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Interview

Theaterstück in Hamburg: "Harry Potter wäre ein gefundenes Fressen für jeden Therapeuten"

Darauf warten Fans seit Langem: Die Geschichte von Harry Potter geht weiter, nun endlich auch auf Deutsch. Der achte Teil der Saga ist kein Buch und kein Film, sondern ein Theaterstück. Der stern traf die Darsteller zum Interview.

Harry Potter

Markus Schöttl (Harry Potter), Jillian Anthony (Hermine Granger) und Sebastian Witt (Ron Weasly) sind die Hauptdarsteller von "Harry Potter und das verwunschene Kind".

Am 15. März feiert "Harry Potter und das verwunschene Kind" – nach Stationen in London, New York, San Francisco und Melbourne – Premiere in Hamburg. Darauf warten die Fans seit langem. Die Geschichte von Harry Potter geht weiter, nun endlich auch auf Deutsch. Der achte Teil der Saga um den Zauberer mit der Stirnnarbe ist kein Buch und kein Film, sondern ein Theaterstück. Harry hat jetzt selbst Kinder und steckt in einer Identitätskrise.

Wir haben vorab mit den drei neuen Darstellern von Harry und seinen besten Freunden Ron und Hermine gesprochen. Für Markus Schöttl, Sebastian Witt und Jillian Anthony ist es das erste gemeinsames Interview. Kleine Überraschungen sind garantiert: Harry Potter ist Österreicher, Hermine stammt aus der Karibik und Ron trägt Vollbart.

Sie spielen demnächst drei der bekanntesten Figuren der Popkultur. Ist das nicht eine unglaubliche Bürde?

Sebastian Witt (Ron): Wegen meiner roten Haare dachte meine Mutter sowieso schon immer, ich wäre der ideale Ron. Und war dann enttäuscht, dass Ron in den Kinofilmen von jemand anderem gespielt wurde. Aber im Ernst: Die Filme haben das Bild dieser Rollen schon sehr geprägt, allerdings wollen wir natürlich nichts nachahmen und bringen unweigerlich unsere eigene Persönlichkeit mit dazu - ohne hoffentlich den Kern der Figuren zu verlieren.

Markus Schöttl (Harry): Ich habe ja auch immer Erwartungen, wenn ich ins Theater gehe. Wie ist ein Hamlet, wie eine Ophelia? Wir haben schon den Anspruch, mit unseren Auftritten etwas neu zu gestalten.

Jillian Anthony (Hermine): Eine Freundin liest gerade ihrem Sohn den sechsten Band vor und hat mir was Schönes erzählt. Immer wenn sie über Hermine liest, stellt sie sich jetzt mich vor, ich bin in den Gedanken. Das ist das Schöne und zugleich die Herausforderung. Jeder hat ja seine eigene Vorstellung von den Figuren, egal wie gut sie beschrieben werden.

Sieben Bücher, acht Filme: Es gibt auf jeden Fall mehr als genug Stoff zur Vorbereitung.

Schöttl: Das ist einerseits toll und macht meine Figur sehr rund. Andererseits entsteht dadurch ein bestimmter, fast zu enger Rahmen, in dem man sich bewegt und innerhalb dessen man trotzdem noch seine Freiheiten suchen muss.

Anthony: Die Arbeit wird an sich leichter. Die Vita meiner Hermine ist vorgefertigt, ihr Leben beschrieben. Und es gibt schon viele Varianten von ihr. Sobald ich auf die Bühne komme, sollen die Leute jedoch im Idealfall über meine Besetzung gar nicht mehr nachdenken. Das ist das Ziel.

Wie hat ihr Freundeskreis auf den Job reagiert?

Anthony: Die meinten nur: Wow, herzlichen Glückwunsch! Das wird dein Leben bereichern. Ich sehe das bescheidener. Ich mache den Job nicht, um berühmt zu werden, sondern stelle die Arbeit in den Vordergrund. Ich möchte auf dem Teppich bleiben, aber ich habe schon Freunde, die gerade daran ziehen.

Witt: Wir mussten es recht lange Zeit geheim halten, aber viele meiner Freunde wussten, dass ich beim Vorsprechen war und haben ständig nachgefragt. Ich hätte gerne schon früher erzählt, dass ich die Rolle bekommen habe. 

Schöttl: Ich habe nicht groß kommuniziert, dass ich beim Casting war. Ich dachte nicht, dass ich mit meiner Vita eine große Chance habe. In London spielen das Leute, die für die Royal Shakespeare Company oder das National Theatre gearbeitet haben. Als dann nach der Bekanntgabe eine Flut von Nachrichten und aufmunternden Worten kam, wurde mir erst klar, dass es in meinem erweiterten Freundeskreis so viele Fans gibt. Die wussten plötzlich schon mehr über die Figur als ich.

Das Stück spielt 19 Jahre später. Wie sind die gealterten Helden denn so?

Schöttl: Harry ist ein klassischer Ödipus-Charakter. Ehemals Vollwaise, "Kinderstar", Revolutionär, Krieger und Märtyrer, nun leitet er als erfolgreicher "Profiler" die Abteilung für strafrechtliche Verfolgung. Er ist zudem dreifacher Familienvater und ein Meister der Verdrängung, der sich gezwungen sieht, seine bewegte Vergangenheit aufzuarbeiten, um sich selbst und seine Aufgabe als Vater zu erkennen. Ein gefundenes Fressen für jeden Therapeuten!

Anthony: Hermine ist noch immer die beste Freundin von Harry und Ron. Mit Ron ist sie sogar verheiratet und sie haben zwei gemeinsame Kinder. Sie kann sehr dickköpfig sein und hat einen guten Sinn für Humor. Eine ihrer größten Stärken: Ruhe bewahren.

Witt: Ron ist älter geworden: Er ist Familienmensch, kümmert sich meistens um die Kinder und hat einen Scherzartikelladen, aber trotzdem ist er immer für seine Freunde da. Er versucht, die Stimmung aufzulockern oder den Druck zu nehmen. Ich glaube, Ron ist einer der besten Freunde, den man haben kann.

Wie in der Originalfassung des Stücks wird Hermine von einer farbigen Schauspielerin gespielt. In Großbritannien löste diese Entscheidung 2016 kontroverse Diskussionen aus. Wird das auch bei uns zum Thema werden?

Anthony: Ich bin froh, dass das Thema durch ist. Punkt.

Witt: Ich denke schon, dass das nochmal diskutiert werden wird. Weil vieles davon hier noch nicht angekommen ist und sich die Leute noch nicht so viel mit dem Stück beschäftigt haben.

Schöttl: Wenn sich unser geändertes Weltbild auch auf der Bühne wiederspiegelt, kann Positives transportiert werden. Ich finde den persönlichen Hintergrund immer spannend und die Diskussion darüber ist wichtig und gut. Für den Betreffenden ist es natürlich nicht so toll, weil man immer das Gefühl hat, jetzt muss ich mich dazu auch noch äußern. Wir sollten aber unsere eigene Unsicherheit bei dem Thema ganz klar bekennen und lieber dreimal nachfragen. Was darf ich jetzt überhaupt noch sagen: Farbig? Schwarz?

Anthony: Das sind ja keine dummen Fragen. Ich frage Menschen, die anders aussehen, auch woher sie kommen. Du bist wunderschön gemischt, sag mir doch, wo du herkommst?

Witt: Wenn man nicht fragt, wüsste ich jetzt immer noch nicht, dass Jillians Mutter aus der Karibik kommt.

Anthony: Weil du dich nie getraut hast. Dabei sind wir auf der Bühne nicht nur beste Freunde, sondern sogar verheiratet!

Viele Fans hätten sich gewünscht, dass eher Harry und Hermine ein Paar werden.

Anthony: Das hätte theoretisch passieren können.

Schöttl: Ob die Ehe allerdings so glücklich geworden wäre, bezweifle ich. Das sind zu ähnliche Charaktere. Genau die Gegensätze von Hermine und Ron ergeben diese Erdung.

Witt: Dafür ist jetzt Harry mit der Schwester seines besten Freundes zusammen. Was wiederum seine Liebe zu Ron belegt.

Es bleibt kompliziert. Mussten Sie eigentlich beim Casting Trivia-Fragen beantworten? Wer ist dein "Patronus"? Was ist ein "Horcrux"?

Anthony: Gott sein Dank nicht.

Schöttl: Dann hätte ich gleich wieder gehen können.

Anthony: Ich kannte mich tatsächlich gar nicht aus, und musste mir über drei Wochen schnell alle Filme reinziehen. Das gehört für einen Schauspieler immer dazu, das ist Vorbereitungszeit. Wir haben beim Casting dann eher über die Rollen diskutiert. Wie stelle ich mir Hermine vor, wie weit bin ich schon vorgedrungen in die Figur?

Witt: Am Anfang der Proben hatten wir dafür ein, zwei Wochen, in denen wir in der Gruppe sehr detailliert über die Figuren gesprochen haben. Weil es wichtig ist, dass wir Fakten und Hintergründe kennen und annähernd so viel wissen, wie die Fans da draußen. Ich kam dann abends nach Hause und hab mich bei Harry Potter-Wiki von einem Artikel zum nächsten geklickt.

Schöttl: Das war eine lustvolle Anregung zu recherchieren und seine Biografie zu erkunden. Man merkt bald, wie dicht gewoben dieses dramaturgische Netz ist, dass J. K. Rowling gesponnen hat. Wahnsinn! Sie hat diesen Erfolg so verdient.

Was macht Harry Potters fieser Cousin Dudley heute?

Hat sich Frau Rowling schon bei Ihnen gemeldet? Der Erfolg der ersten nicht englischsprachigen Fassung liegt ihr angeblich sehr am Herzen…

Schöttl: Nein, bis dato nicht. 

Witt: Mal schauen, ob das noch kommt.

Anthony: Nein, aber ich würde mich natürlich darüber freuen.

Sind Sie durch die Arbeit nun selbst zu Hardcore-Fans geworden?

Schöttl: Ich bin nie Fan von irgendwas, weder Fußballmannschaft noch Band. Bei mir ist es eher die Summe.

Anthony: Ich kann mit diesem Begriff Fan persönlich nicht so viel anfangen, dafür finde ich zu viele Sachen toll. Aber ich habe mich inzwischen sehr in den Bann von Harry Potter hineinziehen lassen. Es sind wirklich zauberhafte, toll geschriebene Geschichten. Man kann in diese Welt sehr schön abtauchen und ich verstehe jeden, der Fan ist.

Witt: ich bin schon ein bisschen Fan. Ich mag die Filme unglaublich gerne und gucke die immer noch einmal pro Jahr.

Schöttl: Potter hat mich echt bereichert beim Lesen. Aber dadurch, dass sein Universum so kommerzialisiert wurde, trete ich gerne ein Stück zurück und schaue mir die Faszination der Menschen an, die sich so aufgehoben fühlen an diesen Orten. Ich finde den Gedankenraum spannender, den Stoff zum Weiterdenken. Aber nicht, dass ich jetzt gerne selbst ein Zauberer wäre oder fliegen könnte.

Es muss sich trotzdem umwerfend anfühlen, plötzlich zaubern zu können…

Anthony: Ich war mal die "Kleine Hexe" am Stadttheater, ich hab schon Erfahrung. Aber im Ernst: Es ist natürlich ein Privileg, auf der Bühne einen Zauberstab schwingen zu dürfen und es passiert etwas. Ist aber auch anstrengend, harte Arbeit, Zaubern ist kein Kinderspiel.

Schöttl: Es ist ein Handwerk, Wir hatten tatsächlich Unterricht in Magie, und haben gelernt, wie Grundlagen funktionieren: eine Ablenkung, eine Illusion. Für unsere Tricks benötigen wir eine gewisse Fingerfertigkeit.

Witt: Für professionelle Zauberer ist das nur Grundwissen.

Schöttl: Das sind schon tolle, alte Griffe. Wir haben eine Münze verschwinden und woanders wiederauftauchen lassen. Wir haben Papierstreifen verbogen mit unserer Gedankenkraft. Tiere kamen jedoch nicht zu Schaden.

Anthony: Auch keine Eulen.

 Ab 5. Februar laufen die ersten Vorpremieren, für die es noch Tickets gibt. Mehr Infos unter www.harry-potter-theater.de