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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Ein Cord für alle Fälle – Laumann for President

Karl-Josef Laumann
Karl-Josef Laumann (CDU) ist Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen
© Rolf Vennenbernd / DPA
Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann ist das Bindeglied zwischen Bundeskanzleramt und Bundeskegelbahn. Seine pragmatische Leberwursthaftigkeit macht ihn zum Schattenkanzler der Herzen, findet Micky Beisenherz.

Besondere Zeiten schaffen besondere Helden. Da, wo vermeintliche High Performer förmlich abschwellen und Hoffnungsträgerinnen sich selbst zerdoktern, da treten andere hervor, die Herzen zu fangen. Auch, wenn sie das erkennbar nicht vorhaben.

Karl-Josef Laumann ist so einer. 1957 geboren im Münsterland, gab er niemandem je einen Grund, daran zu zweifeln.

In seiner pragmatischen Antiquiertheit gehört er stets zu den wenigen positiven Erscheinungen einer NRW-Landesregierung, die aus der Ferne betrachtet rüberkommt wie Figuren, die einem in der Silberminenbahn im Phantasialand begegnen und durch ihren Vorsteher Armin Laschet eher unglücklich vertreten werden.

Nicht so "der Kajo". Statt Zaudern oder hektischer Hilflosigkeit spricht der Mann "Tantalus" (wie der sehr einfache Bürger gerne sagt). Nichts ist hier gedrechselt oder von PR-Leuten geschliffen. Es sind holzvertäfelte Sentenzen.

Als es darum ging, dass Kotelett-Saddam Clemens Tönnies eine Erstattung von Lohnkosten vom Land fordern könne, kam als offizielles Statement: "Ich hab keinen Bock, dass ich Herrn Tönnies oder irgendwas überweise." Die Fleischindustrie droht zusammenzubrechen ohne Werkverträge? "Also verarschen kann ich mich selber."

Stellen Sie sich so etwas mal beim Außenminister vor. Während Heiko Maas für den Fototermin noch den Kuschelpulli überstreift und mit beiden Händen um den Café au Lait-Becher gelegt verträumt aus dem Fenster blickt, nestelt sich das Tecklenburger Urvieh halbherzig das Hemd in die Hose, um in der PK die Opposition wegzubowlen.

Karl-Josef Laumann ist ein Freund der klaren Worte

Egal, ob Getränke oder Sprache: Laumann hat's gern klar. Und lässt sich direkt ins Herz schauen. Zum Beispiel, wenn es um die Impfstrategie in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland geht. "Wir haben richtig Manschetten vor dieser Aufgabe." Manschetten. So jemanden muss man doch lieben.

"Das hat noch nie ein Minister machen müssen, ein ganzes Volk zu impfen. Wir haben keine Zauberkünstler, die jetzt auf einmal übernehmen." Dabei ist er selbst doch der Ehrlich Brother der Deutschen Polit-Hautevolee.

Der Gegenentwurf zu Windhunden in Barbourjacken wie Andy Scheuer, die eifrig Abermillionen Steuergelder verbuddeln und dessen Brille allein so viel gekostet haben dürfte wie die letzten acht Urlaube Laumanns. Und lindnersche Schmierpimmeligkeiten kämen schon mal gar nicht infrage, allein schon deshalb, weil man dem pandemischen Panther nie sowas wie ein Sexualleben unterstellen würde.

Eine Plagiatsaffäre muss der gelernte Maschinenschlosser nicht fürchten. Den "Dokter" kennt er nur, weil er dann und wann auch "ma nachen Aazt muss" – und sei es nur, weil er als Gesundheitsminister halt auch mal hören muss, was die entnervten Mediziner ihm so erzählen.

Er fasst das dann zusammen. Mit diesem münsterländischen Idiom, bei dem jede Bemerkung sich anhört, als hätten die Worte es mit Mühe und Not über die Zunge schlitternd noch nach Hause geschafft.

Einen akademischen Titel als Herrenhandtasche braucht der abgewetzte Antiheld nicht – er kann sich damit rühmen, der erste Spitzenbeamte in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu sein, der mit einem Hauptschulabschluss und ohne akademische Qualifikation zum verbeamteten Staatssekretär auf Bundesebene vereidigt wurde.

Nicht schlecht für einen Bauernsohn aus Birgte. Der nie den Eindruck machte, anders wirken zu wollen als das. Laumann, Sternzeichen Kegelbahn, ist kein König Midas. Nicht alles, was er mit seinen Mettenden-Fingern anfasst, wird zu Gold. Aber das, was ist, beschreibt er mit erdigem Aroma.

Was Kacke ist, muss man nicht als Brownie verkaufen

Es sind Wahrheiten, gefallen aus Glückskeksen aus purem Pumpernickel. Was Kacke ist, muss man den Leuten nicht als Brownie verkaufen. Und in diesem Kalenderjahr liegt mehr davon verstreut, als auf Berliner Gehwegen.

Dabei ist er keineswegs nur der drollige Panda. Wie deutlich er werden kann, musste nicht zuletzt der ehemalige Bundeskanzler Schröder erfahren, dem "der Kajo" als sozialpolitischer Sprecher der Unionsfraktion einheizte mit "ein Bundeskanzler, der sich die Haare färbt, der frisiert auch jede Statistik". Man glaubt nur zu gerne, dass ihm Männer, die viel auf ihre Optik geben, immer schon suspekt waren.

Vermutlich hängen daheim in Riesenbeck nur Spiegel, damit der Alte nicht mit schief geknöpftem Hemd aus dem Haus tapert. In einem Jahr, in dem Autokinos und Partykeller zurück sind, legt sich Laumanns unprätentiöse Leberwursthaftigkeit wie ein beruhigender Film über die gereizte Volksseele.

Gegen Laumann wirkt Angela Merkel wie Grace Jones

Gegen ihn wirkt plötzlich selbst Angela Merkel wie irgendwas zwischen Grace Jones und Mariah Carey. Allein der Name: Laumann.  Das ist doch wie ein Bekenntnis zur gelebten Mittelmäßigkeit, da wo andere in Kinnimplantate investieren, um dynamischer zu wirken.

Sicher, der Mann hat fossilen Charme – man darf aber nicht vergessen, dass der Cordbuxensaurus der Union schon für die verwegene Idee Mindestlohn gekämpft hatte, als bei den Genossen noch die letzten Cohibas ausgetreten wurden.

Es ist also nicht verwegen, zu behaupten: In Sachen Sozialdemokratisierung der Union war er stets ein Early Adopter. Sicher, der Kerl, der so schief wirkt wie eine halbherzig aufgebaute Eckbank ist mehr Kassettenrekorder als iPod, und es steht zu befürchten, dass er Begriffe wie LGBTQ oder BPoC für Epigonen der Saragossa Band hält.

Andererseits: In dem föderalistischen Hühnerhaufen ist Laumann der Zapfhahn, an dem man sich festhalten möchte. Ein Schattenkanzler der Herzen. Und die Vorstellung, wie Laumann beim G7-Gipfel zwischen Macron und Trudeau ein Hautgout von Hattrick Rasierwasser verströmt – das ist schon ein sehr schöner Gedanke.

Besondere Zeiten schaffen besondere Helden. Und wer vermag es besser Herzen zu öffnen, als ein gelernter Schlosser? Karl Josef Laumann – das fehlende Bindeglied zwischen Bundeskanzleramt und Bundeskegelbahn.


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