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Kunst in Entenhausen: Fricasso, da Pinsli und van Dogh

Dagobert, Donald und Co. waren leidenschaftliche Gemäldesammler. Zwei Historiker haben rund 3000 Donald-Duck-Hefte durchgeblättert und die Entenhausener Kunstwerke reproduziert. Die fertigen Gemälde sind nun im Museum zu bewundern.

Von Sebastian Wieschowski

Ein echter Lenoardo da Pinsli im Kulturzentrum der beschaulichen Kleinstadt Rendsburg im Herzen von Schleswig-Holstein, daneben Friedel Fricasso und ein Meisterwerk von Vincent Van Dogh - Museumsleiter Dr. Martin Westphal guckt, als wäre er sich nicht ganz sicher, ob er die Gemälde ehrfürchtig betrachten oder eher grinsen sollte. Ein unbekannter Sammler aus dem fernen Entenhausen hat noch bis zum 2. September rund 50 Kunstschätze aus Privatbesitz zu Verfügung gestellt - und Westphal buhlt mit seinem kleinen Museum in der norddeutschen Provinz nun um Kunstkenner und Ausstellungsbesucher aus ganz Deutschland, die normalerweise Kurs auf die Documenta in Kassel oder die Biennale von Venedig nehmen würden.

Der Hintergrund des skurrilen Happenings: Der Kunsthistoriker Josef Spiegel und seine Frau Sigrun Brunsiek haben nahezu das komplette Donald-Duck-Heftmaterial seit 1952 gesichtet - immerhin rund 3000 Ausgaben. Dabei haben sie "eine kunsthistorische Bestandsaufnahme erschaffen, die tief in den künstlerischen Kosmos von Entenhausen vordringt", sagt Museumsleiter Dr. Martin Westphal über die Ausstellung der Bilder in den Bildern. Rund 50 Werke wurden aus den Heften herauskopiert, mit kritischem Blick examiniert und kunsthistorisch eingeordnet - denn auch an Entenhausen sind Naturalismus, Surrealismus und Realismus, Abstraktion oder die Jungen Wilden nicht spurlos vorbeigegangen. Viele der Gemälde aus den Comicgeschichten wurden für die Ausstellung in Öl und Acryl von dem Künstler Peter Trautner aus Unna reproduziert.

"Schwarzes Quadrat ohne weißen Grund"

Bei ihrer kunsthistorischen Tiefenanalyse dringen die Forscher tief in die ästhetische Schizophrenie der Enten ein - während der Multimillionär Onkel Dagobert seine Dollarscheine gern opulent von einem unbekannten Taler-Maler nachzeichnen und aufhängen lässt, muss sich der arme Schlucker Donald Duck mit minimalistischer Kunst zufrieden geben. Neben seinem Fernseher hängt das "Schwarze Quadrat ohne weißen Grund" - ein Plagiat des schwarzen Quadrates auf weißem Grund, mit dem der russische Suprematist Kasimir Malewitsch die im Kubismus begonnene Abstraktion auf die Spitze trieb. Der Künstler Peter Trautner hatte zumindest größte Schwierigkeiten mit der schwarzen Kunst: Fünf Mal musste er die Farbe auftragen, erst dann hatte die Schwärze eine ausreichende Sättigung erreicht.

Manchmal war die Entenhausener Kunstszene der Realität sogar voraus, wie der Historiker Josef Spiegel beobachtet hat. Bestes Beispiel: das Bild ohne Maler, ohne Bild, ohne Jahr, ohne Öl und ohne Leinwand. Ein teurer goldener Rahmen hängt auf kitschiger Blümchentapete. Für das zum Goldrahmen passende Gemälde wollte Geizhals Dagobert der Legende nach keinen Kreuzer springen lassen. Was im Comic als Gag gedacht war, wurde laut Spiegel wenig später als ernstes Gestaltungsmittel eingesetzt. An anderer Stelle macht sich der Donald-Erfinder Carl Barks über die Interpretationswut vermeintlicher Kunstkenner lustig - eine spannungsreiche Komposition, eine gewagte Farbpalette oder gar eine magische Energie erkennen so manche Betrachter in den Werken des begnadeten Gelb-Rot-Grün-Kästchenmalers McWhisker. Was dabei übersehen wird: McWhisker nutzt als Vorlage für seine vermeintlichen Geniestreiche einen karierten Lampenschirmbezug.

Schluss mit der Diskriminierung

Beliebt sind in Entenhausen auch Porträts. Als große Meister hierfür gelten Vincent van Dogh, der "zu Lebzeiten kein einziges seiner Werke verkaufen konnte", und Leonardo da Pinsli, der zu lange "im Schatten seines nahezu übermächtigen Urgroßonkels Leonardo da Vinci" stand. Bei der Darstellung ihrer watschelnden Freunde beweisen die Entenhausener sogar Sinn für moderne Kunst - beispielsweise mit einer Pop-Art-Darstellung der Neffen Tick, Trick und Track. Der Historiker und bekennende Donaldist Josef Spiegel will die Entenhausener Kunst "aus dem Schattendasein holen". Schließlich sah Spiegel sich und seine Helden schon im Kindesalter diskriminiert. "Die Lektüre der Hefte ist der sichere Weg in die Legasthenie", sei ihm damals prophezeit worden. Heute macht der Forscher aus dem Hintergrund der Comic-Strips eine Wissenschaft.

Ob die Entenhausener Künstler um Da Pinsli, Fricasso und Van Dogh fleißige Plagiateure waren, oder ob umgekehrt die großen Meister, die heutzutage in den Museen der Welt zu bewundern sind, bei den Enten abgepinselt haben - das ist Interpretationssache. Fest steht jedoch, dass etwa die um 1930 entstandene Darstellung eines Landarbeiterpaares des Entenhausener Künstlers Carl Duck fast hundertprozentig dem "American Gothic" des amerikanischen Realisten Grant Wood gleicht, auf dem ein Farmer-Ehepaar mit ernstem Blick den Betrachter fixiert. Egal, wer nun von wem abgemalt halt - Josef Spiegel ist sich sicher: Die Zeichner um Donald-Vater Carl Barks müssen einen ungeheuren künstlerischen und kunsthistorischen Sachverstand gehabt haben.