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Berichterstattung über den Kachelmann-Prozess: Absurde Gefechte der Medien

Der Fall Kachelmann war kein Ruhmesblatt für die deutsche Medienbranche: Einseitigkeit, Vorurteile und auch Häme prägten die Berichterstattung. Die Objektivität blieb oft auf der Strecke.

Eine Medienkolumne von Bernd Gäbler

Was in der Nacht vom 8. auf den 9. Februar 2010 wirklich geschah, wissen genau zwei Menschen: Jörg Kachelmann und sein mutmaßliches Opfer. Das Landgericht Mannheim soll die Wahrheit finden und am 31. Mai das Urteil verkünden - im Namen des Volkes.

In 44 Prozesstagen sind rund 30 Zeugen vernommen worden. Gutachter en masse haben ausgesagt. Für etwa die Hälfte der Zeit war die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Es war ein zäher Indizienprozess. Hat der ARD-Wettermann Jörg Kachelmann seine ehemalige Geliebte vergewaltigt oder hat sie ihm dies aus Hass und Rache angehängt? Am Ende wird es eine große Rolle spielen, für wie glaubwürdig das Gericht die Nebenklägerin hält, bei deren Befragung die Öffentlichkeit nicht zugelassen war. Alles, was darüber irgendwo geschrieben steht, kann also nicht mehr als reine Mutmaßung sein.

Schon vor dem Beginn war dieses schwierige Verfahren von einer regelrechten Medienschlacht umtost. Nahezu die gesamte deutsche Medienbranche, auch stern und stern.de, wetteiferte um die aktuellste und möglichst exklusive Berichterstattung. Was aber prägte nun diese Berichte genau? Detailliert waren sie durchaus. Oft aber bestand die Beschreibung der Details - von SMS-Verkehr, Sexualpraktiken, Kachelmanns Beziehungsleben, einzelnen Vernehmungen - aus viel Erregung, noch mehr Voyeurismus, viel Meinung, und leider wenig sachliche Erklärung. Ein Ausländer, der die großen deutschen Kaufzeitungen und Nachrichtenmagazine, die bunten "People-Illustrierten" und auch die führende Wochenzeitung allein nach ihrem Journalismus in der causa Kachelmann beurteilen würde, könnte zu vernichtenden Urteilen über die Verfassung unserer Medien kommen. Denn sie haben berichtet wie von einer Front. Und der Graben dieser Front verläuft mitten durch Deutschland.

Die Anti-Kachelmann-Front

"Focus" und "Bunte", das Nachrichtenmagazin und das "Leute"-Blatt des Burda-Verlags im Süden Deutschlands; selbst ernannter Leuchtturm bürgerlicher Tugend und freundlich-schmeichelnder Begleiter der Wichtig-Wichtig-Schickeria, schlugen sich schnell auf die Seite des mutmaßlichen Opfers. Voyeurismus und moralische Empörung über Kachelmann gingen Hand in Hand. Wenig Wert wurde darauf gelegt, den Unterschied zwischen einem schlechten Charakter und einer schweren Gewalttat zu erklären. Dass die eine oder andere Zeugin hier, gut alimentiert, Aussagen veröffentlichte, die sie dann im Gericht nicht mehr genau so aufrechterhalten wollte, passt ins Bild.

Für die "Bild"-Zeitung kommentierte Alice Schwarzer den Prozess. Von ihrer Mission, der abhängigen, unterdrückten und geschmähten Frau Recht angedeihen zu lassen, ist sie anscheinend selber so hingerissen, dass sie es bei der Beschreibung der Nebenklägerin stilistisch nur noch zu himmelschreiendem Kitsch bringt.

Die Pro-Kachelmann-Front

Die Gegenfront zum "Focus"/"Bunte"-Süden eröffneten zwei schwergewichtige Presseorgane im Norden. Gerade in Deutschland gebe es einen Prominenten-Malus, hier werde ein Leben zerstört, statt Recht gesprochen - ein Gegengewicht müsse her, so lautete die Legitimierung für die eigene Einseitigkeit. Also veröffentlichte der "Spiegel" Auszüge aus dem Gutachten der Psychologin Luise Greuel, die wirkten wie ein halber Freispruch für Kachelmann. Erst später erfuhren wir, dass dies nur jeweils die eine Seite eines insgesamt sehr vorsichtigen und abwägenden Gutachtens war. In der "Zeit" echauffiert sich die erfahrene Gerichtsreporterin Sabine Rückert über die mangelnde Professionalität der Kachelmann-Verteidigung. Dass sie nicht-öffentlich sogar eine bessere Verteidigung empfahl, erfuhren wir erst später. Kachelmann folgte der Empfehlung und wechselt den Anwalt Johann Schwenn ein - zu Rückerts Zufriedenheit.

Bei einer so großen Nähe der zentralen Berichterstatterin zur Verteidigung kann eine Chefredaktion eine Autorin - schon um sie selbst zu schützen - vom konkreten Einzelfall durchaus abziehen. Doch die "Zeit" ist nicht so verfahren. Nur das zum Dossier gestellte Interview mit dem Verteidiger Johann Schwenn (18. Dezember 2010) führt sie nicht auch noch selber. Allerdings nutzte sie die "Zeit" als Plattform für ein schales anti-feministisches Pamphlet. Es gibt Frauen - auch davon zeuge der Fall Kachelmann - die sind unterwürfig, abhängig, harren sogar aus, wenn ein Mann über Jahre hinhaltend Liebe und Ehe verspricht. Weil das so ist, ist Feminismus notwendig, sagen Feministinnen. Aber "Wer will solche Frauen ernst nehmen?", fragt Sabine Rückert und unterstellt, dieser Typus sei inzwischen das Ideal des falschen Feminismus, Alice Schwarzer mithin zur "bösen Großmutter" mutiert. Die "Zeit" hat jüngst eine Magazin-Ausgabe zur journalistischen Selbstkritik veröffentlicht. Viel Marginales kam vor, diese Niveaulosigkeit jedoch nicht.

Der Kampf der Reporterinnen: Schwarzer vs. Friedrichsen

Begreift sich Alice Schwarzer nach wie vor als unduldsame Vorkämpferin für Frauenrechte, die auch keine Stimme neben sich anerkennt, profiliert sich die "Spiegel"-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen als Gegen-Heroine, der es nach eigenem Bekunden allein um ein sauberes rechtstaatliches Verfahren geht. Das Plädoyer der Staatsanwaltschaft hat sie harsch und durchaus hämisch als pures "Glaubensbekenntnis" abqualifiziert. So viel Mut zur Meinung macht attraktiv, wo ein schnelles, pointiertes Wort gefragt ist: In TV-Talkshows sind Alice Schwarzer oder Gisela Friedrichsen gern gesehen. Zusammen mögen sie zwar nicht mehr auftreten, seit sie Anfang August 2010 bei Anne Will aufeinander prallten, aber die Front-Berichterstatterinnen stecken ihre Claims ab und haben ihre mediale Anhängerschaft. So werden zum Beispiel RTL-Berichte zum Fall Kachelmann gern mit einem O-Ton von Friedrichsen garniert.

Beide Seiten wirken wie ineinander verbissen, beseelt von der eigenen Mission. Kein Jota Selbstkritik, nirgends. Nun könnte man glauben, so ein herrlicher Meinungskampf sei doch im Resultat geradezu idealer Pluralismus. Mitnichten: Einseitigkeit plus Einseitigkeit ist in der Summe nicht Wahrheit. Wir Leser können uns nämlich nicht selber ein Bild von all den Gutachten, Indizien, Zeugenaussagen und Argumenten machen, wenn sie uns stets verzerrt durch die Linsen der jeweiligen Weltsicht referiert werden. Naiv wirkt da beinahe der Appell, doch bitte Tatsachen und Meinung zu trennen. Die mediale Erregung übertrifft längst den alltäglichen Klatsch. Vermutlich auch, weil der Protagonist eine Medienfigur ist. Man darf nur hoffen, dass die Institutionen des Rechtsstaats ihre Autonomie gegenüber der Stimmungs-Mediokratie wenigstens einigermaßen behaupten.

Was lernen die Medien aus dem Fall

Ein Ruhmesblatt für den deutschen Journalismus ist die Berichterstattung zum Fall Kachelmann also nicht. Wird es danach Einkehr geben? Gelöbnisse, es beim nächsten Mal klüger anzustellen? Das ist kaum zu erwarten. Zu sehr sind alle Seiten von sich überzeugt. Sie sehen keinen Anlass, etwas zu ändern. Für eine sachliche Analyse fehlt der Abstand. Wie wäre es, wenn der Deutsche Presserat - vielleicht in Kooperation mit den Stiftern des Henri-Nannen-Preises - jetzt schon damit beginnen würde, eine große Studie auszuschreiben? In drei oder fünf Jahren können wir dann ganz gelassen mit gründlich aufgearbeiteten Materialien noch einmal über den Journalismus in den Jahren 2010/2011 nachdenken.