eher an die USA, wo viele Schüler nur sehr wenig über europäische Geschichte wissen. Einen Kurs jedoch muss dort jeder Schüler belegen: entweder über den Holocaust, die Nazis oder den Zweiten Weltkrieg, als ob sich die ganze europäische Historie reduzieren ließe auf die Geschichte von bösen Deutschen und jüdischen Opfern. Das ist schlechte Geschichtsvermittlung mit schlimmen Folgen.

Sie sind in England aufgewachsen, haben lange in Paris und Wien gelebt und lehren nun seit mehr als 20 Jahren in den USA. Was sind Sie eigentlich?

Europäer. Meine erste Antwort wäre nicht Engländer oder Jude, schon gar nicht Amerikaner. Ich fühle mich in Deutschland genauso zu Hause wie in Frankreich, Italien oder Ungarn - nicht aber in Ohio.

Was aber heißt das - "Europäer" zu sein?

Es gibt eine neue Klasse Europäer. Wir sind wie die Beamten des Mittelalters. Wir sprechen eine internationale Sprache, nicht mehr Latein, sondern Englisch. Wir bewegen uns mit Leichtigkeit - nicht mehr zwischen Oxford und Padua, aber dafür zwischen Mailand, Frankfurt und Paris, besonders die junge Generation. Die gute Nachricht ist: Europa hat seine ersten Europäer hervorgebracht. Die schlechte: Es betrifft nur bestimmte Schichten.

Aber was verbindet diese Europäer außer vielleicht einem Hass auf den US-Präsidenten?

Dies ist der schlechteste Grund, fürwahr. Ich habe drei Wellen des Antiamerikanismus erlebt. Den frühen Kalten Krieg, während des Vietnamkriegs und heute. Früher galt: Je gebildeter die Menschen, desto kritischer ihre Haltung zu Amerika. Heute ist diese Haltung universell, unabhängig von Alter und Bildungsniveau. Da kommt vieles zusammen - der Krieg im Irak, die US-Umweltpolitik, die Unterstützung Israels, und alles mündet in der Erkenntnis: Bush ist eine Katastrophe, übrigens auch für viele Amerikaner.

Haben sich Amerika und Europa nicht schon länger entfremdet?

Natürlich. Historisch betrachtet waren die Jahre 1949-1989 eine Ausnahme. Amerika und Westeuropa wurden durch eine äußere Bedrohung zusammengehalten. Westliche Werte und die Freiheit wurden hochgehalten, doch vorher hatte keiner davon gesprochen. Es gab nie große Gemeinsamkeiten zwischen Europa und Amerika. Die Auffassung, dass Europa und Amerika sich nah sind und nur wegen Bush oder des Irak-Kriegs auseinander driften, stimmt so nicht.

Die Welt scheint sich eher einig zu sein, dass Amerika moralisch am Ende ist.

Das ist der Punkt. Es gibt diese Einheit von Indonesien über die Türkei bis nach Westeuropa. Es dreht sich nicht mehr um Ost gegen West, sondern Amerika gegen den Rest der Welt, was sehr besorgniserregend ist.

Sie kommen in Ihrem Werk zu dem etwas überraschenden Schluss, dass Europa ein Erfolgsprojekt ist.

Ich will dies begründen. Es ist heute in Europa unvorstellbar, dass Länder wieder Krieg führen, ob nun gegen ein Nachbarland oder auch Bürgerkriege. Das ist ein herausragender Erfolg, den wir oft unterschätzen. Der andere Grund: Europa hat eine historisch einzigartige Mischung aus freien Märkten und komplexen sozialen Sicherheitsstrukturen geschaffen. Und das grenzübergreifend. Wir nehmen das als Selbstverständlichkeit hin, aber dieses Modell gibt es sonst nirgends auf der Welt.

Aber genau diese Sozialstrukturen gelten doch als veraltet und in Zeiten der Globalisierung als nicht mehr zu halten.

Im Jahr 2004 hat das Weltwirtschaftsforum in Davos einen Bericht produziert. Demnach waren unter den sechs effizientesten Ländern der Welt Finnland, die USA, Dänemark und Norwegen. Das zeigt mir, der Sozialstaat ist nicht am Ende. Auf der einen Seite hat man diese Supersozialstaaten aus Skandinavien und auf der anderen Amerika - alles andere als einen Wohlfahrtsstaat.

Aber wie soll das 21. Jahrhundert dann Europa gehören, so wie Sie schreiben?

In Europa funktioniert die Balance aus unternehmerischer Freiheit und einer Vorsorge, die Menschen einfach brauchen, um sich beschützt zu fühlen in der Welt, in der wir leben. Die Menschen in der Welt blicken auf zu Europa, nicht nur als Modell für Rechtsstaatlichkeit, für den Kampf gegen Korruption, für Demokratie und Freiheit, sondern auch als institutioneller Rahmen, um die Lage im eigenen Land zu verbessern. Europa ist ein Vorbild, wie Amerika es in den 50er und 60er Jahren war, aber wir schauen nur auf die Nachteile, auf Millionen Muslime, die als Billigarbeiter nach Paris wollen. Die Menschen am Rand Europas in Weißrussland, Mazedonien, in der Türkei träumen von Europa, und wir enttäuschen sie. Und somit überlassen wir sie nationalistischen Demagogen und schaffen Probleme an unseren Grenzen. Es ist ein unfassbares Versagen europäischer Politiker.

An welche Politiker denken Sie dabei?

An die meiner Generation. Blair. Villepin. Schröder. Merkel. Keiner hat eine Vision. All diese Politiker haben darin versagt, die Themen Europa, Zuwanderung und Integration anzugehen. Europa braucht Zuwanderung, man hat sie ohnehin, man kann sie nicht ignorieren. Wie werden die Zuwanderer nun Teil dieses Europas? Es gibt schon 16 Millionen Muslime in der EU, und wir grenzen direkt an den Nahen Osten. Europa hat also keine Wahl. Wir verpassen auch hier all unsere Chancen. Wenn ich im Nahen Osten bin, sagen mir die Leute: Das Image Amerikas ist auf Generationen hin zerstört. Europa kann die große Kraft internationaler Realpolitik in der ganzen Region sein. Warum ist Europa nur so schwach? Warum so leise?

Interview: Jan-Christoph Wiechmann / print
Wie lange ist die frist bei einer Kündigung?
Hallo Ich möchte gerne kündigen, da das Arbeitsverhältnis nicht mehr gegeben ist. Leider verstehe ich den Arbeitsvertrag nicht ganz. Auszug aus dem Vertrag: Paragraf 13 Kündigungsfristen: (1) das Arbeitsverhältnis kann beiderseitig unter Einhaltung einer frist von 6 Werktagen gekündigt werden. Nach sechsmonatiger Dauer des Arbeitsverhältnisses oder nach Übernahme aus einem Berufsausbildungsverhältnis kann beiderseitig mit einer frist von zwölf Werktagen gekündigt werde. (2) Die Kündigungsfrist für den Arbeitgeber erhöht sich, wenn das Arbeitsverhältnis in demselben Betrieb oder unternehmen 3jahre bestanden hat, auf 1 monat zum Monatsende 5jahre bestanden hat, auf 2 monate zum Monatsende 8jahre bestanden hat, auf 3 monate zum Monatsende..... (3) Kündigt der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis mit dem Arbeitnehmer, ist er bei bestehenden Schutzwürdiger Interessen befugt, den Arbeitnehmer unter fortzahlung seiner bezüge und unter Anrechnung noch bestehender Urlaubsansprüche freizustellen. Als Schutzwürdige interessen gelten zb. Der begründete Verdacht des Verstoßes gegen die Verschwiegenheitspflicht des Arbeitnehmers, ansteckende Krankheiten und der begründete verdacht einer strafbaren handlung. Ich arbeite in einem Kleinbetrieb (2mann plus chef) seid 2 jahren und 3-4Monaten. (Bau) Seid ende November bin ich krank geschrieben. Was meinem chef überhaupt nicht passt und er mich mehrfach versucht hat zu überreden arbeiten zu kommen. Da mein zeh gebrochen ist und angeschwollen sowie schmerzhaft und ich keine geschlossenen schuhe tragen kann ist arbeiten nicht möglich. Das Arbeitsverhältnis ist seid längerem angespannt vorallem mit dem Arbeitskollegen. Möchte nur noch da weg! Wie lange ist nun die frist und wie weitere vorgehen? Ich hoffe es kann mir jemand helfen.