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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Alles muss Reiser werden - Wo ist der politische Pop?

Unsere Zeit ist geprägt von Spaltung, Flüchtlingskrise, und Verteilungskämpfen. Doch die meisten deutschen Popmusiker singen lieber über Liebe. Micky Beisenherz sucht dagegen politischen Pop - und wird bei einem jungen Mann aus Burkina Faso fündig.

Micky Beisenherz über politischen Pop

Micky Beisenherz vermisst bei vielen deutschen Pop-Stars die Beschäftigung mit Politik.

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Pop war immer schon ignorant, stumpf und egozentrisch. Und das ist auch gut so. Grundsätzlich. Wenn man aber davon ausgeht, dass bei Künstlern und Sängern, von deren Plattenfirma im offiziellen Pressetext gerne angeführt wird, dass es in "ihren" Songs um sehr persönliche Themen geht, also das, was sie privat beschäftigt, dann handelt es sich bei der aktuellen Generation von Popkünstlern um besonders tumbe Gesellen.

Es gehört immerhin schon eine Menge dazu, alles, was derzeit in der Welt, zwischen und Essen passiert, zu ignorieren. Stattdessen wird über eine vergangene, eine aktive oder eine geplante Liebe geträllert, während um einen herum alles einstürzt wie in der Schlussszene von "Fight Club". Ignorance is bliss.

Während die Produktionen immer moderner klingen, hinken die Inhalte dem Zeitgeist völlig hinterher. Sollte in einer Gesellschaft, die zusehends politischer wird, der Pop als vermeintlicher Spiegel nicht mitziehen? Wo ist der neue politische Pop? Wo sind die sozialkritischen Texte? Wo ist die Wut? Es muss wieder reiser werden!

Wo ist der Geist der 70er oder frühen 80er Jahre, in denen Ton Steine Scherben einer politischen Haltung und jugendlicher Hilflosigkeit musikalisch Ausdruck verliehen haben und Nena mit einem vergleichsweise banalen, aber schließlich doch sehr pointierten Protestsong wie "99 Luftballons" sogar einen (globalen) Nummer eins Hit landen konnte?

Politik muss also auch im Pop kein Nischendasein fristen. Aber wer erklärt das , Wincent Weiss oder Adel Tawil? Lena Meyer-Landrut hätte als "Influencerin" qua Amt auf Hunderttausende Einfluss, aber Gedränge und zu dünne Winterkleidung kennt sie nur vom roten Teppich und nicht von den Essener Tafeln.

Und COS beschäftigt sie deutlich mehr als AfD. (Ich weiß, wie simpel diese Zeilen sind. Aber ist es nicht auch ein Kompliment, ihr zumindest ein paar andere Themen zuzutrauen?) Da funkt das soziale Bewusstsein (A)SOS.

Hat man je ein politisches Statement von einflussreichster Popkünstlerin, Helene Fischer, gehört? Natürlich nicht. Es könnte ja geschäftsschädigend sein.

Til Schweiger ist die rühmliche Ausnahme

Auch vor diesem Hintergrund muss man mal den Mittelschichts-Loriot loben, der mit seiner öffentlichen Positionierung gegen Rechts spürbare finanzielle Einbußen in Kauf genommen hat. Es ist zwingend davon auszugehen, dass es eine signifikante Schnittmenge gibt zwischen "Kokowää"-Guckern und Menschen, die für die Probleme von Flüchtlingen keinohrhaben.

Bei den Brit Awards geht der Rapper Stormzy auf die Bühne und zählt Theresa May an, wo denn bitte die finanzielle Hilfe für die Opfer des Grenfell Desasters bleibt. Und hier? Nix!

Wenn überhaupt, werden soziale Probleme oder politische Themen noch am besten im deutschen Rap abgebildet, aber das war es dann schon fast. Außer Casper, Jennifer Rostock oder Kettcar ist bei mir wenig hängen geblieben. Und die legendäre Anti-Rechts-Nummer "Schrei nach Liebe" feiert mit dem dumpfen Doitschen dieses Jahr tatsächlich schon Silberhochzeit.

Humptahumpta-Kellner oder Mitsumm-Fachkräfte

Das alles erinnert ein wenig an das, was gute Gastronomen oder Hoteliers ihrem Servicepersonal mitgeben: Sei nett und kommunikativ, aber rede nie über Religion, Politik oder Sport. Vielleicht muss man die Entertainer von heute so begreifen - als eine Art Humptahumpta-Kellner oder Mitsumm-Fachkräfte, die uns neben einer kleinen Wipp-Animation bitteschön mit ihrer Meinung zum Zeitgeschehen nicht weiter behelligen sollen. Aber dann kann ich doch auch Friseur werden, oder?

Haben die denn alle nix zu sagen? Oder dürfen sie nicht? Möglicherweise aber sind diese Musiker, so komisch es klingt, mit Mitte Ende 20 aber auch einfach auch schon zu alt, um noch eine neue textliche Richtung einzuschlagen. Musiker, die jetzt die Teenager-Jahre hinter sich lassen, werden womöglich eine ganz andere Tonart wählen. Das ist insofern nicht unwahrscheinlich, da sich für uns alle die Welt vor allem in den letzten fünf Jahren massiv verändert hat.

Man werfe zum Beleg mal einen Blick auf die Themen bei der Bundestagswahl 2013. Da war außer dem Stinkefinger von Steinbrück nicht allzu viel los. Ähnlich wie eine ganze Gesellschaft sich zunehmend politisiert hat, dürfte demnächst auch eine ganz neue Riege von Musikern nachwachsen, die in eine Zeit hineinpubertieren, die geprägt ist von Spaltung, Flüchtlingskrise, Essener Tafeln, Verteilungskämpfen, sozialer und nationaler Verkapselung und einer immer stärker empfunden Ohnmacht des Bürgers gegenüber der Politik.

"Sei wachsam"

So entwickelt sich gerade "Sei wachsam" zu einem viralen Hit. Ein gleichermaßen großartiger wie hochpolitischer Song, den Reinhard Mey Mitte der Neunziger geschrieben und den Ezé Wendtoin aus Ouagadougou neu aufgenommen und interpretiert hat.


Überflüssig zu erwähnen, dass der Text über rechte Rattenfänger aktueller wirkt, denn je.

Dass erst ein junger Mann aus Burkina Faso, Germanistikstudent in Dresden, kommen musste, um den "biodeutschen" Troubadouren zu zeigen, wie das mit der Gesellschaftskritik in Deutschland geht, ist zumindest eine nette Pointe. Oder eine traurige. Wie man's nimmt.

Die Welt ist in Bewegung, unheimlich und unheimlich spannend. Schade, dass dem deutschen Pop das völlig egal zu sein scheint.