HOME

Filmfestspiele in Venedig: Kunstfilm-Parodien und bizarrer Sex

Viel Mittelmaß, wenig Glamour: Während Brad Pitt und George Clooney im neuen Coen-Film ihr Trottelpotential ausschöpften, blieben die europäischen Beiträge auf dem Filmfestival in Venedig schwach. Dafür war Sex ein Indikator für die Qualität des Films: Je bizarrer der Sex, umso schlechter der Film.

Von Sascha Rettig

Auf dem Filmfestival in Venedig muss man seinen Groll über schlechte Filme nicht in sich hineinfressen. Vor dem Festivalzentrum zwischen Kinokassen und Imbissen, an denen man zwischen den Vorführungen mit Tramezzini und Espressi versorgt wird, kann man stattdessen Tacheles schreiben. "Ridateci i Soldi", also "Gebt uns unser Geld zurück", heißt die Aktion, bei der Festivalbesucher auf kleinen Zetteln formulieren, was ihnen an den Festspielen nicht passt und über welche Filme sie sich geärgert haben. Diese Zettel werden dann in der Meckerecke sorgfältig auf eine Wand geklebt, von der man dieses Mal den Einruck hat, dass sie voller ist als in den Jahren zuvor.

Ohnehin wird bei der 65. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica sehr viel und sehr häufig gemeckert. Eines der beliebtesten Nörgelthemen ist dabei der eklatante Mangel an Hollywoodstars, die man tatsächlich fast an einer Hand abzählen konnte: Charlize Theron immerhin strahlte, Anne Hathaway war schüchtern, und Natalie Portman stellte ihr Kurzfilmregiedebüt vor. Außerdem hielt der einstige Modezar Valentino Hof wegen der außergewöhnlichen Dokumentation "Valentino - The Last Emperor", die den Schlussakt seiner Karriere festgehalten hat. Nur die Eröffnung mit "Burn After Reading" fiel bezüglich der Promidichte aus dem Rahmen, nahm der neue Film von Joel und Ethan Coen ("No Country For Old Men") doch die höchste Starkonzentration des Festivals vorweg. Neben George Clooney und Brad Pitt kamen auch Tilda Swinton und Frances McDormand angeschippert.

Pitt und George als Könige der Trottel

Dass es sich bei dem Komödienirrwitz nach "O Brother, Where Art Thou?" und "Ein unmöglicher Härtefall" um die Vollendung der "Idioten"-Trilogie der Coens handelte, machte Pitt übrigens ratlos. "Ich weiß nicht, ob ich beleidigt sein oder mich geschmeichelt fühlen soll", sagte der Vielfachpappi auf der Pressekonferenz, die neue Maßstäbe in Sachen Inhaltslosigkeit setzte mit den Fragen über die Zwillinge und den an Clooney gerichteten Angeboten von heiß gelaufenen Journalistinnen. Wie auch immer, die Coens erkannten in Pitt beachtliches Trottelpotential und machten ihn zum herzig retardierten Fitnesskerlchen mit blondierter 80er-Jahre-Hairstyle. Sein Trost: In "Burn After Reading" ist er nicht allein, denn auch alle anderen sind deutlich unterbelichteter, als sie es selbst wohl von sich glauben. Und genau diese Blödheit ist es einmal mehr, die bei den Coens eine Reihe absurder Ereignisse in Gang setzt, die zwischen CIA und Fitnessstudio eine hysterische Eigendynamik entwickeln. Zum Schluss liegt dann fast alles in Trümmern, die von der CIA entsorgt werden - und die Mostra hatte einen Auftakt, der nicht besser, hysterischer, glanzvoller hätte sein können.

Dann aber startete in Venedig der Wettbewerb, bei dem neben der Abwesenheit des Glamours mit jedem weiteren Tag ein weiteres Meckerthema immer beliebter wurde: die Auswahl der 21 Konkurrenten, unter denen die Jury unter Vorsitz von Wim Wenders am Samstag die Löwen verteilen wird. Festival-Chef Marco Müller hatte vorab schon gesagt, dass wegen des Autoren-Streiks in den USA mancher Wunschkandidat nicht rechtzeitig fertig geworden sei. Doch es waren weniger die immerhin fünf amerikanischen Beiträge, die schwächelten, sondern vor allem die europäischen.

Übermäßige Präsenz des italienischen Kinos

Der türkische "Süt" (Milch) etwa wirkte mit intensivem Schweigen und Starren eher wie die unfreiwillige Parodie eines Kunstfilms, während man beim existentialistischen Drama "Paper Soldier" aus Russland vor allem den Eindruck hatte, dass der Regisseur zuviel Tarkowski geguckt hat. Im französischen "L'Autre" hingegen wurde man auf ambitionierte, aber unbehagliche Weise Zeuge der besessenen Liebe einer eifersüchtigen Endvierzigerin. Und dann auch noch die Italiener! Da half es nichts, dass der italienische Kulturminister Sandro Bondi in Reaktion auf einen "Spiegel"-Vorabbericht die übermäßige Präsenz des italienischen Kinos rechtfertigte und die einheimischen Produktionen über den Klee lobte. Regisseur Pupi Avati inszenierte ganz in Sepia eine Vater-Tochter-Beziehung zur Zeit des Faschismus, ohne seine Geschichte aber direkt in den historischen Kontext zu stellen. Und in Ferzan Özpeteks Familiendrama "Un Giorno Perfetto" erlebt eine Frau, wie an einem Tag ihre Existenz zerfällt - und der Zuschauer ein Familiendrama mit Wohlfühlbildern, etwas Kitsch und unerträglich getragener Musik.

Zufälligerweise hatte just am Tag, als sich der Herr Minister aus dem Berlusconi-Kabinett beschwerte, nicht nur der einzige deutsche Beitrag "Jerichow" Premiere. Regisseur Christian Petzold ließ sich dafür ironischerweise auch noch von einem italienischen Klassiker, nämlich Luchino Viscontis "Ossessione", inspirieren. Benno Fürmann und Nina Hoss, beide favorisierte Schauspieler des Regisseurs, haben darin eine Affäre, und Hilmi Sözer als Ehemann und Imbissbudenbesitzer steht dem Glück im Weg. Deutlich geerdeter als seine filmischen Schwebezustände "Yella" und "Gespenster" verschränkt "Jerichow" dabei diese klassische Dreiecksgeschichte mit der ostdeutschen Realität in der Prignitz und fiebrig schön inszenierten Momenten geheimer Leidenschaft.

Bizarrer Sex, schlechter Film

Ansonsten war der Sex im Wettbewerb oft so etwas ein Indikator für die Qualität des Films: Je bizarrer der Sex, umso schlechter der Film. So erfuhr man im seltsam beliebigen Thriller "Plastic City", wie man ein rohes Ei als Gleitmittel verwenden kann. In Barbet Schroeders schundiger Crime-Story "Inju" musste eine Geisha Benoit Magimels unerotische Füße lutschen, bevor es zu Sexspielchen kam, die wirkten wie aus einer "Im Reich der Sinne"-Verfilmung fürs Vorabendprogramm. Und Werner Schroeter, einst Vertreter des Neuen Deutschen Kinos, lies immerhin mal den Schniedel eines jungen Mannes schwingen und inszenierte kurz vorm Finale seiner wirren und ausgebuhten Endzeitsymphonie "Nuit de Chien" noch Badewannensex mit Wolfsmaske.

War dieser exzentrische Regisseur mit theatralischem Augenaufschlag der Mann mit den längsten Antworten auf der Pressekonferenz, war Hayao Miyazaki der mit den kürzesten. Für die japanische Animé-Legende gab es auch keine Buhrufe, sondern nur lauten Applaus und die Favoritenrolle in der Löwenkonkurrenz. Dabei erzählt "Ponyo on the Cliff by the Sea" in Anlehnung an Hans Christian Andersens "Die kleine Meerjungfrau" mit kunstvoller Einfachheit nicht nur von der Freundschaft eines fünfjährigen Jungen zum wilden Goldfischmädchen Ponyo, sondern auch auf seine ganz eigene Weise von Tsunami und Umweltzerstörung. Ein Film als Fantasieflash, der mit Ponyo den unwiderstehlich putzigsten Neuzugang im Miyazaki-Kosmos seit "Mein Nachbar Totoro" (1988) hat.

Lichtblicke des ältesten Filmfestivals

Doch es steckten auch noch andere sehr sehenswerte Filme in der diesjährigen Auswahl, in der es aber nur selten explizit politisch wurde: "BirdWatchers", der jenseits von Schwarzweissmalereien vom Dilemma brasilianischer Ureinwohner erzählt, war einer dieser Beiträge. Oder Kathryn Bigelows Irak-Kriegs-Film "The Hurt Locker", der die Anspannung und die Gewalt im Kriegsalltag von bombenentschärfenden Elite-Soldaten in aufreibende Bilder übersetzte.

Auffällig war dagegen die Häufung von privaten Krisen, kaputten Familien und Menschen, die in irgendeiner Weise die Kontrolle über ihr Leben verloren: Mal zeigte Guillermo Arriaga, Drehbuchautor von Filmen wie "Babel", das abermals aufgesplittert erzählte Familiendrama "The Burning Plain" mit einer schuldbeladenen Charlize Theron und einer brustamputierten Kim Basinger. Mal lief in Takeshi Kitanos tragikomischer Kunstbetriebsatire "Achilles und die Schildkröte" ein Künstler zeitlebens erfolglos seinem eigenen Stil und Talent hinterher. Und Anne Hathaway demonstrierte in Jonathan Demmes "Rachel Getting Married" beeindruckend ihr Talent als unsichere, sarkastische, traurige, aneckende, schwierige junge Frau, die nach der x-ten Entziehungskur beim Hochzeitswochenende ihrer Schwester für Eskalationen sorgt.

Die einprägsamsten Bilder für das Zerbrechen einer Familie fand allerdings Amir Naderis "Vegas: Based on a True Story", in dem ein Mann auf dem kleinen Grundstück in der Glitzermetropole ein vergrabenes Vermögen vermutet. Am Ende sind Frau und Junge weg und seine Existenz liegt wie das eigene Haus unter einer dicken Schicht Staub und Dreck begraben.

Mit Staub und Dreck ist wahrscheinlich auch im nächsten Jahr beim Festival in Venedig zu rechnen. Dann wird endlich am neuen Festivalzentrum gebaut, das angesichts der alten Säle längst überfällig ist und mit dem das älteste Filmfestival der Welt zumindest bei der Infrastruktur zur Berlinale und dem Festival in Cannes aufschließen kann. Wenn dann bei der 66. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica die Filmauswahl stimmiger wäre, gäbe es eigentlich auch kaum noch einen Grund zu meckern.