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Rolf Hochhuth inszeniert die "Inselkomödie": Jopi Heesters, Sex-Streiks und der Kalte Krieg

Er kann es nicht lassen: Auch im Alter von 106 Jahren zieht es Johannes Heesters auf die Bühne. Der älteste aktive Schauspieler der Welt trifft in Rolf Hochhuths Musical-Inszenierung auf die Ex-Dschungelcamp-Bewohnerin Caroline Beil. Und macht die deutlich bessere Figur.

Er wollte unbedingt dabei sein. Wenigstens eine kleine Rolle spielen. So sitzt der 106-jährige Johannes Heesters nun auf einem prachtvollen Thron. Als König in Rolf Hochhuths "Inselkomödie" spricht der fast erblindete Greis zwei kurze Monologe. Am Mittwochabend war der älteste aktive Schauspieler der Welt in einer Voraufführung des Musicals am Berliner Ensemble erstmals zu sehen.

Heesters gehört zur illustren Riege der Stars, die der Dramatiker Hochhuth (79) für sein Sommerspektakel an Claus Peymanns Theater zusammengetrommelt hat. Zwei Fernsehgesichter sollen Publikum anlocken. Schauspielerin, Moderatorin und Ex-Dschungelcamp-Bewohnerin Caroline Beil (43) spielt die Amazone Lysistrate. In dieser Rolle fordert sie ihre Geschlechtsgenossinnen zu einem Sex-Streik auf, um die Männer vom Krieg abzubringen. Auch der "Lindenstraßen"-Wirt Kostas Papanastasiou steht auf der Bühne - als Wirt.

"Schon von alters her, lehrt Homer: Frauen, setzt euch auch zur Wehr", deklamiert Heesters zum Auftakt des Singspiels. Seine Worte verschwimmen manchmal in die Undeutlichkeit. Doch im schwarzen Samtanzug, mit den elegant gekreuzten Beinen und seinem feinen weißen Haar gibt er einen würdigen König ab.

Schaurig deftig geht es dann in Florian Fries' Musicalfassung des bereits 1974 uraufgeführten Hochhuth-Stücks "Inselkomödie oder Lysistrate und die NATO" zu. Der 29-jährige Dirigent hat für die angestaubte Antikriegs-Komödie schmissige, zwischen Swing, Schlager und Pop changierende Songs komponiert. Gleich in den ersten Minuten lässt ein Kellner (Jan-Andreas Kemna) dann die Hosen zum Spontan-Sex herunter.

Damit soll es aber ein Ende haben. Die Frauen auf der kleinen griechischen Insel beschließen einen Sex-Streik - solange, bis die Männer von dem Plan abrücken, ihre Ländereien den Amerikanern für eine NATO-Raketenbasis zur Verfügung zu stellen. Naturgemäß reißt Hochhuths frei nach dem antiken Stoff von Aristophanes entstandene Parabel aus dem Kalten Krieg heute keinen mehr so richtig vom Hocker.

Nach dem Motto "Sex statt Krieg" lässt Regisseur Heiko Stang die weiblichen Darstellerinnen viel, viel Haut zeigen. Caroline Beil trägt zum kurzen Amazonen-Kleidchen lange schwarze Stiefel und schwingt das Tanzbein nach Striptease-Art über Stühle. So richtig findet sie aber nicht in die Rolle hinein. Nur in ihren Gesangseinlagen dreht die Schauspielerin ("Ich habe mir das immer gewünscht, mal im Musical mitzumachen") auf. In den Dialogen bleibt sie seltsam unbeteiligt, was irgendwie lustlos und arrogant wirkt.

Als "wahres Wunder" bezeichnete Hochhuth ("Der Stellvertreter"), dass sein Sommerstück dieses Mal tatsächlich im Berliner Ensemble aufgeführt werden kann. Im vergangenen Jahr lieferte er sich einen erbitterten, bis vor Gericht führenden Streit mit Peymann, dem Direktor des Theaters. Hochhuth ist über die Ilse-Holzapfel-Stiftung Eigentümer der Theater-Immobilie am Schiffbauerdamm, die er an das Land Berlin vermietet hat.

In der Sommerpause darf Hochhuth dort jedes Jahr eine eigene Inszenierung zeigen. Wegen versäumter Anmeldefristen und Bauarbeiten im Haus, konnte er die Bühne 2009 aber nicht nutzen. Trotz diverser "Schikanen" will Hochhuth auch in Zukunft im Berliner Ensemble spielen lassen und hat seinen Anspruch auch schon angemeldet, wie er sagte.

Elke Vogel, DPA / DPA