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Nachruf stern-Cartoonist Peter Neugebauer: der Gentleman des schwarzen Humors

Peter Neugebauer
Peter Neugebauer sitzt 1979 am Zeichentisch in den Redaktionsräumen des stern in Hamburg
© Axel Carp
Mehr als 1000 Cartoons hat Peter Neugebauer für den stern gezeichnet. Mit ungewöhnlichem Strich und scharfsinnigen Pointen. Nun ist er mit 91 Jahren in Hamburg gestorben. Rolf Dieckmann, früherer Ressortleiter "Humor & Satire" und langjähriger Freund, erinnert sich.
Von Rolf Dieckmann

Ob man es nun merkt oder nicht. Bei einigen Menschen zeichnet sich der spätere Lebensweg bereits im Kindesalter ab. Im Falle des jungen Peter Neugebauer, der zwischen den beiden Weltkriegen im Jahre 1929 in Hamburg zur Welt kam, war es einerseits die Familie und andererseits die Faszination der Karikaturen in Zeitungen und Illustrierten, die seinen Lebensweg bestimmen sollten. In der Familie war es vor allem die Mutter, die eine Begabung für spitze Pointen hatte – besonders über die Familienbande. Und die bestand aus knorrigen Militärs, lustigen und gestrengen Tanten und anderen ungewöhnlichen Menschen, darunter auch eine Äbtissin aus Peru. Neugebauers Sinn für Parodie und Verballhornung hat sicher auch etwas mit dieser bemerkenswerten Familienkonstellation zu tun.

Bei den Zeichnungen gefielen ihm vor allem die von e. o. plauen und Horst von Möllendorff. Er begann, sie zu kopieren und – mit festem Glauben an ihren künstlerischen Wert – sie seiner Mutter zum Kauf anzubieten. Als Gegenleistung verpflichtete er sich, sie und ihre Freunde nicht beim Bridge zu stören. Eine frühe Erfahrung, dass man mit dem, was einem Spaß macht, tatsächlich Geld verdienen kann.

Als junger Mann wusste Neugebauer bereits, dass er nicht einer werden wollte, der mit dem Strom schwimmt. Dass er sich im letzten Kriegsjahr der Hamburger Swing Jugend anschloss, jungen Leuten, die sich heimlich und unter Gefahr trafen, um Jazzplatten aus England und den USA zu hören, war mit ein Ausdruck des Ungehorsams und des Unangepassten. Das sollte auch so bleiben. Neugebauer hat sich nie einer Mode oder dem Zeitgeist unterworfen. Und gerade diese Haltung sollte sein Werk in den späteren Jahren so einmalig, unverwechselbar und zeitlos machen.

Dennoch wollte er seine künstlerischen Begabungen erst einmal auf einen soliden Sockel stellen. An der Hochschule für bildende Künste am Lerchenfeld in Hamburg lehrte seit 1946 der Maler und Grafiker Professor Alfred Mahlau, der von seinen Studenten geradezu verehrt wurde. Unter ihnen spätere Ausnahmekünstler wie Horst Janssen. Kein anderer hat den Stil Peter Neugebauers so beeinflusst wie Mahlau, bei dem er von 1951 drei Jahre freie Grafik, Illustration und Entwurf studierte. Das hörte sich malerisch an, war aber zunächst ziemliche Knochenarbeit.

"Zeichnen Sie das jetzt bitte perspektivisch", war die lakonische Anweisung, mit der der Meister seinen Schützling in die Qualen der Übung für eine präzise Kunst entließ, die später sein Markenzeichen werden sollte. Fluchtpunkte, Fluchtlinien, Frosch- oder Vogelperspektiven – all das musste sitzen, bevor man seiner Kreativität freien Lauf lassen konnte. "In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben" hat Goethe in einem Sonett gedichtet. Wie wahr das ist, merkten vor allem die Mahlau-Studenten.

Erste Zeichnungen Neugebauers erschienen in der "Zeit". Wie sicher er inzwischen mit dem Zeichenstift umgehen konnte, fiel auch seinem Kommilitonen Horst Janssen auf. Der gab ihm den Rat, es gar nicht erst mit der Malerei zu versuchen, sondern sich voll und ganz dem Zeichnen zu widmen. Dieser Rat sollte sein ganzes künstlerisches Werk bestimmen. Mit Horst Janssen verband ihn bis zu dessen Tod im Jahre 1995 eine lange Freundschaft.

Zu dieser Zeit erschien die Illustrierte "Die Straße". Für die Grafik war ein gewisser Günter Radtke zuständig, später Chefillustrator des stern. Radtke interessierte sich sofort für Neugebauers Zeichnungen, hatte er doch längst erkannt, dass gute Cartoons ein wichtiges Mittel zur Leserblattbindung darstellten.

Neugebauer und Loriot freundeten sich an

Bereits einige Monate vorher hatte er die Zeichnungen eines anderen jungen Grafikers gekauft, der auch wie Neugebauer die Hochschule am Lerchenfeld absolviert hatte. Der hörte auf den imposanten Namen Bernhard-Victor Christoph Carl von Bülow. Weil dieser Name als Signatur etwas zu lang war, wählte er den französischen Namen des Pirols aus dem Familienwappen derer von Bülow und signierte von nun ab mit Loriot.

Neugebauer und Loriot freundeten sich an und mieteten ein gemeinsames Atelier. Das sparte nicht nur Kosten, sondern sorgte auch für ein unbegrenztes kreatives Ping-Pong-Spiel. "Wir saßen uns an zwei Schreibtischen gegenüber und entwickelten Ideen", erinnerte sich Neugebauer. "Außerdem trainierten wir uns regelmäßig im Ohne-pingelige-Bleistiftvorzeichnung-alles-gleich-in-Tinte-hinhauen."

Loriot hatte es inzwischen geschafft, Cartoons im stern, dem damaligen Sehnsuchtsziel aller Zeichner, zu platzieren. Sogar eine ganze Serie nahm man ihm ab. Die hieß "Auf den Hund gekommen" und vertauschte die Rollen von Mensch und Hund. Ein Aufschrei moralisch empörter Kreise, insbesondere geistlicher, war die Folge.

Diese Reaktion war Chefredakteur Nannen denn doch zu viel und er stellte die Serie nach sieben Folgen mit dem Donnerwort ein: "Der weiß genau, warum er seinen Namen verschweigt: Um seiner Familie die Schande zu ersparen!" Loriot zog grollend nach München und arbeitete fortan für die "Quick".

Lieblingsfigur Figur Zeus Weinstein löst verzwickte Kriminalfälle

Zur selben Zeit hatte Peter Neugebauer an seinem Lieblingssujet gearbeitet, eine Detektivfigur entwickelt und ihr den Namen Zeus Weinstein gegeben. Der löste mit seinem Superhirn verzwickte Kriminalfälle und die Kinder mussten erraten, durch welche Indizien der Meisterdetektiv den Täter überführt hatte. Das kam so gut an, dass der elegante Detektiv schließlich als erwachsene Unterhaltung ins Hauptheft wanderte.

Doch erst einmal gab es eine Zäsur. stern-Chefredakteur Henri Nannen war ein Blattmacher der besonderen Art. Als Journalist und Themenverkäufer genial, als Mensch und Vorgesetzter mal charmant, dann aber wieder unkalkulierbar, aufbrausend und despotisch. Auch Peter Neugebauer machte Bekanntschaft mit diesen Eigenarten und so schnell, wie er zum stern gekommen war, flog er auch wieder raus.

Er folgte seinem alten Weggefährten Loriot nach München zur "Quick". Dort konnte er aber seine Lieblingsfigur, den Detektiven Weinstein, nicht weiterführen, weil sein Kollege Manfred Schmidt die Leser bereits mit dem Konkurrenten Nick Knatteron unterhielt.

In Hamburg erkundigten sich aber immer mehr Leser, wo denn das Detektivrätsel geblieben sei. Als dann noch eine Delegation aus Israel, die bei Henri Nannen zu Gast war, wissen wollte, wer und wo denn dieser Herr Weinstein sei, platzte dem stern-Chef wieder mal der Kragen. Diesmal wegen seiner eigenen Fehlentscheidung.

Er bot seinen ganzen Charme auf und lotste Neugebauer zurück nach Hamburg, der dem Lockruf nur zu gern folgte. Zeus Weinsteins Abenteuer wurden ein Riesenerfolg und erschienen von 1959 bis 1987 in loser Reihenfolge.

Es gibt nicht wenige, die behaupten, Zeus Weinstein sei das Alter Ego des Peter Neugebauer. In der Tat ist der Detektiv groß, schlank, immer gut gekleidet mit dreiteiligem Anzug und Krawatte. Er ist weitgereist, gebildet und hat vorzügliche Umgangsformen. Gerade so wie sein Schöpfer. Es ist aber auch unverkennbar, dass ein ganzes Stück Sherlock Holmes in Weinstein steckt, denn Neugebauer war von jeher ein großer Verehrer der Romane des Arthur Conan Doyle und ein detailreicher Kenner des Superhirns aus der Londoner Baker Street. Darüber hinaus Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, in denen Sherlock Holmes das Thema ist.

Die Weinstein-Figur kam auch bei echten Fachleuten so gut an, dass Neugebauer "in Würdigung des geistigen Vaters" eine Ehrenurkunde der "World Federation of Detectives" bekam. Später wurde ihm der Sherlock-Holmes-Preis verliehen und lange war er Mitglied der 1951 gegründeten "Sherlock Holmes Society of London".

Darüber hinaus benutzte Neugebauer Zeus Weinstein als Herausgeber-Pseudonym für mehrere Bücher. So erschien 1978 der Roman "Sherlock Holmes: Die Wahrheit über Ludwig II.", ein Bericht von Dr. John H. Watson herausgegeben von Zeus Weinstein. Die Geschichte ist mehr als schräg: Otto von Bismarck beauftragt Sherlock Holmes nach Bayern zu reisen, um dort undurchsichtige Vorgänge am Hofe Ludwig II. aufzuklären.

Henri Nannen verstand die Cartoons nicht

Geschichtsklitterung war eine von Peter Neugebauers Spezialitäten, die er nicht nur literarisch sondern auch zeichnerisch oft umsetzte. Besondere Schwierigkeiten mit Neugebauers Pointen hatte Chefredakteur Henri Nannen. Der war zwar ein scharfsinniger Journalist, aber ihm fehlte eine Gabe: Er verstand die Cartoons von Neugebauer nicht. Das ärgerte ihn zwar, aber er war schlau genug, um zu beobachten, dass die bei den Lesern sehr gut ankamen. Und darum ließ er ihn machen.

Nur einmal behielt er Recht. Neugebauer hatte eine Wüstenlandschaft gezeichnet. Dort stand ein zu Boden blickender Araber, der sich am Kopf kratzte, denn vor ihm lag eine schöne große Fischgräte. Die hatte der Künstler am unteren Bildrand platziert. Insgesamt eine absurd-komische Situation.

Zwar war Peter Neugebauer ein präziser Zeichner, mit vorgegebenen Formaten ging er aber immer sehr großzügig um. In diesem Fall war die Zeichnung zu hoch. Sie fiel einem Schlussgrafiker in die Hände, der noch weniger vom Neugebauerschen Witz verstand als Henri Nannen und der machte die Zeichnung passend, indem er den unteren Bildrand samt Gräte einfach abschnitt.

Die Zeichnung wurde so gedruckt und mehrere Millionen Leser fragten sich, wo denn die Pointe eines Cartoons sei, in dem ein Araber in der Wüste steht und sich am Kopf kratzt. Der markerschütternde Schrei des Chefredakteurs "Ich verstehe den Neugebauer wieder nicht" soll über mehrere Stockwerke zu hören gewesen sein.

Neugebauer parodierte Zeitgeist und -strömungen

Neugebauers Technik war in erster Linie die Kombination aus Bleistift- und Federzeichnung. Später kam dann auch noch die Collage hinzu, in der er fotografische Elemente in die Zeichnung mit einbaute. Aber immer ist es der Reichtum an perfekt gezeichneten Details, die Perspektive sowie Licht- und Schatteneffekte, die an seinen Bildern faszinieren. Sein zeichnerisches Werk wurde bereits 1968 mit dem Preis der Heinrich-Zille-Stiftung für kritische Grafik ausgezeichnet.

Eine weitere Spezialität Peter Neugebauers war es, Zeitgeist und Zeitströmungen zu parodieren. Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger wurde Deutschland im Zuge der Liberalisierung des Privaten von der Sexwelle überrollt. Anlass für den Cartoonisten, eine langanhaltende Serie für den stern zu kreieren, die den trockenen Titel "Das Lexikon der Erotik" trug. Hier wurde die gesamte neue Schaulust, die sich mit der ernsthaften wissenschaftlichen Betrachtung tarnt, verballhornt.

Die Dauerbeschäftigung mit Erotik und Verbrechen veranlasste Loriot, einen Film über seinen Freund zu drehen, in dem Neugebauer sich selbst als Klischee spielt. Ein Zeichner, der besessen ist von Sex and Crime.

Wo er geht und steht. In der U-Bahn, im Paternoster, auf dem Autofriedhof, im Stadtpark. Überall gemeuchelte und splitternackte Frauen, bar jeder Scham, dafür aber mit Frostbeulen, da der Film im Januar gedreht wurde. Der Streifen machte auch Fernsehhistorie. Das erste Mal in der Geschichte des jungen deutschen Fernsehens waren Nackte auf dem Bildschirm zu sehen.

Das Medium Film hat Peter Neugebauer immer wieder fasziniert. Bereits 1957 spielte er zusammen mit Loriot in Frank Wisbars Antikriegsfilm "Haie und kleine Fische" einen Matrosen. Jahre später versuchte er sich als Filmreporter und reiste zu den Dreharbeiten des James-Bond-Films "Never say never again", um ein Interview mit dem von ihm hochgeschätzten Sean Connery zu machen. Das Unternehmen erwies sich als hochkompliziert. Über Tage verweigerte sich der eigensinnige Schotte und als er sich dann doch überreden ließ, stellte der technisch völlig unbegabte Gelegenheitsreporter das mitgebrachte Tonbandgerät so ein, dass später kein Wort darauf zu verstehen war.

"Peter Neugebauer ist einer der ganz wenigen Zeichner, die sich stilbildend auf die Karikatur der Gegenwart ausgewirkt haben", hat Loriot einmal gesagt. Damit meinte er nicht nur den Zeichenstil sondern vor allem den Witz. Er illustrierte keine Wortwitze, was leider allzu oft praktiziert wird, er erzählte Geschichten. Und wenn er einmal ein Witzklischee benutzte, dann nur als Vorwand für die Pointe hinter der Pointe.

Seinen Schülern in einem Seminar hat er es mit dieser Zeichnung erklärt. Ein Mann, der offensichtlich auf dem Weg zur Arbeit ist, rutscht auf einer Bananenschale aus. Während er im Fallen Hut und Aktentasche verliert, ruft er ärgerlich: "Der Tag fängt ja gut an!" Was er allerdings nicht sieht, ist der riesige Atompilz, der hinter ihm am Horizont ins blaue Firmament aufsteigt.

Neugebauers Cartoons wirken niemals antiquiert

Diese Form des Cartoons war neu in Deutschland, gepaart mit dem hohen technischen Können sogar einmalig. Dass Peter Neugebauer dieses Niveau über Jahrzehnte halten konnte, liegt wahrscheinlich daran, dass er nicht ausschließlich Cartoons gezeichnet hat. Seine Ausflüge in die literarische Welt, seine Reisen, sein Bildungsniveau und sein Vorstellungsvermögen haben ihn immer auf neue Ideen gebracht.

"Wenn ich schreibe", hat er einmal gesagt, "dann setze ich mich hin und stelle mir die Szene vor. Die hält sich über Monate und ich brauche sie nur noch abzuschreiben."

Auch hat ihm sein hohes Interesse am aktuellen Geschehen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft immer wieder Themen geliefert, die zu seiner Zeit aktuell waren und bis heute aktuell sind. Ob Umweltzerstörung, Überbevölkerung, Rüstungswahn oder einfach nur menschenunwürdige Architektur. Alle zeichnerischen Kommentare Peter Neugebauers haben bis heute ihre Gültigkeit. Und weil er sich nie einen Stil zu eigen gemacht hat, der zeitweise gerade in Mode war, wirken seine Cartoons niemals antiquiert, auch wenn sie schon dreißig, vierzig Jahre alt sind. Neugebauers Markenzeichen ist Neugebauer.

Unter den jüngeren Kollegen wird er verehrt wie kein anderer. Til Mette, einer der beliebtesten deutschen Cartoonisten und 27 Jahre nach Neugebauer geboren, erinnert sich, dass er schon als Fünfzehnjähriger von dessen Cartoons begeistert war. "Erst später habe ich gemerkt, wie cool Neugebauer seine Pointen baut und vom englischen Understatement inspiriert damit zur deutschen Ikone des trockenen Humors wurde. Neugebauer ist für mich als Cartoonist mein spiritueller deutscher Ziehvater und es beeindruckt mich, dass seine Cartoons bis heute nichts an Witz verloren haben."


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