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Arnold AG im Taunus: Wo Jeff Koons schweißen lässt

Überdimensionale Schoko-Eier oder riesige Luftballon-Figuren aus Edelstahl haben den New Yorker Jeff Koons zu einem der teuersten Künstler weltweit gemacht. Mit deren Fertigung betraut der Perfektionist einen Familienbetrieb mit Stammsitz in Hessen.

Von David Scherf

Alle zwei Monate reist Jeff Koons von New York in die Arnold-Niederlassung nach Thüringen, um nachzusehen, wie es mit seiner Kunst vorangeht. In Steinbach-Hallenberg werden die riesigen Luftballon-Figuren, Schoko-Eier und Diamanten gefertigt, die den 53-Jährigen zu einem der teuersten Künstler der Welt machen. Leicht, fast schwerelos sehen die Skulpturen aus, dabei sind sie aus Metall, tonnenschwer. Die Arbeitsteilung geht so: Koons denkt sich etwas aus – die Arnold AG setzt es um.

"Koons ist der Kopf, wir sind das Werkzeug", sagt Uwe Arnold, der die Metallbaufirma in dritter Generation leitet. Arnold - groß, Bürstenschnitt, fester Händedruck - ist kein Mann der langen Reden, lässt lieber seine Arbeit für sich sprechen. Wenn es um Koons geht, kommt er dann doch ins Schwärmen: "Koons ist etwas Besonderes, seine Werke lassen einen lächeln."

Im Hauptgeschäft fertigt die Arnold AG unter anderem Geländer, Dachkonstruktionen und Verkleidungen für Werbesäulen. Der Firmensitz in der Friedrichsdorfer Industriestraße wirkt wie ein Gegenentwurf zu Koons' quietschbunten, kitschigen Skulpturen; vom Betongrau des Geländes heben sich nur die schwarzen Anzüge der Verwaltungsmitarbeiter und die roten Overalls der Handwerker ab. "Wir begrüßen heute" steht auf einem Flipchart am Eingang, darunter die Namen der erwarteten Besucher. An diesem Tag ist es einer.

Die Zusammenarbeit mit Koons beginnt 1999 mit einem Anruf von DaimlerChrysler. Man suche jemanden, der eine komplizierte Vorlage von Jeff Koons umsetzen kann. Eine Blume, geknotet aus einem Luftballon, wie man sie von Kindergeburtstagen kennt. Aus Edelstahl. Und groß wie ein Elefant. Arnold hatte für Daimler bereits eine Skulptur des Frankfurter Künstlers Klaus Staudt umgesetzt und bleibenden Eindruck hinterlassen.

Rolf Arnold, der Senior, fliegt nach New York, um sich das Modell anzuschauen, zehn auf zehn Zentimeter. Skulpturen hat seine Firma schon öfter hergestellt; aber eine so große Skulptur aus Stahl, die so leicht aussieht wie ein Luftballon – wie soll das gehen? Genau das reizt ihn.

Für die Koons-Skulpturen muss Arnold ein Handwerk wiederbeleben, das in seiner Firma seit Jahrzehnten nicht mehr ausgeübt wurde: die manuelle Blechumformung, "mit einer Maschine bekommen Sie solche Formen gar nicht hin", sagt Arnold, "das geht nur von Hand". Die Skulpturen sehen trotz ihrer Schwere so leicht aus, weil sie bis ins Detail perfekt sind. "Jeder noch so kleine Kratzer, jede Delle würde die Illusion zerstören", sagt Arnold.

Die "Balloon Flower", die heute den Berlin Daimler-Standort am Potsdamer Platz schmückt, überzeugt auch den Künstler. Der ersten Arbeit folgen weitere, inzwischen fertigt die Firma Arnold jedes Jahr zehn Skulpturen für Koons – der erzielt damit Höchstpreise. Sein "Hanging Heart", ein anderthalb Tonnen schweres, schwebendes Herz mit Schleife, wurde vergangenen November für 23,6 Millionen Dollar versteigert. Gekostet hat ihn die Herstellung ein paar hunderttausend Euro. Inzwischen macht die Arnold AG etwa 20 Prozent ihres Umsatzes mit der Fertigung von Skulpturen, vierzig der insgesamt 300 Angestellten sind in diesem Zweig beschäftigt.

Was Koons in mini oder als 3D-Animation aus New York schickt, wird zunächst in Superlativ-Größe aus Gips nachgebaut. Von diesem Modell wird ein Negativ-Abdruck genommen, in den eine drei Zentimeter dicke Edelstahlfüllung fließt. Verzierungen werden per Hand aus Edelstahl-Blech geformt und montiert. Dann beginnt das Schleifen und Polieren, bei unebenen Flächen mit feinen Geräten vom Zahnarzt - in einer Woche kommt man gerade mal zehn Quadratzentimeter voran. Die restliche Skulptur wird abgedeckt, damit der Arbeiter nicht wochenlang in eine verzerrte Spiegel-Landschaft schauen muss. Anschließend wird farbig lackiert, bis zu 15 Schichten. Jede Lackschicht wird geschliffen, damit der Glanz des Edelstahls durchschimmert. Insgesamt stecken in einer Skulptur schnell 10.000 Arbeitsstunden.

In der Werkshalle hämmert der Edelstahlschlosser Lazlo Nochta, auf Bleche ein, höllisch laut ist das. An der Wand lehnen drei fertig geformte Edelstahl-Schleifen für Koons' jüngstes Kunstwerk: ein riesiges, in Glitzerpapier verpacktes Ei mit Schleife. Nochta sagt: "Koons sieht alles. Auch den kleinsten Kratzer. Das ist Wahnsinn." Hinten am Ei, wo sich die Schlaufen treffen, klafft ein Spalt von einem Millimeter. Der muss noch weggeschweißt werden. "Ich bin erst zufrieden", sagt Nochta, "wenn ich Bekannten ein Foto davon zeige und die nur achselzuckend antworten: 'Was für eine Skulptur? Ich sehe nur ein Schoko-Ei!'"