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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Hass ist Trump

Eine Woche nach der US-Wahl beruhigen sich die Gemüter bei vielen Trump-Kritikern. stern-Kolumnist Micky Beisenherz geht das zu schnell. Nur weil Trump bislang nicht auf den Atomknopf gedrückt hat, gibt es keinen Grund zum Jubel.

Von Micky Beisenherz

Trump-Protestant in New York

Trump-Protestant in New York

Entschuldigt bitte meinen Ton, aber: Habt Ihr noch alle Latten am Zaun? Ich muss mich doch sehr wundern. Es ist jetzt gut, beziehungsweise schlecht eine Woche her, dass Donald Trump die Wahl gewonnen hat. Positiv: Er hat noch nicht auf den Atomknopf gedrückt. Das ist wirklich schön.

Es ist aber über alle Maßen ärgerlich, wie nonchalant (sogar vermeintlich intelligente) Teile der hiesigen Bevölkerung bereits darüber hinweg sehen, WIE dieser Wahlkampf geführt wurde.

Schon klar, mit meiner selbstgerechten Empörung werde ich am Wahlergebnis genauso wenig ändern, wie Millionen vor mir, die via Facebook Einfluss auf die US-Politik nehmen wollten.

Dennoch würde ich gerne kurz festhalten, wie sehr es mich verstört, dass es wenige Tage nach der Wahl schon gar keine Rolle mehr zu spielen scheint, gegen wen der Mann alles gehetzt und die Massen zu einem Verhalten angestachelt hat, das man jetzt nicht mehr so einfach zurücknehmen kann.

Donald Trump fördert Rassismus

Mexikaner werden an Tankstellen mit "Taco, time to go home!" bepöbelt, Frauen werden umso hemmungsloser begrapscht - hey, der Präsident macht's doch auch! Schwarze fühlen sich noch heftiger von Polizeiwillkür bedroht, als ohnehin schon. Ergänze unzählige Vorfälle, in denen Muslime, Schwule, Lesben sich einer neuen, bürgerlichen Barbarei ausgesetzt sehen.

Ja, unter Präsident Obama hat der Rassismus in den USA zugenommen. Trump musste nicht einmal das Weiße Haus entern, um diesen Zustand noch zu verschlimmern und das gesellschaftliche Klima nachhaltig zu kontaminieren. All das scheint für viele keine Rolle zu spielen.

Mit einem gewaltigen "Nu habt Euch mal nicht so" geht man zur Tagesordnung über. Schlimmer noch: Es wird sogar behauptet, lediglich in den deutschen Medien seien diese Übergriffe, dieser Rückbau der Zivilgesellschaft, ein Thema.

Tag 1 nach Trump: So krass äußern Menschen Rassismus in den USA

Mario Barth sieht keine Proteste

Selbst Prominente wie Mario Barth, sonst als Günther Wallraff der Generation Gutscheinbuch vornehmlich dabei aufzudecken, dass der Flughafen BER noch nicht in Betrieb ist, streamt sich live via Facebook aus New York.

Dort steht er vorm Trump Tower, zeigt auf den menschenleeren Platz vor dem Gebäude und lässt sich lang und breit darüber aus, dass Medien wie die "Süddeutsche Zeitung" fälschlicherweise über dortige Proteste gegen Trump berichten würden. Hat da jemand Lügenpresse gesagt?

Dass der Ort wegen des Veterans Day gesperrt war und die Demonstranten nach der Öffnung wieder zurückkamen, hat ihm leider keiner gesagt. Der FPÖ jedenfalls gefällt es, und HC Strache teilt Barths sensationelle (Selbst-) Enthüllung fleißig.

Da fragt man sich schon, ob jemand, der vor kurzem noch in einem "Das darf man in Deutschland ja nicht mehr sagen"-Besorgnis-Post Angst davor hatte, - ich zitiere - gleich als "Natzi" oder "Publizist"(!) tituliert zu werden, nicht etwas verantwortungsvoller mit seiner Macht umgehen könnte. Der Mann hat über zwei Millionen Facebook-Fans.

Zumindest ist er ein guter Beleg dafür, dass AfD und Co. nicht nur für den dummen, finanzschwachen weißen Mann interessant sind. Hoffentlich bleibt er lange in der Comedy erfolgreich. An "Bundeskanzler Barth“ möchte ich mich nicht auch noch gewöhnen müssen. Klingt absurd? Klang Trump vor Monaten auch noch.

Natürlich muss man die Tatsachen akzeptieren: Trump ist zum Präsidenten gewählt worden. Demokratisch. Clinton hatte zwar knapp eine Million mehr Wähler, aber hey: Das ist das Wahlsystem. Warum? Wut auf das Establishment, Arroganz der Eliten, die Verlierer haben gewonnen - geschenkt. Wissen wir ja jetzt. 

Ja, man muss mit dem arbeiten, der da ist. Aber muss man einfach kampflos die Art und Weise akzeptieren, wie es dazu gekommen ist? Ich sage: nein. Es ist richtig, sich davon abgestoßen zu zeigen. Ich lese in den sozialen Medien Sätze wie "Hätte es auch so einen Shitstorm gegeben, wenn Hillary gewonnen hätte?" Nein, verdammte Scheiße! Natürlich nicht!

Netzreaktionen auf Trump-Wahl: "Wir sollten eine Mauer um Kalifornien bauen!"

Hillary Clinton ist nicht die nette Mutter Beimer

Weil sie, gewiss nicht die nette Mutter Beimer Amerikas, keinen Wahlkampf des Hasses geführt hat, keine Spaltungsideologie voran getrieben hat, die uns immer dann so fürchten lässt, wenn wir über die bösen Muselmanen reden.

Wichtig ist es festzuhalten, dass hier eine Kampagne gestartet wurde, die meines Wissens nach in der westlichen Welt vom Tonfall (seit Jahrzehnten) beispiellos ist und mit der Ernennung Trumps all jene legitimiert, die es für witzig und berechtigt halten, Minderheiten zu diskriminieren. Wie können wir ernsthaft einfach übergehen, dass gerade mal alles in die Tonne gekloppt wurde, was wir uns über Jahrzehnte an rücksichtsvollem Miteinander aufgebaut haben? Eine Verrohung, die erahnen lässt, was uns im Hinblick auf die Bundestagswahl 2017 blüht. Funktioniert ja.

Es geht hier nicht darum, ob er am Ende gar ein guter Präsident ist oder nicht. Ich bin sogar festen Willens, das zu glauben. Er als Turbonarziss wird alles daran setzen, wirtschaftlich der beste US- Präsident aller Zeiten zu werden. Wie er das schaffen will - keine Ahnung. Trump reimt sich auf Pump.

Möglich, dass er nicht einmal die Mauer bauen wird. Was er aber jetzt schon eingerissen hat, ist der Zaun, mit dem das grollende, grunzende Es einer Gesellschaft mehr schlecht als recht eingegrenzt wurde. Mir geht es um den Stil, mit dem er Stimmen gefangen hat.

So etwas noch als cleveren Wahlkampf abzufeiern, das zeugt fast schon von böswilliger Ignoranz. Das, was der designierte mächtigste Mann der Welt (Hilfe!) los getreten hat, endet nicht mit dem Amtsantritt.

Ja, Wahlkampf ist wie ein buntes Bild, das man nach der Wahl wieder abhängen kann. Trump hat für dieses Bild verdammt viele, große Löcher in die Wand gebohrt. Und durch die quillt jetzt die ganze Scheiße. Das geht auf das Konto des Mannes, der sich zuletzt als lieber, vernünftiger Vater der Amerikaner gegeben hat - nachdem er seine Kinder monatelang dazu animiert hatte, zugekokst mit 180 Sachen durch die 30-Zone zu brettern.

Herzlichen Glückwunsch.

Schon klar, das ist hier selbstgerechte Empörung für die eigene Filterblase. Immer noch besser, als Eure radikale Ignoranz.