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Christian Berkel: Global Player

Er kann einfach alles: Liebhaber, Psychopathen, Mörder, Nazis und Helmut Schmidt. Und fast nebenbei ist Christian Berkel auch Hollywoods Liebling geworden. In Bryan Singers Widerstandsepos "Operation Walküre" spielt Kopfmensch Berkel jetzt einen Jugendfreund Stauffenbergs.

Von Christine Claussen

Das muss einem jemand erklären. Man hatte eine Art Hünen erwartet, über 1,90 groß, breitschultrig, ja! Fester Schritt, fester Blick. Einen wie Bruno Schumann in "Der Kriminalist". Einen, dem man den fiesen Macho abnimmt. Zumindest einen wie Helmut Schmidt, den einsamen Krisenkanzler aus "Mogadischu", mit Gewissensqualen und zu stolz, sie zu zeigen.

Aber der mit der Wollmütze, der pünktlich um elf ins Berliner "Einstein" reinschneit, schwarze coole Lederjacke über dunklen Jeans, vielleicht 1,75 Meter groß, eher schmal, der freundlich lacht und sich für seine Erkältung entschuldigt: "Die Kinder …", dieses Mal war es Gott sei Dank bloß ein Schnupfen, den sie von der Schule mitbrachten - dieser Mann ist wahrlich keiner, der die Türen dunkelt. Sondern ungemein liebenswürdig, charmant und klug - und so unauffällig, dass man ihn auf der Straße vielleicht gar nicht erkannt hätte.

Christian Berkel nimmt die Mütze ab, bestellt einen Espresso und lacht. Die da, sagt er und weist auf das graue Ding, das jetzt neben ihm liegt. Die macht viel. Wahr. Die Mütze verbirgt einen der markantesten Schauspielerschädel, eine hoch aufstrebende, man kann sagen: die smarteste Glatze film- und fernsehweit, über die wir derzeit verfügen. Erst wenn Berkel die Mütze abnimmt, bemerkt man ungewöhnlich helle graublaue Augen, einen schön geschnittenen Mund, eine klare, starke Nase, eine extrem hohe Stirn.

Fein oder fies?

Während man noch rätselt, ob sich so ein Gesicht eher fürs Feine oder besser fürs Fiese eignet oder womöglich gleich gut für beides, sagt Berkel, ein Schauspieler könne sich übrigens, wenn ihm danach sei, quasi unsichtbar machen, seine Aura anoder ausschalten wie die Wohnzimmerlampe. Und erzählt: Vor Jahren sei er einmal durch New York gelaufen, stehen geblieben und habe sich umgedreht: Sah der nicht aus wie Jack Lemmon? Er folgte dem Mann, er überholte ihn: Es war Lemmon! "Ich mochte ihn aber nicht ansprechen, weil er ganz offenbar nicht erkannt werden wollte."

Verführerische Alternative, auf diese Art gelegentlich wegtauchen zu können - vor allem, wenn eine Karriere sich so blendend entwickelt wie die des 51-jährigen Berkel. Der gebürtige Berliner, der seit elf Jahren mit der schönen Andrea Sawatzki ("Tatort") in einer Art Ausnahmeglück liiert ist und mit ihr zwei Söhne hat (Moritz, 9, und Bruno, 6), gilt als einer der besten und gefragtesten deutschen Schauspieler.

Made in Germany, aber nicht Provinz und verhockt, sondern weltläufig, smart: Christian Berkel ist einer der wenigen, die auch international begehrt sind. Er hat mit Bertrand Tavernier, Paul Verhoeven und Quentin Tarantino gedreht, meist Gestapo-Offiziere oder andere Nazifiguren. In Bryan Singers Widerstandsepos "Operation Walküre", das jetzt in Deutschland anläuft, spielt er Albrecht Mertz von Quirnheim, Jugend- und Studienfreund Stauffenbergs, der nach dem Attentat auf Adolf Hitler vergebens drängte, den Notfallplan "Walküre" auszulösen. "Es ist ein wirklich guter Film", sagt Berkel, er habe das Tamtam drum herum nie verstanden: "Es muss sich um eine spezifisch deutsche Variante von Hysterie handeln."

Lärm im Vorfeld der "Walküre"

In der Tat - selten zuvor hatte es so viel Lärm im Vorfeld gegeben: dass ein Amerikaner und bekennender Scientologe wie Tom Cruise die deutsche Heldenikone Stauffenberg spielt; dass das Verteidigungsministerium zunächst nicht gestattete, im Berliner Bendlerblock zu drehen, wo die Männer des 20. Juli damals hingerichtet wurden; die umstrittene Bambi-Verleihung an Cruise für "Mut", mit dem Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck und dem "FAZ"-Mann Frank Schirrmacher als tönenden Fürsprechern.

Und wie hat er selbst Tom Cruise erlebt? Ein echter Superstar, sagt Berkel: "Und ein Perfektionist. Sehr höflich und an allem interessiert." Man spürt, der Mann ist ihm sympathisch. Beeindruckt habe ihn, in Cruise einen dieser Haut-und-Haar-Schauspieler zu finden. Bei denen die Grenze zwischen Leben und Beruf fließend ist, über die man alles erfährt, wenn man ihnen bei der Arbeit zusieht. Das sei bei ihm auch so. Schon mit vier habe Cruise Schauspieler werden wollen.

Berkel war sechs, als seine Eltern - der Vater Arzt, die Mutter Dolmetscherin - ihn in "Tom Sawyer und Huckleberry Finn" in die Berliner Kammerspiele mitnahmen. "Von da an wusste ich, was ich werden wollte", sagt Berkel, und er atmete - bis zu den Gründgens- und Quadflieg-Theaterplatten seiner Mutter - von nun an alles ein, was mit Bühne zu tun hatte. Mit zehn spielt er seinen Plüschtieren den ersten Akt aus "Faust" vor. Bald findet man ihn fast Abend für Abend in den Berliner Theatern.

Französischer als die Franzosen

Im "Einstein" ist es vorübergehend leer geworden, die Kaffeemaschine faucht nur noch sporadisch. Berkels Stimme klingt sanft und melodisch. Die Hörbuchverlage reißen sich um diese Stimme. Man könnte ihr stundenlang zuhören. 1971, mit 14, ging er nach Paris und lebte dort zwei Jahre. Aus Protest. Seine Mutter ist Jüdin. Auch wenn zu Hause über die Nazizeit nicht gesprochen wurde - der 14-Jährige hadert mit Deutschland, den Deutschen und ihrer Geschichte. Er gibt sich französischer als die Franzosen und will, gewiss doch, nach wie vor Schauspieler werden.

Er schreibt Jean-Louis Barrault, der Schauspiellegende ("Kinder des Olymp"). Als keine Antwort kommt, hakt Jung-Christian nach ("Ich war entsetzlich schüchtern, aber wenn ich etwas wirklich wollte, war das wie weggeblasen"). Barrault empfängt ihn für "petites cinq minutes", kleine fünf Minuten, und ist so angetan, dass er den ungestümen Jüngling an Pierre Bertin weitervermittelt. Während Bertin, der große Mime, in seiner Garderobe geschminkt wird, hat Berkel nun jeden Freitagabend bei ihm Unterricht.

Goethe und Gründgens als Paten, Barrault und Bertin als Erzieher, Proust unterm Kopfkissen, Peymann, Stein, Zadek als Helden und in Ingmar Bergmans "Schlangenei" schon mit 18 gespielt - voilà die Eins-a-Biografie eines Vollblutschauspielers. Noch vor dem Abitur wird Christian Berkel in "Eine Jugendliebe" seine erste große Filmrolle angeboten. Papa, der Arzt, soll ihn krankschreiben. Der winkt nachdrücklich ab. Sie schließen einen Deal: Der Vater schreibt ein Attest, der Sohn kommt mit einer Zwei im Abitur nach Hause, mindestens. So geschieht es.

Abschied von der Lockenpracht

"Man würde mich heute wohl kaum wiedererkennen", sagt Berkel. Schon wegen der Haare, lang, dunkelblond, leicht lockig damals. Um 2001 nahm er Abschied von der sich verringernden Pracht. Täglicher Pflegebedarf jetzt: "Kaum aufwendiger als das Rasieren."

Als "Jugendlicher Liebhaber" fing er seinerzeit im Theater an, später ("Ich musste im Fernsehen ja erst einmal Fuß fassen") spielte er in Krimiserien wie "Tatort", "Derrick", "Der Alte" jahrelang Schurken, Mörder und Bösewichte. Als ihm 2006 die Rolle des Helmut Schmidt angeboten wurde, in "Sturmflut", fragte er sich: "Wie kommen die denn auf mich?" Er kannte einen Maskenbildner, einen hervorragenden Mann, "wenn einer das beurteilen konnte, dann der". Per Computer glichen sie die Kopfform ab, Augen, Nase, Mund - das Ergebnis war überraschend. Wenn man sich eine Perücke dazu dachte … "Den Rest muss man ohnehin durch Spiel erreichen", sagt Berkel.

Ende November gab er den Altkanzler zum zweiten Mal, diesmal als einsamen Entscheider im ARD-Quotenschlager "Mogadischu". So überzeugend, dass sein Spiel ihm eine Nominierung für die Goldene Kamera eintrug.

Er braucht nicht lange nachzudenken, wenn man ihn fragt, was an der Schauspielerei ihn so reizt: "Die Verwandlung! Ich liebe es, in fremde Biografien einzutauchen." Lange habe er sich im Schutz einer Figur freier und wohler gefühlt. Berkel lacht wieder: "Irgendeine Kommunikationsstörung haben wahrscheinlich alle in diesem Beruf. Sonst käme man doch nicht auf die Idee, sich vor tausend Leute hinzustellen oder vor eine Kamera." Freilich: Letztlich könne man nur etwas spielen, "das ein Aspekt von einem selbst ist". Wie verborgen auch immer.

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