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Oscar 2004: Alle mal herschauen!

Endlich: Es gab wieder Oscars! Am Wochenende feierte Hollywood seine größte Party. Und wie immer waren Millionen dabei - wenn auch nur mit Chips vorm Fernseher

Von Ildikó von Kürthy

Man kennt das von Kuchen. Ein Stück Kuchen ist eine wunderbare Sache. Zwei Stück Kuchen sind eine noch wunderbarere Sache. Danach wird's langsam überwältigend, und wer je in einer Konditorei im Rheinland stand, weiß, wie das ist, am Rande des roten Teppichs in Hollywood: eine Torte verlockender als die andere. Keine Ahnung, wohin man zuerst schauen soll. Aber dann: Gerade hast du in der glitzernden Auslage Catherine Zeta-Jones entdeckt, deren Oberarme so alt aussehen, wie sie wahrscheinlich wirklich ist, als sich hinter ihr Sandra Bullock dekoriert mit Perlmutt-Lippenstift vorbeiquetscht. Herrje, das Mädchen hat einfach keinen Geschmack, sieht aus wie schockgefrostet. Rechts geistert Julianne Moore durchs Bild, im grünen Kleid, passend zu ihrem grünlichen Teint.

Oscar 2004 - ich war dabei! Von halb zwei nachts bis morgens um sieben übertrug Pro7 die Verleihung aus dem Kodak-Theatre in Los Angeles. Und mit mir hockten fast 500.000 weitere Bekloppte vor ihren Fernsehern, sahen langsam den Morgen dämmern, hofften auf große Gefühle und bewegende Szenen. Doch als die Vöglein anfingen zu singen und die Müllabfuhr kam, hatten wir Überseezuschauer eigentlich nichts Besonderes erlebt - außer seit langem mal wieder am eigenen Leib, wie dringend man seinen Schlaf braucht.

Mit Wollsocken,

zwei schönen Tüten Chips, für die späteren Stunden Würstchen mit Kartoffelsalat, einer Flasche Champagner, um Siege zu feiern und Niederlagen zu verarbeiten, begrüßte ich meinen Gastgeber Billy Crystal. Billy Crystal, das ist wichtig zu wissen, ist super, ist lustig - und beleidigt trotzdem niemals jemanden ernsthaft. Er ist der Hape Kerkeling Amerikas.

Allerdings war ich, schon bevor die Show losging, persönlich enttäuscht. Vom Johnny Depp. "Das ist doch keine schlechte Art, den Nachmittag zu verbringen!", raunzte er hochnäsig in ein Reporter-Mikro. Und unsere Anke Engelke, unsere Frau am roten Teppich, beachtete er so gut wie gar nicht, obschon sie sich für ihre Star-Interviews ein radikales Konzept ausgedacht hatte und jeden fragte "How are you feeling?" Hey, dachte ich, gleich als ich den Depp sah, deine Frisur kenne ich. Du siehst aus wie ich, als ich mein Plätteisen gerade neu hatte. Da enstehen leicht mal so übel strohige Fransen, die aussehen, als hätte man sie einem Shetland-Pony ausgerissen.

Catherine Zeta-Jones, die Pute, schien sich nicht daran zu erinnern, dass sie Anke Engelke mal vor einem Jahr auf der Berlinale von Weitem gesehen hatte, und Renée Zellweger machte auch gar nicht so einen symphatischen Eindruck. Zunächst sah ich nur ihr Gesicht - deswegen war ich mir nicht ganz sicher, ob sie zurzeit dünn oder dick ist. Sie muss ja immer zunehmen für ihre Rolle als "Bridget Jones" - und ihr Gesicht bleibt sowieso immer rund, egal, wie dünn der Rest von ihr ist. Also, das würde mich ärgern: Dünngehungert, und im Gesicht siehst du immer noch aus wie Michel aus Lönneberga.

Was nett war: Ein US-Reporter, der beim Anblick von Angelina Jolies Dekolleté "Holy Moses!" rief. Heiliger Moses! Das gefällt mir besser als "Heiligs Blechle" oder "Heiliges Kanonenrohr". Frau Jolie sagte daraufhin: "Ich fühle mich sexy", und das war gut nachzuvollziehen, weil ihre Brustwarzen durch den Stoff ihres Kleides pieksten wie die Knöpfe einer kostenintensiven Stereoanlage. Jetzt mal ernsthaft gefragt: Wie macht sie das? Rubbelt sie sich in jedem unbeobachteten Moment mit Eisklötzchen über den Busen, oder hat sie eine Art "All-Inclusive-Implantat" mit dauereregierter Brustwarze?

Es gibt ja so ein paar Leute,

da freut man sich immer, die zu sehen. Tom Hanks zum Beispiel, weil man sich vorstellen kann, dass er nett sein könnte. Oder Alec Baldwin, der Arme, den mag man, weil er vom Schicksal ganz schön gebeutelt wurde. Er ist ein schlechter Futterverwerter und war mit Kim Basinger verheiratet.

"The Oscar goes to..." Diese magischen Herzklopfworte, deren Zauber leider immer zerstört wird durch den wenig später folgenden Satz: "I'd like to thank... Ich möchte mich bedanken bei..." Dankesreden halt. In diesem Jahr waren sie extra-tranig. Und wenn sogar Julia Roberts dich mit einer lieblosen Laudatio und einem schnarchigen Outfit anödet, fängst du an, dich massiv nach deiner Kuscheldecke zu sehnen.

Ich persönlich habe ja schon viele Dankesreden gehalten. Ja, auf langen Autofahrten zwischen den Ausfahrten Lohne-Dinklage und Köln-Lövenich nahm ich bereits den einen oder anderen Oscar entgegen. Sollte ich also eines Tages mit einem Award überrascht werden, ich wäre vorbereitet und würde wirklich Wichtiges zur Sprache bringen. Man sollte das ganze Gelaber "Ich danke meinem Regisseur, dem Schnittassistenten und Jesus" verbieten. Ich meine, wenn die ganze Welt zuhört, kann man die Gelegenheit doch sehr schön nutzen, um alte Rechnungen zu begleichen. "Helga Sanders aus Essen, du schuldest mir immer noch 150 Euro", oder "Theo Berne, wohnhaft in Kohlscheid, ich nehme es dir nicht übel, dass du mich verlassen hast, und ich hoffe aufrichtig, dass du dein Potenzproblem in den Griff bekommst."

Man muss sagen, dass die Oscar-Show zwischendurch eine ziemlich lange Dürreperiode hat. Nachts um 3 Uhr 48 sind langweilige Sachen einfach noch langweiliger. Und die Gesangseinlage von Annie Lennox - ein Hammer-Schlaflied! Um vier Uhr bedankte sich das Team vom "Herr der Ringe" zum zweiten Mal für irgendeinen Oscar; um 4 Uhr 23 bedankte es sich zum dritten Mal für irgendeinen Oscar. Sorry, aber um die Zeit ist es einem wirklich komplett wurst, ob ein neuseeländischer Stimmenabmischer seine drei Kinder liebt. Mir lag außerdem zu dieser Zeit die zweite Tüte Chips etwas schwer im Magen, und ich versuchte, mich mit Daumendrücken für meine Hauptrollen-Wunschgewinner abzulenken.

Mein Favorit

war der großartige Bill Murray. Als ich ihn in "Lost in Translation" sah, fragte ich mich, wie ich es so lange ohne ihn aushalten konnte. Die beste Frau ist natürlich Diane Keaton in "Was das Herz begehrt" - es hat mich schon sehr gewundert, dass die Jury da nicht meiner Meinung war. Alte Schachtel mit natürlichen Hängebrüsten erlebt Super-Orgasmus und lässt Keanu Reeves stehen für den herzkranken Schwerenöter Jack Nicholson.

Übrigens, Freunde des Kinos, falls das noch einen von euch interessiert: Um 5 Uhr 55 bedankte sich jemand aus dem "Herr der Ringe"-Team beim "Herr der Ringe"-Team. Das schien auch Billy Crystal so langsam auf den Keks zu gehen: "Jetzt ist es offiziell: In Neuseeland ist keiner mehr übrig, dem noch nicht gedankt wurde." Und nicht mal das Ende war ein Höhepunkt: Es gab einen ganz dollen Dank an das Team von "Der Herr der Ringe". War auch überfällig. Knitterig sah ich aus wie Clint Eastwood, und meine Augen waren so rot wie die von Hobbit Frodo. Nächstes Jahr gibt's den Oscar auf Video und jede Menge Schlaf. Holy Moses!

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