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stern begleitet Wim Wenders vor den Oscars: Zwischen Pailettenmädchen und Goldjungen

Wieder ging er leer aus: Auch im dritten Anlauf blieb Wim Wenders der Oscar versagt. stern-Reporterin Silke Müller hat den Regisseur in Hollywood begleitet - vor und nach der Verleihung.

Sitzt ganz entspannt auf der Terrasse eines Hotels: Wim Wenders vor dem Oscarstress

Sitzt ganz entspannt auf der Terrasse eines Hotels: Wim Wenders vor dem Oscarstress

Als sie sich für das Foto aufstellten, drinnen, im Dolby Theatre am Hollywood Boulevard, kurz bevor die Oscarverleihung begann, da hatten sie es zwar schon geahnt. Aber ohne einen Funken Hoffnung ist wohl niemand aus dem Team von Wim Wenders auf den roten Teppich gegangen. Da standen sie also, links Wim Wenders, in der Mitte sein Co-Regisseur Juliano Ribeiro Salgado und rechts der Co-Produzent David Rosier. Und in ihren Händen hielten sie - einen Luft-Oscar.

Und so kam es. Zum dritten Mal war Wim Wenders, einer der bedeutendsten deutschen Regisseure, für einen Oscar in der Kategorie Dokumentarfilm nominiert. Mit "Das Salz der Erde" hätte den Hattrick vergolden können. "Wir gewinnen sowieso nicht", hatte der 69-jährige Regisseur vorab abgeklärt gesagt. Leider sollte er Recht behalten

Die Academy würdigte stattdessen das Porträt des Whistleblowers Edward Snowden, den Film "Citizenfour". Doch der Film ist vor allem ein Stellvertreter. In Wahrheit ehrt der Oscar die Taten des ehemaligen Agenten und IT-Experten Snowden, der sein Wissen über die Überwachungspraxis des US- und des britischen Geheimdienstes in die Öffentlichkeit trug und dafür ins russische Exil gehen musste.

Ein Oscar für eine politische Tat

Es ist eine politische Entscheidung, für eine politische Tat. Und es ist genau das, was die ausrichtende Academy brauchte. In einer langatmigen Zeremonie, die Neil Patrick Harris nur notdürftig mit Witzchen und schiefen Bemerkungen auflockerte, räumte "Birdman" ab, die böse Komödie des mexikanischen Regisseurs Alejandro Inarritu. Eine - tatsächlich großartige - Selbstbespiegelung der Film-Szene. Und mithin das, was die Academy seit jeher besonders schätzt.

Schon im Vorfeld der Verleihung wurden die Oscars scharf dafür kritisiert, dass kaum Frauen und schwarze Schauspieler und Regisseure nominiert worden waren. "Selma" das hoch gelobte Diskriminierungsdrama der Afroamerikanerin Ava Du Vernay, gelangte zwar als "bester Film" auf die Liste. Die Regisseurin und der großartige Martin-Luther-King-Darsteller David Oyelowo agierten dagegen unter der Wahrnehmungsschwelle der Academy-Mitglieder.

Auf dem für das Film-Business nicht so bedeutendem Terrain des Dokumentarfilms wiederum kann sich der Oscar Spitzen erlauben. Regisseurin Laura Poitras und ihre in Berlin lebenden Produzenten Dirk Wilutzky und Mathilde Bonnefoy sowie Steven Soderbergh haben mit "Citizenfour" ein wichtiges Zeitdokument vorgelegt.

Wenders gehört zu den Großen - auch ohne Oscar

Die Tage vor der Verleihung nutzte Wenders, um tief in die Filmszene einzutauchen. Er und sein Team eilten von Empfang zu Filmvorführung, von Diskussion zu Interview, von Fotoshooting zu Abendeinladung. Oscar-Business. Die Stadt ist ihm vertraut, sieben Jahre lang lebte er hier und verpasste seinem amerikanischen Traum einen Realitycheck. Es gab auch mal ein Apartment in New York, aber heute, und das sagt Donata Wenders mit geradezu empörtem Unterton, sei es "natürlich Berlin!", wo man lebe und arbeite.

Ausgerechnet auf dem Dach des Rosslyn Hotels will ihn sein alter Freund, der Fotograf Peter Lindbergh, für den stern fotografieren. Hier drehte Wenders 1999 seinen Film "The Million Dollar Hotel". Und während sich draußen auf der Straße immer noch ein paar Crack-Süchtige, Obdachlose und Verwirrte herumdrücken, rücken die Galerien, Bio-Restaurants und Weinbars immer weiter vor in das einst heruntergekommene Viertel. Aus dem Hotelzimmer wurden Lofts, doch auf dem Dach wirbt immer noch eine rostige Konstruktion mit der Leuchtschrift "New Million Dollar Hotel Rosslyn".

Wenders klettert ins Gestänge, breitet die Arme aus und ruft Lindbergh zu: "Ich mache jetzt mal Titanic". Dann schürzt Donata Wenders ihr bodenlanges, nachtblaues Kleid, das vom jungen Berliner Designer Bobby Kolade stammt, steigt zu ihrem Mann hinauf und strahlt. Überhaupt wirkt es die ganze Zeit so, als genieße vor allem sie dieses Oscar-Theater in vollen Zügen. Mit jeder Geste macht sie klar, dass für sie der Sieger ohnehin feststeht. Völlig unabhängig vom goldenen Meister Proper. Lindbergh, der zuvor Robert Pattinson auf dem Dach für Dior fotografiert hat, ist schon lange mit Wenders befreundet. Auch er winkt ab, wenn es um den Oscar geht. "Wim ist ein großer Poet. Man kann nur anders sein als er, aber nicht besser!".

Ach, da sitzt ja Natalie Portman nebenan

Wie Wim Wenders am folgenden Tag so durch den Garten des Hotel Sunset Marquis schlendert, in einem dieser typischen Wenders-Anzüge aus Leinen mit Beulen und tiefen Knitterfalten, könnte der Eindruck entstehen, der große Tag liege schon hinter ihm. Dabei ist erst Freitag. Und am hektischen Auf und Ab der Boten, die Blumensträuße, dicht behängte Kleiderstangen oder auch nur einen winzigen Umschlag mit kollosaler Schleife in die Apartments tragen, ist zu erkennen, dass etwas Außergewöhnliches bevorsteht. Unterdessen: Demonstrative Gelassenheit.

Unter den Orangenbäumen und blühenden Akazien hindurch rückt Richard Linklater mit seiner Entourage an: Drei Jungs in jüngerem, jungem und ganz jungem Alter, so scheint's, die Gang von "Boyhood". Regisseur Linklater, der mit 54 Jahren immer noch die Ausstrahlung eines Collegeboys hat, daneben Ellar Coltrane, dessen Aufwachsen der Film begleitet, und vorweghüpfend Ethan Hawke, in einem irgendwie geschrumpften Jäckchen und mit Abiturientenbrille.

Wenders und Linklater begrüßen sich herzlich, Hawke kommt dazu, sie stehen da so eine Weile, die Koi Karpfen tummeln sich im Bassin, die Vögel zwitschern. Dann wenden sie sich einer jungen Frau zu, die allein am Nebentisch sitzt. Es ist Natalie Portman, ganz klein, mehr als zierlich, in Jeans, T-Shirt und wenig Make-Up. Sie wartet schon länger hier, und als die Verabredung erscheint, scherzt Hawke quer durch den Garten: "Er kommt aus New Jersey, er spricht mit falschem Akzent, arbeite nicht mir ihm!"

Kurz darauf trifft per SMS eine Nachricht aus Paris ein: "Das Salz der Erde" gewinnt den "César" als bester Dokumentarfilm. European Affairs? Scheint so. Wenders bemüht sich auch hier, keine Emotionen zu zeigen: "So ein Stück Altmetall habe ich noch nie gehabt."

Lesen Sie auf Seite zwei: Wie Wolfgang Joop über Madonna ablästert

Ein stinknormaler Tag in Hollywood? Nicht ganz: Der Begriff "Oscar" entlockt dem routinierten Wenders dann doch ein Zischen, als habe er auf Alufolie gebissen. Dreimal waren es Kultur-Dokumentationen, die ihn auf den roten Teppich in Los Angeles katapultierten. Musik, Tanz, nun, mit dem Film über den großen Sebastiao Salgado, die Fotografie. Dreimal siegten andere. "Als ich mit Buena Vista Social Club 2000 nominiert war, fragte mich damals mein Nachbar in Los Angeles, wo Kuba denn eigentlich liege. Und er wollte es kaum glauben, dass man bei klarem Wetter von Havanna aus Miami sehen kann. Die Amerikaner hatten vergessen, dass es dieses Land überhaupt gab."

Als "Pina" 2012 ins Rennen ging, votierte die Jury für einen Film über ein Football-Team mit schwer erziehbaren Jugendlichen. Eine Entscheidung, mit der Wenders noch nicht im Reinen ist: "Meiner festen Überzeugung nach ist das eigentlich gar kein Dokumentarfilm, sondern er ist komplett inszeniert. Aber das habe ich damals nicht gesagt. Das hätte wie Nachtreten geklungen. Es war dasselbe Phänomen: Filme mit einem kulturellen Mehrwert schneiden schlechter ab. Das ist ja auch kein Wunder, in Amerika gibt es ja noch nicht mal einen Kulturminister. Bei uns in Europa sind Filme eben in erster Linie Kulturgut und hier in den USA sind sie Wirtschaftsgut."

Die Konkurrenz um den Dokumentar-Oscar handelt zwar wieder einmal von den USA und ist hoch politisch, doch diesmal ist etwas anders. Auf dem "German Films" Empfang in der Villa Aurora in den Hügeln von Pacific Palisades ist Wenders bester Laune, scherzt über ungehaltene Oscar-Reden und es scheint, als drücke er den jüngeren Kollegen von "Citizenfour" tatsächlich die Daumen.

"Wir kommen fast alle aus Berlin", sagt er, und plötzlich fühlt sich die Oscar-Verleihung wieder an wie eine Nebensache. "Alle fünf nominierten Filme würden tatsächlich verdienen, den Oscar zu bekommen", sagt Wenders auf der Bühne und ruft seinen jungen Regie-Kollegen zu sich, Juliano Ribeiro Salgado, der am Porträt seines Vaters Sebastiao maßgeblich mitgewirkt hat. Auch er ist nach Berlin gezogen, ebenso wie, auch aus Sicherheitsgründen, Laura Poitras, die Regisseurin von "Citizenfour".

Joop lästert über Madonna

Berlin dominiert diese kleine Gesellschaft im Garten des Hauses, in dem der jüdische Schriftsteller Lion Feuchtwanger einst nach der Flucht vor den Nazis wohnte. Für ein wenig Würze abseits illegalen Raucherecke sorgt Wolfgang Joop, der ein großes, dünnes Mädchen im Pailettenkleid vor sich her schiebt. Sie heiße Lisa Baermann und komme aus dem Dorf Contwig in Rheinland-Pfalz, sagt sie. Joop, das Model fest um die Taille geklammert, textet in die entgegengestreckten Mikrophone, lästert über junge Schauspielerinnen bei den Oscars ("Stylistenopfer"), Angelina Jolie ("humorlos") und Madonna: "Die hat eine Peinlichkeitsstufe erreicht, die schon wieder kultig ist. Sie sieht aus wie eine Berliner Transe."

Wenders und die anderen Filmmenschen scheinen dankbar für dieses Presse-Ablenkungsmanöver zu sein. Bunte-Chefin Patrizia Riekel kommt auf diese Weise prompt zu einem neuen Kleid: "Kiss and tell, das ist meine Lebensmotto!" quietscht sie erfreut und bestellt den Baermann-Fummel bei Joop. "Lasse ich Dir machen", sagt der, "selbe Größe, passt Dir sicher!"

Mit Kleidern kann heute sogar Donate Wenders nicht groß aufwarten, meldet aber erfolgreiches Schuhekaufen. Dann zieht die Truppe weiter zum den Independent Spirit Arwads, die in einem Zelt am Santa Monica Pier verliehen werden. "Citizenfour" holt den Dokumentar-Preis. Und längst haben sich alle darauf geeinigt, dass in diesem Jahr in jedem Fall eine Berliner Produktion gewinnt. Auch Wenders.

2015 ist ein großes Jahr für den Filmemacher, der nicht nur einer der bedeutendsten deutschen Regisseure ist, sondern auch weltweit außerordentliche Anerkennung genießt. Im Februar würdigte ihn die Berlinale mit einer Hommage und einem Goldenen Ehrenbär. Im März zeigt das Museum of Modern Art in New York eine Retrospektive seines Werks. Im August wird er 70. Und nun: Verpasst er zum dritten Mal einen Oscar. Und lacht.

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Silke Müller, Los Angeles