Oscar-Verleihung Außerordentlich normal


Im Fernsehen Bomben, vor der Tür Demonstranten und im Saal vereinzelt Protest: So ging die 75. Oscar-Verleihung glatt über die Bühne.

Von Jochen Siemens

Die ersten Leichen wurden nach einer halben Stunde geliefert. In der Werbepause. Noch ein Spot für den neuen Cadillac, dann meldete Peter Jennings, Moderator beim Fernsehsender ABC, mit kantigem Gesicht, dass im Irak vier amerikanische Soldaten vermutlich hingerichtet wurden. Im Festsaal des Beverly Hills Hotels in Los Angeles blieben den mehr als 200 Oscar-Oldies und Halbmächtigen Hollywoods die Löffel in der Suppe stecken. Es war, ja, totenstill. Wie auf den anderen Partys am Sunset Boulevard und in den Villen von Beverly Hills, wo die Live-Übertragung der 75. "Academy Awards Show" verfolgt wurde.

Nur im Kodak-Theater am Hollywood Boulevard, der Bühne, auf die an diesem Abend etwa eine Milliarde Menschen schaute, wurde weitergelacht. Moderator Steve Martin lavierte sich mit temperierter Ironie durch die Weltlage, Jack Nicholson lachte hinter seiner Sonnenbrille, und viele amüsierten sich wie zu alten, normalen Oscar-Zeiten. Die Monitore im Saal zeigten die Kriegsnachrichten nicht, Hunderte Weltstars saßen für dreieinhalb Stunden wie im Tal der Ahnungslosen.

Und auch als Kriegschronist Jennings nach einer Stunde neue Front-News verlas, drang davon keine Silbe in den feiernden Saal. Die Gala war nur unter großen Mühen inszeniert worden - schon ein Hauch zu viel Wirklichkeit hätte sie wohl verdorben. Die Sorge jedoch, eine Hand voll Kriegsgegner auf der Oscar-Bühne könnte die Nacht der Nächte zu einem flammenden J'accuse nützen, schien grundlos. Zwar füllte der Dokumentarfilmer Michael Moore ("Bowling for Columbine") seine Redezeit mit wütenden Kommentaren gegen den Krieg. Doch Hollywoods Crème, im Dilemma zwischen Marketing und Meinungsäußerung, entschied sich für business as usual.

Selbst Dustin Hoffman, der noch im Februar auf der Berlinale gegen die Irakpolitik seines Landes gezürnt hatte, enttäuschte mit demonstrativer Meinungslosigkeit, quälte sich durch eine blutarme Rede. Größter Konsens: Frieden ist besser als Krieg, und die US-Army hätte man lieber zu Hause als in der Fremde. Als um 21.30 Uhr Ortszeit der Vorhang fiel, war es, als ob sich Hollywood den Schweiß von der Stirn wischte. Uff. Ein diplomatischer Erfolg, wie ihn die UN nie geschafft hätten. Denn 24 Stunden zuvor hatte der größten Show der Welt die Absage gedroht.

Stündlich berieten noch am Samstag die Organisatoren in den Hinterzimmern des Kodak Theaters. Absagen? Nicht absagen? Was ist, wenn sich Nicole Kidman für den Oscar bedankt und ABC die Sendung mit Bildern der ersten Leichensäcke unterbricht? Erst dreimal in ihrer Geschichte wurde die Feier verschoben, abgesagt nie. Und verschieben wäre schwer und teuer - nicht nur, weil man bis zum neuen Termin jede Vorstellung des im Kodak-Theater geplanten "Scooby-Doo!"-Musicals hätte kaufen müssen. Hinzu kamen die polternden Anrufe des Miramax-Bosses und heimlichen Königs von Hollywood: Wo ist das Problem?, bellte Harvey Weinstein. Sein Studio sei für insgesamt 40 Oscars nominiert, da werde gefälligst nichts abgesagt, verstanden?

Nach einem Blick in die Kasse drängte auch der TV-Sender zum Durchmarsch: 58 Werbespots waren verkauft für 1,35 Millionen Dollar pro Stück, also mehr als 75 Millionen Einnahmen gegen 50 Millionen für die Übertragungsrechte, machte 25 Millionen Dollar Profit. Absagen? Ganz patriotisch half ABC mit der Meldung, die Jungs an der Front fieberten der Show entgegen, die sie über Satellit in ihren Zelten und beim Gewehrreinigen sehen würden. Na dann, "support our troops!"

"Es war", stöhnte die "Los Angeles Times", eine "der anstrengendsten Vor-Oscar-Wochen aller Zeiten". Denn vor der "Was zieh ich an"-Frage quälte die Prominenz viel mehr, welche Meinung man am Abend tragen dürfe. Gegen den Krieg? Gegen die Bomben auf Kinder, Mütter und Teenager im Irak, die auch Julia Roberts und George Clooney verehren? Ja klar, aber, nun ja, ganz so einfach sei das nicht - auf allen Empfängen in den Vor-Oscar-Tagen tat sich ein Minenfeld amerikanischer Art auf: Die kriegseingepeitschte Nation empfindet jeden Hinweis auf Frieden als Verrat an den Jungs an der Front.

In Zeitungen und im Internet wurde zum Boykott von Filmen der Bush-Kritikerin Susan Sarandon aufgerufen. Der Schauspieler Martin Sheen, Präsidentendarsteller in der TV-Serie "The West Wing" und erklärter Gegner des Irak-Feldzugs, wurde zum Landesverräter erklärt. Und sein Kollege Samuel L. Jackson sei "noch so eine Hollywood-Drohne" ("New York Post"), dessen in Kürze startender Film "Basic" bitte zu ignorieren sei, wie Kultur-Falken unter der Überschrift "Unterstützt nicht diese Saddam-Freunde" forderten. Dustin Hoffman wurde nahe gelegt, seine Berlinale-Rede bei einem "Cinema for Peace"-Treffen in Hollywood nicht zu wiederholen. "Der Druck auf ihn", so die Veranstalter, "war zu heftig." Der Ruf, ein Peace-Freund zu sein, ist eben eine Sache - die Entscheidung an den Kinokassen in Texas und Ohio eine andere.

Natürlich tat es weh, als Frank Pierson, Präsident der Oscar-Academy, 24 Stunden nach den ersten Bomben auf Bagdad bekannt gab, dass die goldenen Figuren zwar vergeben, aber dass es keinen roten Teppich, keine Luftküsschen, keine Modenschau am Hollywood-Boulevard geben würde. Denn was vor Milliarden TV-Zuschauern wie ein illustres "Ach, du auch hier"-Gegrüße aussieht, ist in Wirklichkeit das hart kalkulierte Kommerz-Schaulaufen der Entertainment-Branche.

Die Filmstudios entscheiden, wer kommen darf; 20 Sekunden auf dem roten Teppich entscheiden über Millionen Dollar Umsatz für den Star, für den Designer der Robe, für Schuh-, Schmuck-, Kosmetikhersteller, für den Chirurgen, der Busen und Lippen in Form brachte. Diesmal also: Sack und Asche - für Hollywood-Verhältnisse jedenfalls.

Schon am ersten Morgen des Bombardements hatte man in Los Angeles Stylisten auf den Fluren der Hotels "L' Ermitage" und "Le Meridien" nervös herumlaufen sehen, an beiden Ohren Handys: "Etwas Schwarzes brauche ich, was edles Schwarzes", so der simple Dresscode. Schmuckdesigner wie Ann Whatu und Raffi Kouyoumjian, die mit traubengroßen Saphiren und 50.000 Dollar teurem Brillanten-Kitsch Stars wie Céline Dion und Jennifer Lopez behängen, bangten um ihren wichtigsten Geschäftstag. "Der rote Teppich ist ein unersetzliches Schaufenster für uns, danach kommen die Kunden, weil sie bei Céline oder Jennifer den Ring oder die Kette gesehen haben", so Ann Whatu.

An diesem Morgen kommt nun keiner, um sich zur Gala das Brillantenherz in US-Farben auszuleihen. "Dabei sind unsere Sachen angemessen, wir haben viel dunkles Gold und dunkle Diamanten verarbeitet", sagt Whatu mit hoffendem Blick zur Tür. Im Hintergrund läuft der Fernseher, der CNN-Reporter in Kuwait zieht sich die Gasmaske über den Kopf.

Ein Zimmer weiter hat Christian Tse ein paar Millionen Dollar auf dem Hotelbett ausgebreitet: pergamentzarte Kolliers aus Platin und Gold. Ein paar davon habe er heute schon verkauft, aber wenn die niemand in der Welt auf dem Oscar-Teppich sieht, wird's ein schwarzer Tag, "wir leben fast davon", sagt Tse. Seine Mitarbeiter kauen gelangweilt an Hühnerbeinen.

Drei Tage später, der Morgen nach der Oscar-Zeremonie, 1.30 Uhr in der Früh. Die Melrose Avenue ist drei Häuserblöcke weit abgesperrt, Hubschrauber sind in der Luft, auf der Straße ein Wurm schwarzer Stretchlimousinen, Polizei, Kontrollen, die mit Teleskopspiegeln unter die Autos schauen. Die Zeitschrift "Vanity Fair" feiert ihre Party in einem städtischen Hochsicherheitstrakt. Kolliers, auch die von Christian Tse, werden ausgeführt. Im Fernsehen spricht zur selben Zeit Saddam Hussein darüber, dass er die Amerikaner vernichten werde.

In einem Hinterzimmer des Kodak-Theaters werden die vergebenen Statuen in Tücher gewickelt und mit Namenszetteln beklebt. Morgen sollen sie graviert werden. Nach 23 Jahren geht erstmals wieder ein Oscar für einen Spielfilm nach Deutschland, "Nirgendwo in Afrika" von Caroline Link.

"Schön", sagt auf einer Party in Beverly Hills Volker Schlöndorff, der den Preis 1980 für seine "Blechtrommel" bekam, "jetzt bin ich nicht mehr der einzige Oscar-Gewinner in Deutschland, das entlastet." Er zündet sich eine Zigarre an und schaut in den Fernseher. Das zerschundene Gesicht eines amerikanischen Kriegsgefangenen ist zu sehen. Ein Moderator malt mit einem elektronischen Stift Pfeile auf eine Irakkarte, wie beim Fußball, wenn sie den Freistoß erklären. Am Himmel über Beverly Hills tanzen Lichtkegel wie bei der Flugabwehr in Bagdad.

Every show must go on.


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