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Interview

Fotokunst von Christian Tagliavini: Die Werke dieses Fotokünstlers wirken wie antike gezeichnete Porträts

Christian Tagliavini, ein italienisch-schweizerischer Fotokünstler, zeigt in der Berliner Galerie "Camera Work" erstmals seine neue Serie "1406". Im Interview mit dem stern erzählt er, was ihn inspiriert.

Wie gemalt: prachtvolle Inszenierungen des Fotokünstlers Christian Tagliavini

Porträt einer jungen Frau, "Ritratto di giovane donna" aus der Serie "1503"

Ein Blick, eine Geste, ein Hut, ein Kostüm. Wer ist das? Aus welcher Zeit stammen diese Bilder? Und vor allem: Wie sind sie gemacht? So viele Hinweise diese Porträts auch geben, sie liefern keine schlüssige Antwort. Die Fotokunst ist eine Schwindlerin. Zaubert mit Licht und Schatten, Farben und Finsternis. Verführt den Blick; lässt den Betrachter in ihren Tiefen versinken oder abperlen an ihrer glatten Oberfläche. Christian Tagliavini hat sie zu seiner Kunst gemacht. Monatelang arbeitet er in seinem Atelier in Lugano nur für diesen einen Augenblick. Für jenen Moment, in dem wirklich alles stimmt: der Blick, die Geste, der Hut, das Kostüm. Dann drückt er auf den Auslöser. Und alles ist vorbei.

Es riecht nach Holz, Leim, Farbe und alten Stoffen 

Schminke ab und Scheinwerfer aus. Die Kleider wandern in Archivschränke, die Kopfbedeckungen in Hutschachteln, die Models nach Hause. Das Bild, eben noch hatte es einen ganzen Raum gefüllt, geschwankt und geatmet, nach Holz, Leim, Farbe und alten Stoffen gerochen, ist nun auf Einsen und Nullen reduziert in der digitalen Kamera gespeichert. Völlig entmaterialisiert. Was für ein Prozess!

Tagliavini lässt all diese Sinnlichkeit und Pracht auf einer glatten Foto-Oberfläche auferstehen und verwickelt den Betrachter in ein Vexierspiel von Zeit und Raum: Das dreidimensionale Kammerstück erscheint auf den Fotografien enträumlicht, so flach wie ein abfotografiertes Gemälde. Während doch all diese wunderbaren Renaissancewerke, die dem Fotokünstler als Inspiration dienen, nichts lieber vorgaukeln als Tiefe und Plastizität: Agnolo Bronzinos Porträts des Florentiner Patriziats etwa, die Tagliavini in seiner Serie "1503" neu interpretiert. Der Hofmaler der Medici, nach dessen Geburtsjahr die Fotoserie benannt ist, setzte seine Modelle vor voluminöse, dramatisch gefaltete Vorhänge oder sich im Bildhintergrund verjüngende Architektur. Damit war er auf der Höhe der Zeit: Eine der bahnbrechenden Entdeckungen der Renaissance war die Zentralperspektive.

Die Bilder atmen Geschichte, sind aber durchsetzt von Gegenwart

Tagliavini greift die selbstbewussten Posen der Modelle, die steifen Kragen, edlen Gewänder und dramatischen Kopfbedeckungen auf und übersteigert sie in freie Interpretationen. Seine Bilder atmen Geschichte, sind aber durchsetzt von Gegenwart: die ebenen Gesichtszüge und vor allem die offenen, weder Herrschaft noch Klasse ausdrückenden Blicke der Modelle wirken vertraut, wo Bronzinos Gestalten uns ernst und entrückt erscheinen, versunken im Ausdruck von Ruf und Rang.

Für seine neue Serie "1406", an der er zwei Jahre lang gearbeitet hat und die nun in der Berliner Galerie "Camera Work" zum ersten Mal überhaupt gezeigt wird, wanderte Tagliavini in der Kunstgeschichte weitere hundert Jahre zurück: Ihr Titel markiert das Geburtsjahr eines anderen Meisters, des Karmeliten Filippo Lippi. Viele Legenden ranken sich um den Mönch, der uns bis heute mit seinen sinnlichen Madonnen-Bildnissen bezaubert: So soll er von Berbern gefangen genommen und versklavt worden sein und sich mithilfe seiner Kunst freigemalt haben. Als er 1456 in der italienischen Stadt Prato ankam, um Fresken im Dom zu malen, traf er bald darauf die schöne Lucrezia Buti und brannte mit ihr durch. Guter Stoff also für Tagliavini, der auch schon den fantastischen Reisen des Jules Verne eine Fotoserie gewidmet hat.

Herr Tagliavini, was bedeuten Titel wie "1406" oder "1503", mit denen Sie Ihre Fotoserien überschreiben?

Tagliavini: Die Titel dieser beiden Serien beziehen sich auf die Geburtsjahre zweier Maler: 1406 kam Filippo Lippi zur Welt, und 1503 Agnolo di Cosimo, bekannter als "Il Bronzino". Mit den Geburtsdaten verorte ich meine Arbeiten zeitlich und verneige mich vor den Malern, die mich zu diesen Serien inspiriert haben.

All Ihre Bilder und Serien sind mit einer bestimmten Epoche verbunden. Warum?

Ich bin in der Schweiz geboren aber in Parma in Italien aufgewachsen. Geschichte und Erzählungen waren ein wichtiger Teil meiner Kindheit und Jugend, aber das war mir damals gar nicht so klar. Das habe ich erst als Erwachsener verstanden. Die Renaissance hat mich schon als kleiner Junge fasziniert. Sich so dermaßen in der Vergangenheit zu bewegen ist eine Art Zeitreise.

Als Fotograf setzen Sie die Wirkung eines anderen Mediums, der Malerei.

Als ich an "1503" arbeitete, fesselte mich das Thema immer stärker und ich ging immer tiefer in die Details dieser Ikonographie. Ich suche Inspiration, versuche aber gleichzeitig, daraus meinen ganz eigenen Weg abzuleiten.

Die Renaissance scheint es Ihnen besonders angetan zu haben.

Ich bewundere das Wissen der Künstler dieser Zeit, die Meisterschaft, zu der sie es mit den Mitteln gebracht haben, die ihnen damals zur Verfügung standen. Je länger ich mich mit ihnen beschäftige, desto moderner erscheinen sie mir. Viele Formen und Kreationen aus der Vergangenheit werden heute neu entdeckt und wieder verwendet, ohne dass wir es genau zuordnen könnten.

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Zum Beispiel sagte mir neulich jemand, dass der Hut von "La Moglie dell'orefice" eine Kopie des Hutes von Prinzessin Leia aus Star Wars sei. Tatsächlich ist er eine Referenz an das Gemälde "San'Eligio nella bottega dell'Orefice" des flämischen Malers Petrus Christus aus dem 15. Jahrhundert. Die Vergangenheit zu kennen, hilft einem, sich in der Gegenwart zurecht zu finden.

Haben Sie je daran gedacht, einmal eine Serie in der Zukunft anzusiedeln?

Bislang kam es noch nicht dazu, aber vielleicht irgendwann einmal. Die Idee für ein Projekt kommt zu mir, ich versuche nicht, sie zu konstruieren. Ich bin gespannt, was meine Fantasie als nächstes erkunden möchte.

Erzählen Sie uns noch etwas mehr über die vielen Verweise in Ihren Bildern. Bronzino erwähnten Sie, ein anderer Titel verweist auf Jules Verne. Manches erinnert aber auch an "Alice im Wunderland" oder die fantastischen Requisiten, die etwa Matthew Barney in seinen Videoarbeiten einsetzt. Was noch?

Die langen Hälse in der Serie "1503" sind unter anderem eine Referenz an Amedeo Modigliani, die Anregung zu "Carte" kam von meinem ersten Fotoprinter Arrigo Ghi, der zu mir sagte: "Ich würde zu gern sehen, wie Du mit Spielkarten umgehen würdest." Kartenspieler sehr beliebt in der Gegend, in der ich aufwuchs: In den kleinen Städten trafen sich die Leute auf öffentlichen Plätzen und spielten Karten. Die hellen Farben sind inspiriert durch den italienischen Fotografen Luigi Ghirri, den ich für einen Poeten der Fotografie halte. Die Gestaltung der Karten erinnert eher an die Gemälde von Hieronymus Bosch, er ist einer meiner Favoriten.

Wie viel an Ihren Bildern ist vor der Linse entstanden, und wie viel am Computer?

Ich versuche, so viel wie möglich vor dem Shooting zu realisieren, um eine möglichst hohe Qualität zu erreichen.  Deshalb arbeite ich mit echten Dingen, nicht mit am Computer erzeugter Realität. Die Nachbearbeitung nutze ich nur, um dem endgültigen Bild genau die Atmosphäre zu verpassen, die ich erreichen möchte.

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Wie viele unterschiedliche Gewerke fließen in Ihre Fotoarbeiten ein? Entwerfen und produzieren Sie die Gewänder, Requisiten und Kulissen alle selbst?

Wenn ich an einer Serie arbeite, gibt es zwei wichtige Schritte: Die Vorbereitung und die Umsetzung. Die Arbeit beginnt mit einer Idee. Ich zeichne, was mir dazu in den Sinn kommt und erarbeite ein paar Entwürfe. Dann beginnt die Recherche. Ich suche nach den richtigen Materialien, Techniken, Farben, der passenden Ästhetik, den kulturellen Bezügen. Und wir definieren den speziellen Look, das passenden Gefühl für die Serie. Das dauert meistens Monate, und dann geht es an die praktische Arbeit:

- die richtigen Figuren finden

- die Zeichnung an die Person anpassen, Form und Farbe festlegen

- die notwendigen Materialien auftreiben

- forschen und zeichnen

- die Schneiderarbeiten koordinieren

- Bühnenbild, Objekte und Kostüme testen

- das Fotoshooting

- Fotos am Computer bearbeiten

- Testabzüge machen

Wo finden Sie Ihr Material und die passenden Models?

Am liebsten auf der Straße, aber heutzutage ist es schwieriger geworden, ihren Ausdruck und ihr Gesicht zu erkennen, da die meisten Menschen auf ihre Mobiltelefone starren. Also versuche ich, sie genau darüber zu erreichen, mit Social Media. Für Kindermodelle nutze ich eine Agentur.

Woher haben Sie all diese handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten?

Ich habe einen technischen Hintergrund und in Italien und der Schweiz studiert. Ich habe in einer Ingenieur- und Architekturfirma gearbeitet und dort Zeichnungen und Modelle angefertigt. Als Fotograf bin ich Autodidakt. Ich will ständig etwas Neues lernen und mich nicht mit dem langweilen, was ich tue. Deshalb widme ich mich meinen Projekten auch so intensiv.

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