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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier RESPECT? Sonst ja – nur gegen Ungarn ungern

Micky Beisenherz  über die Uefa und die Regenbogenfarben
Die Uefa will keine Regenbogenfarben beim EM-Spiel von Deutschland gegen Ungarn
Die Uefa will die Regenbogen-Farbgebung in der Allianz Arena nicht zulassen. Der Verband wäre nicht die Uefa, hätten sie nicht eine gleichermaßen würde- wie substanzlose Begründung für das Urteil, findet Micky Beisenherz.

Gestern Abend in Bukarest war es, als der Himmel aufriss und ein Regenbogen über dem Stadion zu sehen war. Es ist nicht überliefert, ob die Uefa diesen Vorgang prüft oder Wettermann Sven Plöger in U-Haft muss. Womöglich hatte der Wettergott sich auch verhört, wäre Budapest doch der viel passendere Zielort gewesen.

Allianz Arena in Regenbogenfarben

Eine schöne Pointe war es allemal, sind es doch die Regenbogenfarben, die in all ihrer Unschuld nun zum Politikum zu verkommen drohen. Morgen spielt die deutsche Nationalelf gegen Ungarn. In München. Der Stadt von Bier, Brezn und Walter Sedlmayer.

Dort war die Politik sich fraktionsübergreifend einig, dass es im "Pride-Month" doch ein tolles Zeichen wäre, die Allianz Arena in den Spektralfarben Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo und Violett zu illuminieren. Schließlich sieht die Stadt sich als weltoffen und tolerant und die Uefa beteuert dies ebenfalls immer wieder gern. So ließ man es DFB-Kapitän Manuel Neuer zuletzt auch durchgehen, mit einer bunten Kapitänsbinde aufzulaufen, da dies ja für einen "Good Cause", also guten Zweck geschehe. (Übrigens derselbe Manuel Neuer, der nach dem Mitsingen schlimmer nationalistischer Lieder im letzten Kroatienurlaub eigentlich gar nicht mehr hätte auflaufen sollen. Verdammte Ambiguitätstoleranz.)

Uefa will Farbgebung nicht zulassen

Nun möchte man ja meinen, dass der Zweck nicht weniger gut wird, nur weil der Ring um das Stadion ein wenig größer ist als der um den Oberam. Oberarm ist vor allem die Entscheidung der Uefa, diese Farbgebung nun nicht zuzulassen.

Die Frage ist: Warum das? Der Verband wäre nicht die Uefa, hätten sie nicht eine gleichermaßen würde- wie substanzlose Begründung für das Urteil: "Die Uefa ist aufgrund ihrer Statuten eine politisch und religiös neutrale Organisation. Angesichts des politischen Kontextes dieser speziellen Anfrage – eine Botschaft, die auf eine Entscheidung des ungarischen Parlaments abzielt – muss die Uefa diese Anfrage ablehnen."

Verband will "neutral" sein

Neutral – ein schöner Euphemismus für "rückgratlos". Sicher, die Entscheidung des ungarischen Parlamentes, sich proaktiv dafür einzusetzen, Homosexuelle zu diskriminieren ist eine politische. Ein Stadion bunt zu beleuchten, um zu unterstreichen, dass man für eine Gesellschaft steht, in der alle die gleichen Grundrechte besitzen ist …

… der kleinste gemeinsame Nenner?

Es wäre nicht einmal etwas, das die Uefa ihrerseits hätte initiieren müssen – sie hätten es lediglich dulden müssen, also: Die Toleranz tolerieren. Offenkundig scheut man die Konfrontation mit (dem möglichen Finalspielgastgeber) Ungarn, dessen Vertreter ebenfalls im Uefa-Exekutivkommittee sitzen.

Sehen Sie im Video: Wirklich so proud? Wie ein alter Tweet der Uefa um die Ohren fliegt.

Nach Verbot von Regenbogen-Beleuchtung: Wirklich so proud? Wie ein alter Tweet der Uefa um die Ohren fliegt

Es geht um das Verweigern demokratischer Grundwerte

Extrem peinlich, was dieser Tage in einem vereinten Europa schon reicht, um überhaupt auf Konfrontation zu gehen. Wie kann man über die simpelsten Basisprinzipien des Miteinanders in einen Konflikt geraten – und die Akzeptanz derer sogar verleugnen? Es geht hier schließlich nicht um eine andere Meinung, sondern das Verweigern demokratischer Grundwerte.

Sogar die Bundesregierung in Gestalt von Regierungssprecher Seibert lässt sich zitieren, die Regenbogen-Fahne stehe "dafür, wie wir leben wollen – mit Respekt füreinander" – ohne die Diskriminierung, der Homosexuelle und andere Minderheiten lange Zeit ausgesetzt gewesen seien. "Dazu können sich sicherlich die Allermeisten bekennen."

Warum man sich überhaupt zur Homosexualität "bekennen" muss, als ginge es hier um ein Schreiben nach einem terroristischen Akt, darüber kann man mal bei anderer Gelegenheit reden. Womöglich aber kommt Homosexualität bei der gläsernen Männlichkeit der ungarischen Regierungs- und Uefa-Vertreter tatsächlich einem Anschlag auf das eigene Weltbild gleich.

Peinliches Wegducken der Ewiggestrigen

Das peinliche Wegducken vor den Ewiggestrigen ist ein ungleich größeres politisches Statement als es bunte Binden oder Stadienbeleuchtungen je sein könnten: "Wenn es darum geht, den Cash-Flow und die verbandsinterne Infrastruktur nicht zu beschädigen, können uns Menschenrechte gerne gestohlen bleiben."

Da drum macht man im Bedarfsfalle einen großen (Regen-)Bogen. Es mündet in einer großangelegten Selbstverleugnung. Da kann die Uefa künftig für mehrere Millionen ihre Scheiß-"Respect"-Kampagnen produzieren, wie sie will: Das Thema haben sie gerade selbst abgeräumt wie Ronaldo die Cola-Flaschen. Nicht der Regenbogen ist ein politisches Zeichen – ihn nicht zuzulassen sehr wohl.


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