HOME
Buchrezension

New York in den 1980ern: "Warhol on Basquiat", eine explosive Freundschaft – durch die Brille von Andy Warhol

Den Namen Andy Warhol kennt wohl jeder, von Jean-Michel Basquiat kann man das nicht behaupten. Von 1982 bis 1987 haben die beiden Künstler regelmäßig zusammengearbeitet und Warhol hat das sorgsam dokumentiert – inklusive Privatleben.

Basquiat lächelt, Warhol guckt kritisch

Donnerstag, 3. Mai 1984: Vor der Mary Boone Gallery in Soho, West Broadway 417, einen Tag vor der Vernissage von Jean-Michel Basquiats erster Einzelausstellung dort. Warhol schreibt über diesen Tag: "Er hatte ein hübsches koreanisches Mädchen bei sich, die Sekretärin von Larry Gagosian, seinem Galeristen in L.A. Aber er wird ihr nur das Herz brechen. All diese hübschen Mädchen stehen auf ihn. Die beiden waren total verknallt und haben Händchen gehalten."

Gerade erst ist in New York eine Ausstellung zu Ende gegangen, die so überrannt war, dass selbst mancher ortsansässige Kunstliebhaber kein Ticket bekommen hat. Vom 6. März bis zum 14. Mai hat die Brant Foundation Arbeiten von Jean-Michel Basquiat (1960–1988) gezeigt, einem jungen Mann, der in den 1980er Jahren die Kunstszene im Sturm erobert hat, weltweit. Mehr als 1000 Gemälde und 2000 Zeichnungen hat Basquiat von den späten 1970ern bis zu seinem Tod geschaffen, manche in Windeseile. Er war der erste afroamerikanische Künstler, der in der fast ausschließlich weißen Kunstwelt den Durchbruch geschafft hat.

Begonnen hat der Amerikaner mit puerto-ricanischen Wurzeln mit einer Form von Graffiti unter dem Namen SAMO, gegen die Bezeichnung als Graffitikünstler hat er sich jedoch immer gewehrt. Schließlich schrieb er Texte an Häuserwände und sprayte keine Symbole auf U-Bahnen. Andy Warhol hat ihn kennengelernt, als er für wenig Geld auf T-Shirts malte und sie an der Straße zum Verkauf anbot. Warhol hat ihm gelegentlich etwas Geld gegeben. Dass es insgesamt nur 40 Dollar waren, hat Warhol erst viel später erfahren – als Basquiat ihm das Geld zurückgab und die beiden bereits Freunde waren. So erzählt es Andy Warhol in dem Buch "Warhol on Basquiat", das just im Taschen-Verlag erschienen ist.

Cover des Bildbandes

"Warhol on Basquiat. An Iconic Relationship in Andy Warhol's Words and Pictures" von Michael Dayton Hermann und Reuel Golden, Taschen-Verlag, 320 Seiten, 50 Euro, hier bestellbar

Einer der spannendsten Kunstbände ever, ever, ever

Basquiat hat nahezu sein ganzes (Erwachsenen-)Leben Drogen genommen: Weed geraucht, Kokain geschnupft und, nachdem er davon ein Loch in der Nasenscheidewand hatte, Heroin gespritzt. Mit 27 Jahren ist er gestorben, sein ausschweifender Konsum war ein Grund dafür. Keith Haring sagte in "Remembering Basquiat" 1998 in der "Vogue": "Als er starb, war mir sofort klar, welches Szenario herhalten musste, um ihn mit Erklärungen in den Griff zu bekommen: zu viel in zu kurzer Zeit, eine disziplinlose Gier nach Leben. Es ist das Wesen der Medienbestie, das Komplexe zu simplifizieren, dass es bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird.“ Viel Literatur über sein Privatleben gab es bislang nicht, die wunderschönen Memoiren von Jennifer Clement mit den Titel "Widow Basquiat" mal ausgenommen. Mit "Warhol on Basquiat" existiert nun eine neue Sichtweise auf das Leben und die Kunst des genialen Künstlers – durch die Brille von Andy Warhol. Die Freundschaft der beiden war intensiv, produktiv und aus Warhols Sicht nicht immer wohlwollend.

Andy Warhol war ein akribischer Dokumentar seines eigenen Lebens, schrieb täglich anekdotenhaft Erinnerungen auf und schoss dazu etwa einen Film pro Tag. Die erste Aufnahme Warhols von Basquiat, mit der der mehr als 300 Seiten starke Band des Taschen-Verlags einsteigt, ist vom 4. Oktober 1982. Warhol schreibt dazu: "Unten, um Bruno Bischofberger zu treffen. Er brachte Jean Michel Basquiat mit. Er ist das Kid, das den Namen "Samo" benutzte, als er noch auf dem Bürgersteig in Greenwich Village saß und T-Shirts bemalte. Ich gab ihm hin und wieder 10 Dollar und schickte ihn hoch zu Serendipity, um dort zu versuchen, seine T-Shirts zu verkaufen. Er war eins von diesen Kids, die mich wahnsinnig machten." (Bruno Bischofberger ist ein Schweizer Kunsthändler und Galerist, der inzwischen unter anderem über eine umfangreiche Sammlung an Fotos von Andy Warhol verfügt. Serendipity III ist ein berühmtes New Yorker Restaurant, das 1954 gegründet worden ist, in manchem Kinofilm auftaucht und mit ausgefallenen Gerichten im Guinnessbuch der Rekorde steht.)

Mehr als 400 unveröffentlichte Bilder

Die Fotografien von und mit Andy Warhol, dem alten Hasen, und Jean-Michel Basquiat, dem wilden Shootingstar, gewähren Einblick in die Kunstszene der 80er Jahre, in der es vor schillernden Figuren nur so wimmelt – von Madonna über Keith Haring bis zu Julian Schnabel. Freundschaften, Konkurrenz, Affären und große Emotionen, New York war der Schmelztiegel für Kreative. Der englischsprachige Kunstband enthält mehr als 400 bisher unveröffentlichte Bilder, die dank der Zusammenarbeit der Andy Warhol Foundation und den Nachlassverwaltern Basquiats ein komplexes, hochgradig spannendes Werk ergeben. Warhols Notizen, in denen er durchaus auch gegen Freunde und Kollegen austeilt oder intime Details ausplaudert, sind so fesselnd, wie es nur sein kann, wenn man in einem fremden Tagebuch stöbert. Ob alles stimmt, was er dort von sich gibt, lässt sich glücklicherweise nicht mehr überprüfen.