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Deutschland holt Gold im Empörungsmarathon! Brauchen wir einen Jubel-Knigge?

Diskuswerfer Christoph Harting holt Gold! Doch anstatt sich mitzufreuen, sind 80 Millionen Besserleber beleidigt - weil er den Triumph nicht angemessen gefeiert hat. Micky Beisenherz empört sich über die Empörten.

Christoph Harting

Olympiasieger Christoph Harting

"Harting ist heute Diskursolympiasieger"
(Christoph Azone)

Sie kennen mich. Ich möchte Ihnen unbedingt meine Meinung mitteilen. Gerne auch die über das befremdliche Verhalten von Christoph während der Siegerehrung. Vorher würde ich lediglich gerne noch kurz Olympia-Gold holen, um etwas besser nachempfinden zu können, was das in einem auslöst.

Okay, ich versuche es einfach mal ohne Ahnung. Machen die anderen ja auch. Da ist also dieser Sportler, der "Harting-Bruder" - ein Attribut, das schon recht deutlich belegt, welchen Stellenwert er bislang in der öffentlichen Wahrnehmung der breiten Masse hatte. (Vermutlich haben ihn seine Eltern ganz ähnlich gerufen. "Harting-Bruder! Komm runter! Gibt Essen!" Oder so ähnlich.)

Dieser Harting-Bruder ist bekannt dafür, medial gerne "unter dem Radar zu fliegen", sich nicht allzu sehr zu exponieren. Eine Strategie, die ihm an diesem vergangenem Wochenende misslungen ist, soviel lässt sich sagen.
Was hat sich dieser junge Mann zuschulden kommen lassen? Nun, er hat olympisches Gold geholt - und diesen Triumph nicht so gefeiert, wie es 80 Millionen Besserleber für angemessen erachten.

Dass es überhaupt so weit gekommen ist, verdankt dieser Christoph dem anderen Harting-Bruder, Robert. Das ist der Introvertierte von den beiden, der sich nach Siegen immer das Trikot von der Brust reißt. Besagter Robert hat es fertig gebracht, sich beim Versuch, einen Lichtschalter mit dem Fuß auszuknipsen, einen Hexenschuss zu holen. Hätte er eine Glühbirne auswechseln wollen, er wäre sicher dabei umgekommen.

Favorit Robert also war angeschlagen und scheiterte somit bereits in der Quali - was Christoph erst den Weg aufs Treppchen ermöglichte und am Ende glatt die Goldmedaille bedeutete.

Das war nicht nur für das Publikum ein wenig überraschend, sondern auch für den Gewinner selbst, denn was folgte war eine etwas verunglückte Performance bei der Siegerehrung. Ein Hürdenlauf aus Übersprungshandlungen, zu groß geratenen Gesten und verstolperten Coolness-Posen, die man zuletzt von 11-Jährigen an der Autoscooter-Reling hat sehen müssen. Nicht sehr lässig, nicht sehr abgeklärt, nicht sehr ...
... halt, Moment mal? Hat der nicht gerade GOLD geholt? Bei OLYMPIA?! Und da gehen schon die Gäule mit ihm durch? Na, sowas!

Bei der Nationalhymne mitpfeifen, das geht gar nicht!

Natürlich darf er gerne Emotionen zeigen. Aber dann doch bitte so, wie wir uns das wünschen! Heulen, Wimmern, sich ans Herz fassen, vielleicht den rechten Arm zum Gruße ... nein, gut, das vielleicht nicht unbedingt. Aber bei der Nationalhymne mitpfeifen, das geht gar nicht! Hat der nicht sogar lächelnd getänzelt? Man stelle sich vor, er wäre auch noch wie ein Gaucho zum Podest gegangen!

Um ehrlich zu sein, nahm ich bei der Betrachtung des Videos zuerst an, es handle sich um den falschen Film. Zu wenig deckungsgleich schien mir der Inhalt des Gesehenen mit dem, was ich vorher bereits an beschriebenen Horrorszenarien im Internet lesen musste. Ein regelrechtes Selbstentgleisungs-Epos emmerichschen Ausmaßes und dann ... das bisschen da? Wahrscheinlich wäre alles eh anders gelaufen, hätte Carsten Sostmeier die Verleihung kommentiert. Ernsthaft, dieser Mann hat bestimmt die weichsten Hände des Universums. In Voce Aloeveritas. 

Wo war ich? Ach, ja. Was genau ist das eigentlich mit uns Deutschen und unserer Hymne? Selbst die nationalismuskritischsten Geister kriegen einen geistigen Reizdarm, wenn es um unseren schönen Festgesang geht. Das ist ja bei den Fußballturnieren immer schon so hochgradig albern, wenn alle zwei Jahre die Leistungsfähigkeit zum Beispiel eines Mesut Özil daran festgemacht wird, wie intensiv er Haydns Hitsingle murmelt.

"Und die Italiener, jetzt guckt mal, wie inbrünstig Buffon und Co. da mitsingen!" 1.) die italienischen Hymnensinger haben gegen uns verloren und 2.) hätten wir Deutschen so ein entspannt-lockeres Liedchen wie die doch sehr beschwingte italienische Hymne, dann käme man gar nicht umhin, die mitzuträllern.

Die Wut des Knigge-Kollektivs

Allerdings passte das Lied dann auch nicht so recht zu uns. Entspannt-locker. Dass wir genau das nicht sind, haben wir gerade wieder einmal eindrucksvoll bewiesen. Da wird die Hymne plötzlich zum Echauffierungssoundtrack, zur musikalischen Untermalung der Wut des Knigge-Kollektivs, das nicht nur genau weiß, wie man sich zu verhalten hat, während die Hymne läuft, sondern es auch noch fertig bringt, während eben dieser Hymne zuhause auf der Couch erfolgreich den Triathlon aus Furzen, Chipsfressen und sich an den Klöten kratzen in neuer Rekordzeit zu absolvieren. Kompliment.

Klar, das verweigerte Interview mit dem Reporter im Kumpelmodus interruptus und die etwas caesarenhaft geratene Pressekonferenz waren jetzt nicht gerade Sternstunden sympathischer Selbstvermarktung, er hätte sich auch einfach wie Angelique Kerber schlicht freuen können, aber all das war: angenehm ungeprobt und - auf seine dödelige Art - "authentisch".

"Authentizität" - ein Zustand, der von öffentlichen Personen immer wieder eingefordert wird. Aber halt nur solange, wie sie in unser Bild passt. Und eben nicht als ungelenkes Ego-Tänzchen à la Harting. Hat der es doch gewagt, ohne ein vorheriges Jubel-Seminar die Medaille entgegen zu nehmen.

Das emotionale Entmüdungsbecken

Was dem folgte, ist das mittlerweile leider übliche: "Im Netz" kommt es zu "einem Shitstorm", den "die Medien" natürlich dankbar aufnehmen und in entsprechenden Headlines diesen Treppchenwitz zu einer nationalen Schande hochdopen. Das übliche Protokoll: Empörung. Empörungs-Empörung (Sie befinden sich genau hier). 

Das emotionale Entmüdungsbecken und die nüchterne Erkenntnis: Wir sehnen uns nach Typen. Aber wir halten sie im Grunde genommen nicht aus. Lautstark verlangen wir permanent nach Leuten mit Ecken, Kanten und erfrischender Persönlichkeit. Wir wollen Zlatan - aber haben gerade mal die Nerven für Reus. Zu schnell haben wir die Finger am Hashtag, um noch eben kundzutun, dass "DAS ja mal gar nicht ging!" Und wer denkt da mal eigentlich an die Kinder!

Wie eine gigantische Drechselmaschine schleifen wir systematisch einer ganzen Generation (von Sportlern) genau diese Ecken und Kanten ab, bis am Ende nur hochdiplomatische Stromlinienstanzen aus dem Windkanal über bleiben.

Man ist ja schon froh, dass zumindest die Kommentatoren wie Häuptling "brauner Strich in der Hose" oder der zuverlässig zielsichere Tretminen-Astaire Mehmet Scholl soviel Hornhaut auf der Herzkammer haben, sich von dem erwartungsgemäßen Feedback der üblichen 10.000 Moralgerüstbauer nix anzunehmen.

Keiner will den Harting geben

Warum entfährt jungen Männern wie Mario Götze oder Andre Schürrle kein interessanter Satz mehr, ohne dass sie vorher ihren Social-Media-Manager konsultiert haben? Warum sind Interviews in der Mixed Zone so spannend wie das Sommerinterview mit Sigmund Gottlieb. Weil keiner Bock hat, die ganze Woche lesen zu müssen, was für eine #nationaleSchande er ist - okay, sagen wir eine halbe Woche. Dann sind die Skandalnomaden zumeist schon weiter gezogen.

Keiner will den Harting geben. Dabei hat der doch das einzig richtige getan: Er war ganz er selbst. Unverstellt. Ungeprobt. Ungelenk. Und - kleines Detail am Rande - er hat gerade eben olympisches Gold für sein Land geholt. Was das mit einem macht, kann von uns kaum einer beurteilen. Das passiert einem im Leben seltener, als von der Couch einen Tweet abzusetzen.

Wenn es von uns einer auf ein Treppchen schafft, dann wahrscheinlich nur, weil man von da oben den anderen besser erklären kann, wie sie sich zu verhalten haben.

P.S.: Hat sich Usain Bolt schon für das peinliche und respektlose Grinsen im Zielfoto entschuldigt?

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