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TV-Kritik "Günther Jauch": Warum soll man eigentlich von seiner Arbeit leben können?

Günther Jauch will angesichts des Bahnstreiks über gerechte Löhne sprechen, hört sich aber leider nur brave Floskeln an. Selbst Forderungen an die Politik blieben vorsichtshalber aus.

Von Jan Zier

Die Gäste in der ARD-Talkshow von Günther Jauch konnten nicht mehr als Floskeln aufbringen

Die Gäste in der ARD-Talkshow von Günther Jauch konnten nicht mehr als Floskeln aufbringen

Die LokführerInnen streiken! Wieder mal, diesmal 138 Stunden. Mancherorts sind zudem die Busfahrer im Ausstand. Und die Briefträger. Dazu, vermutlich bald, viele Erzieher: Ab Ende kommender Woche könnten bundesweit die Kitas geschlossen bleiben. Auch jene in Dachau bei München, in der Stephanie Wittmann-Wallner arbeitet - 30 Stunden pro Woche, für 2540 Euro brutto.

Nun sitzt die Erzieherin bei Günther Jauch, um darüber zu reden, was das ist, ein "gerechter" Lohn. Das klingt nach einer Sendung, die Streit verspricht, Debatte und Konfrontation. Doch am Ende ist es leider nur eine Ansammlung der handelsüblichen Floskeln geworden.

Die interessanteste Figur in der Runde ist wahrscheinlich noch Herr Voss, ein früherer Investmentbanker der Deutschen Bank, die Hauptfigur der zu Recht prämierten Doku "Master of the Universe" und einer der wenigen selbstkritischen Vertreter seines Berufes. Er hat zeitweise das 25 bis 30-fache von Frau Wittmannn-Wallner verdient, sagt Jauch, und sagt heute, dass es das "damals gerecht" und heute "sozial ungerecht" findet.

Was ist die Rendite einer Erzieherin?

Natürlich kommt auch die obligatorische Altenpflegerin in der Sendung vor - 2300 Euro für eine volle Stelle - oder der Berliner Polizist, der all die Großeinsätze macht, für 2404 Euro im Monat. "Wir brauchen eine Debatte über den Wert der Arbeit", sagt der DGB-Chef Reiner Hoffmann dann, und dass es in der Gesellschaft eine "hohe Akzeptanz" für Sozial- und Pflegeberufe gebe. Was auch immer das heißen soll. Forderungen an die Politik will er keine richten. Er fragt lieber nur. Ob unser Steuersystem sinnvoll aufgestellt sei, etwa.

Eine kurze Debatte flackert nur auf, als der brave Hoffmann eine andere Phrase hervorholt: "Von seiner Arbeit soll jeder in diesem Land leben können". Selbstverständlich bekommt er dafür viel Beifall. Diese Satz sei "falsch", entgegnet ihm der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michel Hüther: "Das geht an der Realität vorbei."

Und natürlich ist Gregor Gysi von der Linken darüber arg empört! "Sie werden doch wohl nicht …" - doch er wird: Es gebe einfach Jobs, da wolle keiner einen entsprechenden Preis zahlen. Also kann man nicht von ihnen leben. So einfach ist das mit dem Kapitalismus. Und der Staat? "Der Staat orientiert sich nicht am Markt", sagt Herr Hüther.

Und der Markt? Orientiert sich an der Rendite. Zum Beispiel der eines Investmentbankers wie Herrn Voss. Der wiederum fragt die Runde: Was ist die Rendite einer Erzieherin? Hmmm. "Wir neigen dazu, dass zu unterschätzen", sagt Herr Voss. Ein Arbeitspsychologe aus der Schweiz hat übrigens mal versucht, dass auszurechnen und kam dazu, dass die Erzieherin 477 von 1000, die Grundschullehrerin aber 520 von 1000 Punkten wert ist. Und der Investmentbanker noch mehr. Das zementiert nur den Status Quo, hilft aber auch nicht weiter.

Katja Suding geht unter

"Wir haben nicht begriffen, wie wichtig Bildung ist", wollte Herr Gysi nochmal schnell sagen, und dass Kapitaleinkünfte viel stärker besteuert werden müssten. "Steuergerechtigkeit!" ist sein Schlagwort. Herr Hoffmann hingegen will lieber eigene Erfolge loben und ansonsten dafür sorgen, dass wieder mehr Arbeitgeber tarifgebunden sind.

Ach ja, und dann ist da noch Frau Suding, die neue Hoffnung der FDP aus Hamburg. Doch als Nachfolgerin des legendären Guido Westerwelle taugt sie nicht. Sie sagt zwar, dass es eine "freie Gesellschaft" irgendwie aushalten muss, dass manche halt extrem viel verdienen. Ansonsten findet sie indes starke Gewerkschaften gut und Erzieher unterbezahlt. Also geht sie auch in dieser Talkshow unter.

Was bleibt? Die Hoffnung auf den "Zeitgeist" - sagt Gregor Gysi. Und wenn der die Erzieherinnen entdecke, womöglich gar die Altenpflegerinnen, dann würden die auch besser bezahlt. So funktioniert Politik.