Chinesischer Künstler Ai Weiwei Regime-Opfer wehrt sich aus dem Krankenbett


Beinahe wäre er gestorben an den Schlägen chinesischer Sicherheitsleute. Nur durch einen Zufall konnte der Künstler Ai Weiwei, bekannt durch seine Kasseler Documenta-Aktion "Tausend Chinesen", in München durch eine Operation gerettet werden.
Von Anja Lösel

Ai Weiwei ist ein mutiger Mann. Die chinesischen Offiziellen finden: ein allzu mutiger Mann. Sie mögen es nicht, dass er sie immer wieder kritisiert. Dass er sagt, Künstler könnten in China nicht unabhängig und frei arbeiten. Dass er recherchiert und nachforscht, wenn irgendwas im Land falsch läuft. Dass er in seinen Blog immer wieder Bilder und Texte stellt, die kritisch und ziemlich frech sind.

Auch jetzt hat Ai Wiewei wieder Bilder auf seine Twitter-Seite gestellt, die vielen in China nicht gefallen dürften. Bilder von einem zusammengeschlagenen, verletzten, im Krankenhaus liegenden Ai Weiwei. Wenn der Künstler nicht zufällig auf dem Weg zu einer Ausstellung im Münchner Haus der Kunst gewesen wäre, dann wäre er jetzt vielleicht tot.

In Deutschland kennen viele den Künstler Ai Weiwei, weil er zur Documenta in Kassel "1001 Chinesen" eingeladen hatte. Eine spektakuläre Aktion, die er "Fairytale" nannte, Märchen. Außerdem hatte er die beiden Schweizer Architekten des Pekinger Olympiastadions beraten und mit ihnen die Form des "Vogelnests" entwickelt. In China brachte ihm das zumindest bis zu den Olympischen Spielen erst mal Ruhe.

Ärger gab es, als er gegen den Widerstand örtlicher Behörden herausfinden wollte, wie viele Kinder bei der Erdbebenkatastrophe in Sichuan nur deshalb ums Leben gekommen waren, weil ihre Schulen nachlässig gebaut waren. Schon 5000 Namen hatte er notiert. Mit elf anderen Aktivisten war er Anfang August dieses Jahres nach Chengdu gereist, um einen Prozess wegen "Subversion" gegen seinen Mithelfer Tan Zuoren zu verfolgen.

In der Nacht kamen rund 20 Sicherheitsleute in Uniform und Zivil ins Hotel, um sie festzunehmen und an der Teilnahme am Prozess zu hindern. Ein Mann schlug Ai Weiwei hart gegen den Kopf und drohte, ihn umzubringen. "Als ich die Tür zu meinem Hotelzimmer in Chengdu öffnete, traf mich ein massiver Schlag", erzählte Ai Weiwei der "Süddeutschen Zeitung". "Erst habe ich ihn nicht ernst genommen, denn zunächst waren die Schmerzen nicht so schlimm." Nur ein wenig schlapp und matt fühlte er sich.

Am Samstag flog er nach München, mit Kopfweh und einem hängenden Augenlid, um dort seine Ausstellung aufzubauen, die am 11. Oktober eröffnet werden soll. Aber dann wurden die Schmerzen schlimm. Er musste ins Krankenhaus. Und dort, im Klinikum Großhadern, stellten die Ärzte eine Gehirnblutung fest, als "direkte Folge" von Schlägen. Noch am Montagabend wurde er operiert.

Gehirnblutung als Folge der Schläge

Zwei Löcher bohrten die Ärzte ihm in die Schädeldecke, um den Druck zu reduzieren. Er hätte "kurz vor einem Koma gestanden", sagen die Ärzte ihm später. "Ich wäre beinahe gestorben", sagte der 52-Jährige am Mittwoch telefonisch vom Krankenbett der Deutschen Presse-Agentur dpa. "Die Ärzte haben mich gerettet und mir geht es jetzt wieder gut." Bis Montag muss der Künstler noch im Hospital bleiben. Trotzdem kann er schon wieder wüten: "Wenn 60 Jahre nach der Gründung der Volksrepublik immer noch abgelehnt wird, Fehler einzugestehen, dann ist China ein gefährliches Land."

Weil Ai Weiwei Künstler ist, kritisch und hart auch mit sich selbst, hat er sich im Krankenbett fotografiert und die Bilder sofort getwittert. Ai Weiwei mit Kopfverband ist da zu sehen, mit Kanüle im Kopf, mit Blutbeutel. Erbarmungsloses Beweismaterial gegen sein Land, aber auch die Dokumentation eines Künstlerlebens. Und dazu gehört genauso das Essen (deutsche Wurst, Käse und Brot), das Bettzeug, der Blick aus dem Fenster. Einfach alles. Sogar der Artikel aus der "Süddeutschen Zeitung" steht schon auf Twitter. Jetzt weiß jeder, was mit Ai Weiwei passiert ist. Man darf gespannt sein, wie sein geplanter Besuch auf der Buchmesse ausfallen wird.


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