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Filmstandort Berlin: Die Welt liebt deutsches Kino

Die 59. Filmfestspiele Berlin feiern das Kino, seine Stars und seine Talente. Dazu hat die Stadt mehr Anlass als je zuvor. Fast 100 der 390 Berlinale-Filme sind mit deutscher Beteiligung entstanden. Die Branche in Deutschland erzielt mit eigenen Produktionen ein dickes Plus. Entwickelt sich Berlin zum neuen Hollywood?

Von Sophie Albers

Als Matt Damon vor fünf Jahren direkt neben dem Bahnhof Friedrichstraße auf einem Spree-Kutter herumsprang, hat das die von Natur aus eher abgeklärten Berliner noch ein bisschen aufgeregt. "Dit is Hollywood", raunte jemand, der vor der Brücke warten musste, bis die "Bourne Verschwörung"-Szene im Kasten war. Mittlerweile hört sich das anders an: "Icke hab die Angie jesehen, janz ohne Jören", erzählt ein dicker Mann mit roten Wangen ganz vertraulich seinem Gegenüber in der U-Bahn. Natürlich Jolie nicht Merkel. Und das ist nicht Folge seines Nachmittags-Bieres, das er umklammert hält, sondern möglich. Schließlich sind Angelina Jolie und Lebensabschnittspartner Brad Pitt derzeit in Berlin fast zu Hause.

Wie so viele andere Stars auch: Ob Quentin Tarantino, Kate Winslet, Clive Owen, Tom Cruise oder Naomi Watts, alle waren oder sind immer mal wieder in der Hauptstadt unterwegs. Weil sie Filme drehen, oder weil es ihnen hier so gut gefällt. "Walküre", "Der Vorleser" oder Quentin Tarantinos "Inglorious Bastards" - es scheint, als ob Hollywoods Regisseure die Stadt als ständigen Drehort auserkoren haben. Da lässt das Staraufgebot der 59. Filmfestspiele Berlin die Einheimischen fast kalt. Ist Berlin das Hollywood Europas?

Nicht ganz, aber zumindest in Deutschland ist Berlin-Brandenburg in den vergangenen drei Jahren zum Filmstandort Nummer eins aufgestiegen, stellt das für Filmförderung und Standortentwicklung zuständige Medienboard Berlin-Brandenburg stolz fest. Die Region Berlin, das sind "fantastische Locations, eine ausgezeichnete Studiolandschaft, hervorragende Dienstleister, ein gutes Preis-Leistungsverhältnis, aber auch der Mythos Babelsberg und die Neugierde auf eine Stadt, die noch viele Ecken und Kanten hat - und gute Restaurants", sagt Medienboard-Geschäftsführerin Petra Müller im Gespräch mit stern.de. "Ganz sicher drehen Quentin Tarantino und Brad Pitt hier, weil sie hervorragende Bedingungen und ein interessantes Fördermodell vorfinden. Aber auch, weil sie einfach gerne hier sind." Auch die diesjährige Präsidentin der Berlinale-Jury, Oscar-Gewinnerin Tilda Swinton, lobt Berlin als Filmstadt und schwärmt von "Berlins Kinobildung und Kinohunger".

4100 "Geschäftsvorgänge"

Neben den Lobeshymnen und Apartmentkäufen der Stars sprechen die nackten Zahlen eine deutliche Sprache: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung bestätigt der Region eine kontinuierliche Zunahme an Beschäftigten und Unternehmen in der Medien- und Kreativbranche: Mehr als 159.000 Erwerbstätige in mehr als 15.600 Unternehmen erwirtschafteten in den vergangenen Jahren einen Jahresumsatz von mehr als 19,5 Milliarden Euro.

Im Alltag heißt das: ausgebuchte Film- und Fernseh-Studios, 1800 Drehtage in Berlin allein für Projekte der Filmförderung, und die haben wiederum rund 113 Millionen Euro ins Land gespült. Außerdem mussten Berlins Bürger häufiger warten: 2008 verzeichnete die Verkehrslenkung 4100 "Geschäftsvorgänge", sprich gesperrte Straßen, Halteverbote oder auch Blaulichtfahrten. Würde man auf einem Stadtplan Drehorte in Berlin rot markieren, wäre fast das ganze Stadtgebiet ein großer roter Punkt, heißt es beim Medienboard. Da kann man auf der Karte von Brandenburg mehr erkennen. (Siehe Grafik)

Die besondere Berliner Mischung

Einen Gegenpol zu Hollywood will Müller in der eifrigen Filmwerkstatt Berlin-Brandenburg nicht erkennen. Aber "da ist so etwas wie ein positives Momentum, ein einzigartiges Zusammenspiel von Faktoren". Neben dem Glanz und der Strahlkraft Berlins geht es aber natürlich auch ums schnöde Geld. "Ohne den Deutschen Filmförderfonds von Minister Bernd Neumann wäre der aktuelle Filmboom nicht möglich gewesen", so Müller. Und es hat sich gelohnt: Das Medienboard Berlin-Brandenburg hat bei den diesjährigen Oscars vier geförderte Filme im Rennen: "Der Vorleser", "Waltz With Bashir", "Der Baader Meinhof Komplex" und "Spielzeugland".

Mit weniger großen Preisen spielen kleine Berliner Produktionsfirmen wie zum Beispiel Credo Film oder Frisbee Films. Seit 2001 und 2005 in Berlin schlagen sie sich mit dem finanziell weniger opulenten Alltag des Filmschaffens herum. Doch auch sie sehen die Chancen der Stadt: "Berlin wird mittlerweile anders wahrgenommen, auch international", sagt Jörg Trentmann, Gründer von Credo Film ("Frei nach Plan", "Was am Ende zählt"), im Gespräch mit stern.de. "Viele Kreative ziehen her - auch aus den Bereichen Kunst, Musik und Mode. Berlin ist beliebt, und Berlin ist deshalb auch ein hervorragender Standort für Filmproduktionen."

Die Reibung mit anderen Branchen fördere die Kreativität, sagt Alexander Bickenbach von Frisbee Films ("Nimmermeer", "Berlin, 1. Mai") . "Die Stadt ist in Bewegung, sie ist jung, und die Lebenshaltungskosten sind niedrig. So ist ein großer Zirkel von jungen Filmemachern entstanden." Und auch von den internationalen Produktionen würden die kleineren Berliner profitieren: "Unsere Crews, die Beleuchter, die Cutter, sammeln Erfahrungen bei den internationalen Drehs, die sie dann bei nationalen Projekten einsetzen können. Wir wollen ein 'Mit-Hollywood' sein", so Bickenbach. "Eine Pipeline, die hin- und hergeht. Der Film internationalisiert sich."

Marktanteil deutscher Film steigt

Doch auch mit eigenen Produktionen verzeichnet die deutsche Filmwirtschaft im vergangenen Jahr herausragende Ergebnisse: Rund vier Millionen Menschen mehr als 2007 besuchten im vergangen Jahr die Kinos, insgesamt rund 129 Millionen Besucher waren es, laut der Bilanz der gerade veröffentlichten Bilanz der Deutschen Filmförderungs-Anstalt. Die erfolgreichste heimische Produktion war Til Schweigers "Keinohrhasen". Hollywoods Blockbuster können nicht mehr punkten, über ein Viertel der im Kino angelaufenen Filme stammen aus deutscher Produktion.

Darüberhinaus: Immer mehr Deutsche sind beteiligt an internationalen Produkten, Regisseur Tom Tykwer, der mit den Hollywood-Stars Naomi Watts und Clive Owen den Berlinale-Eröffnungsfilm "The International" gedreht hat, Jungstar David Kross, der neben der oscarnominierten Kate Winslet in "Der Vorleser" glänzt.

Krise? Bei uns ist ständig Krise!

Grünes Licht für deutschen Film also trotz Krise? Was bedeuten die täglichen Wirtschafts-Horrormeldungen für das Filmgeschäft? Berlinale-Chef Dieter Kosslick meinte jüngst, im Filmmarkt seien noch keine wesentlichen Einschläge zu spüren. Auch Petra Müller wartet ab: "Keiner kann derzeit wirklich sagen, wie die Krise sich auswirken wird. Hier sind alle Prognostiker ratlos." Entscheidend werde die zweite Jahreshälfte sein. "Wir hatten 2007 und 2008 zwei sehr gute Jahre, die zum Teil noch in diesem Jahr nachwirken. Vielleicht kommen wir ja mit einem blauen Auge davon."

"Krise? Bei uns ist ständig Krise", sagt der Filmproduzent Jörg Trentmann. "Der Standort Berlin macht die Finanzierung weder leichter noch schwieriger. Das ist nicht Berlin-spezifisch." Es sei immer unheimlich schwer, Filme zu machen, pflichtet Alexander Bickenbach ihm bei. Er sieht in der Krise sogar eine Chance: "Wir sind ein junges, schlankes und deshalb bewegliches Unternehmen. Wenn, wird es die Großen treffen. Da wird es eine Bereinigung geben. Kleine Firmen können schneller reagieren. Wir müssen da mit offenen Augen reingehen." Wie ins Kino eben.