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Meinung

Corona-Hilfen: Die Regierung muss unseren Künstlern jetzt helfen - "Hartz IV"-Niveau ist nicht genug

Mit einem offenen Brief appellieren Künstler wie Anne-Sophie Mutter an die Bundesregierung, sie so zu unterstützen wie andere Branchen auch. Die bisherigen Hilfen reichen tatsächlich nicht aus. Wir brauchen jetzt eine Form von Kurzarbeitergeld für Künstler.

Anne-Sophie Mutter gehört zu den prominenten Unterzeichnern des Appels.

Anne-Sophie Mutter gehört zu den prominenten Unterzeichnern des Appels.

AFP

Im Zuge der Corona-Krise haben Bund und Länder Hilfspakete in einem Rahmen auf den Weg gebracht, der alles vorher Dagewesene sprengt. Aber nach den ersten Wochen zeigt sich auch, es gibt Lücken im System und Probleme, die schlicht übersehen wurden. Und darunter leidet besonders die Kulturszene.

In ganz Deutschland steht das Kulturleben still und aus den Andeutungen der Politik kann man herauslesen, dass Konzertsäle und Theater nicht zu den Einrichtungen gehören, die bald wieder die Tore öffnen können. Für Künstler und Kulturschaffende ist das ein Alarmsignal. Ausgerechnet auf die Kulturszene, wo viele nur unregelmäßige und prekäre Einkommen beziehen, kommt offenbar die längste Durststrecke zu. Hinzu kommt dieses: Die Kulturlandschaft in Deutschland ist groß und bunt und vielgestaltig. Eigenschaften, die immer gerühmt werden. Doch heute gilt leider: Je komplizierter und bunter die Verhältnisse, umso weniger greifen staatliche Hilfsprogramme, umso mehr Menschen fallen durch die Lücken.

Milliarden für Großunternehmen 

Vor allem die Freiberufler im Kulturbereich sind verzweifelt. In einem offenen Brief, der unter anderem von der Violinistin Anne-Sophie Mutter und den Dirigenten Thomas Hengelbrock und Christian Thielemann unterzeichnet wurde, fordern sie schnelle Hilfe. Durch den Wegfall aller Veranstaltungen stehe ihnen das Wasser bis zum Hals. Sie fordern unbürokratische Hilfen für Künstler, wie sie milliardenschweren Großunternehmen wie Adidas problemlos gewährt wurden. Und verweisen auf die Zahnärzte, die 90 Prozent des Vorjahreseinkommens zugesprochen bekämen. Der Staat müsse ihnen helfen, die nächsten Monate zu überbrücken.

Das Problem: Die meisten staatlichen Hilfen dienen vor allem dazu, Arbeitsplätze zu erhalten. Im Kulturbereich gehen die Freiberufler leer aus, denn sie haben keine Angestellten. Sie müssen häufig auch keine Betriebskosten bestreiten – bei ihnen geht es ums eigene Überleben. Um die Kosten von Wohnung, Strom und all die Rechnungen, die einlaufen, als gäbe es keine Krise. Und natürlich hat kein Künstler damit gerechnet, dass eventuell sechs Monate mit "Einkommen null" auf ihn zukommen würden.

Künstler sind kein Sozialfall

Kulturstaatsministerin Monika Grütters versicherte, sie wolle weiter an der Unterstützung für die Kulturszene arbeiten. "Ich werde mich weiter mit aller Kraft dafür einsetzen, die einzigartige Kulturlandschaft in Deutschland in all ihrer Vielfalt zu erhalten", sagte sie in Berlin der DPA. "Dazu gehört natürlich auch, dass wir als Bundesregierung die bestehenden Hilfsmaßnahmen beständig überprüfen und gegebenenfalls auch nachjustieren." Grütters appellierte an alle Künstler, die niederschwelligen Hilfen des Sozialschutz-Pakets zu nutzen. Hier sind die umfangreichen und häufig als demütigend empfundenen Bedürftigkeitsprüfungen außer Kraft gesetzt beziehungsweise massiv vereinfacht worden.

Bei allem guten Willen zeigt Monika Grütters, dass sie das Problem noch nicht wirklich verstanden hat. Nachjustieren wird nicht reichen. Jetzt sind mutige Schritte nötig, damit nicht der halbe Kulturbereich in die Region von Hartz-IV absteigt. Die Hilfen des Sozialschutz-Pakets sichern nur den Künstlern das Überleben, die buchstäblich arm wie eine Kirchenmaus sind. Auch bei generöser Prüfung orientieren sich diese Hilfen an den Hartz-IV-Sätzen. Künstler, die vor der Krise nur ein prekäres Einkommen erzielten, können mit diesen Zahlungen über die Runden kommen. Weil ihre monatlichen Kosten gering sind. Zumal dann, wenn sie in ihrem Bundesland noch eine Soforthilfe ergattern konnten.

Das "Aus" für den künstlerischen Mittelstand droht

Doch etwas erfolgreicheren Künstlern, die kein großes Vermögen besitzen, aber doch ganz gut über die Runden gekommen sind, droht jetzt der Abstieg auf ein etwas besseres Hartz-IV Niveau. Die wenigsten Künstler können die Wände mit Goldenen Schallplatten bepflastern. Sie besitzen auch keine Villa in Los Angeles. Es sind Schauspieler, Sänger, Musiker –wenn sie neben ihrem Talent etwas Glück hatten, führen sie ein normales mittelständisches Leben.  Das würde jetzt verloren gehen und das ist nicht akzeptabel. Diese Künstler haben eine zu teure Wohnung, müssen vielleicht ein Auto abbezahlen – kurz: Sie konnten sich dieses und jenes leisten, dass man nicht unbedingt zum nackten Überleben braucht. Das alles wird diesen künstlerischen Mittelstand finanziell strangulieren, wenn die Auszeit für Konzerte und Theater länger als ein paar Wochen andauert. Es würde einen Aufstand im Land geben, wenn man anderen Beschäftigten so einen Abstieg zumuten würde. Zur Erinnerung: Kurzarbeiter bei VW kommen auf bis zu 95 Prozent ihres Nettoeinkommens. Auch Künstler müssen unbürokratisch eine Hilfe erhalten, die sich an ihrem Vorjahreseinkommen orientiert. Eine Art von Kurzarbeitergeld.

Mit Abschlägen, ja. Aber der Maßstab kann nicht "Hartz IV für alle" sein.

Und: Das Geld ist dann weg. So gut geht es kaum einem Künstler, dass er verlorene sechs Monate in den nächsten Jahren wieder abstottern kann. Das Geld wird verloren sein, aber das sollte uns unsere  wunderbare Kulturlandschaft heute wert sein.

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