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"Live Earth"-Presseschau: Das Pfeifen nach dem Popkonzert

"Live Earth" ist vorbei - was nun? Kann die Großinszenierung des Umweltschutzes die erwartete Bewusstseinsänderung bringen oder diente das Konzert mehr der Eigenwerbung als dem guten Zweck? Die nationale und internationale Presse ist geteilter Meinung.

Beim 24-stündigen "Live Earth"-Konzertmarathon von Sydney über Hamburg und London bis an die Ostküste der USA nahe New York stellten sich mehr als 150 Popstars wie Madonna, Shakira und The Police in den Dienst des Klimaschutzes. Vom Auftakt in Sydney über Tokio, Schanghai, Hamburg, London, Johannesburg, New York, Washington, Rio de Janeiro bis zur Antarktis rockten die Massen bei "Live Earth", dem wohl größten Musikevent aller Zeit.

Der Konzertreigen begann am Samstag in Sydney mit singenden und tanzenden Ureinwohnern, die mit Didgeridoos und Eukalyptuswedeln im Aussie-Stadion vor rund 50.000 Zuschauern einen traditionellen Willkommensgruß darboten. Nach dem Auftritt der Aborigines wurde eine Videobotschaft Gores eingespielt. Er rief die Besucher auf, ihre eigene Umweltbilanz zu verbessern und eine klimafreundlichere Politik zu unterstützen. Im regnerischen Hamburg trotzten mehrere zehntausend Besucher den kalten Temperaturen.

Der weltweite Konzertmarathon traf aber auch auf Kritik. So wirft mancher die Frage auf, ob gerade Rockstars, die etwa über Privatjets verfügen, die besten Werber für den Klimaschutz sind. Und der britische "Guardian" berichtete, Madonna habe mit ihrer letztjährigen Tour innerhalb von vier Monaten geschätzte 440 Tonnen Kohlendioxid produziert.

DPA/AP

"Tages-Anzeiger", Zürich

Man kann mit Kunst zwar keine Realpolitik machen, aber nicht selten höchst wirkungsvolle Symbolpolitik. (…) Auf Madonna hören mehr Leute als auf George W. Bush. (...) "Live Earth" war global, glamourös, laut, manchmal dreckig, immer fordernd, vom Gedanken an die gemeinsame Sache bewegt - und oft tatsächlich sehr bewegend. Jetzt heißt es, für den Nachhall in der Realpolitik zu sorgen.

"De Volkskrant", Niederlande

Es bleibt abzuwarten, ob der Verbraucher seinen Energiekonsum wirklich mäßigen wird. Ein neue Sparlampe nützt wenig, wenn gegenüber ein neuer Flachbildschirm steht. (…) Der Appell an den einzelnen Bürger ist ein notwendiges, aber nicht ausreichendes Mittel, um das Problem weltweit und über Generationen hinweg anzupacken. Die Bewusstseinserweiterung hilft nur, wenn auch Regierungen und die Wirtschaft ihre Verantwortung wahrnehmen. (...) Mit Werbung ist der Treibhauseffekt nicht zu bekämpfen. Wenn Einzelne ihr Verhalten ändern, aber sehen, dass Regierungen und Wirtschaft dahinter zurückbleiben, werden sie die Aufrufe von Al Gore und anderen als bevormundend empfinden und auf ihre Entscheidungsfreiheit pochen.

"La Repubblica", Rom

(…) Die Besucher dieser heutigen Musikereignisse (...) wollen einfach nur teilnehmen, dabei sein. Heute für das Klima, morgen für den Frieden, übermorgen gegen Aids und dann Hunger, Waffen, Afrika. Für sie ist es nur wichtig, zuzuhören und dann mit einem beruhigten Gewissen nach Hause zu gehen.

"Süddeutsche Zeitung"

Vielleicht ging es bei Live Earth zugleich um zu viel und zu wenig. Die Erde solle man retten, hieß die endlos aufgesagte Forderung. Indem man Energiesparlampen kauft. Oder einfach mal den Fernseher ausschaltet. Gerne.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Selten jedenfalls war ein Ereignis, das sich doch als politisches verstand, in seinem Verlauf so vorhersehbar wie dieses, auch wenn Madonna es zur "Revolution" hochredete. Es sollte Druck auf Politiker ausüben und Bewusstsein für den Klimaschutz wecken; für Letzteres mag die Popmusik, die seit je bewusstseinsverändernde Kraft für sich in Anspruch nimmt, das geeignete Mittel gewesen sein. (…) Der Appell an die taghelle Vernunft, der ja Sache der Wissenschaft und in jeder Umweltbroschüre besser zu haben ist, blieb ohne Wirkung (…); er verpuffte und blieb im Ohr stecken wie das Pfeife nach jedem halbwegs lauten Popkonzert.

"Nürnberger Nachrichten"

Es ist keine moralinsauere Verzichts-Ethik, die rüberkommen soll, sondern ein positives Signal an die Jüngeren: "Wir schaffen das". Wer würde sich in Zeiten der Popkultur als Überbringer der guten Botschaft besser eignen als Popstars? Ob diese mit ganzem Herzen hinter dem Anliegen stehen, das da "Rettung der Welt" heißt, ist zweitrangig.

"Leipziger Volkszeitung"

Das Thema Klimaschutz einem vor allem jüngeren Publikum ohne erhobenen Zeigefinger nahe zu bringen, mag aller Ehren wert sein. Ob purer Gigantismus allerdings das Einschalten der Hirne ersetzt und die Erderwärmung bremst, darf dennoch in Zweifel gezogen werden. Die unbequeme Wahrheit ist nämlich, dass sich bei Live Earth Aktionismus paart mit Kalkül. Dafür stehen sowohl berufsmäßige Gutmenschen unter den Pop-Musikern, die alle Themen abdecken von Lady Diana bis zum Artensterben, als auch der clevere Selbstvermarkter Al Gore. Seine Schutzinitiative Alliance for Climate Protection streicht sämtliche Erlöse ein. Und auch der Autokonzern, der Live Earth sponsert, denkt sicher nicht vordergründig ans Klima, wenn er gleichzeitig großmotorige Benzinfresser in Serie produziert.

"Neue Presse", Hannover

So wird der gute Zweck zum Werbezweck, der auch noch gesponsert wird von Klimakillern wie Air Berlin und Daimler. Da fällt es schwer zu glauben, dass "Live Earth" schaffen kann, was es schaffen will.

"WAZ", Essen

Wie, Party? Hat das etwa Spaß gemacht? Ja, Bedenkenträger aller Länder, es hat offensichtlich viel Spaß gemacht. Sorge um die Umwelt bei großartiger Stimmung, das geht. Wieso denn nicht? Engagement braucht Leidenschaft, und Leidenschaft braucht Musik. Das weiß, natürlich, die Kirche, die das Musizieren zum Zwecke der Gemeinsamkeit quasi erfunden hat. Das wissen die Parteien. "Wann wir schreiten Seit’ an Seit’" - dabei kann man ruhig ein bisschen gerührt werden. Emotion gehört dazu, wenn man für etwas kämpft.

"Sächsische Zeitung", Dresden

Es ist leicht, sich darüber lustig zu machen: Mehr als 150 Popstars locken ihre Fans vor acht Bühnen und singen im Dienst des Klimaschutzes. Sie nehmen zwar kein Geld für diesen Auftritt, erhöhen aber damit ihren künftigen Marktwert. Das schadet aber nichts. Menschen brauchen Vorbilder - und da sind mir Sänger für den Umweltschutz lieber als solche, die zu Truppenbesuchen fliegen.

"Westfälische Nachrichten", Münster

Das Pop-Geschäft macht sich natürlich die großen Anlässe zu Nutze. Künstler verzichten auf Gage, nehmen aber gern die Reklame mit. Und tun brav kund, dass sie jetzt zuhause mal das Licht ausschalten. Und doch: Milliarden von Fans, die sich eigentlich nur unterhalten wollten, haben die Einsicht gewonnen, dass Klimaschutz keine Marotte von Öko-Aktivisten ist, sondern ein zentrales Anliegen der Menschen. Diese Wirkung lässt sich mit keinem Dokumentarfilm erreichen.

"Nordbayerischer Kurier", Bayreuth

Das zugegeben emotional aufgeladene Fanal, das der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore und der Musikproduzent Kevin Wall mit Live Earth gesetzt haben, wird noch lange nachwirken. Und womöglich größere Folgewirkungen zeigen als der G8-Gipfel in Heiligendamm mit seinen dotterweichen Kompromissformeln, die die drohende Klimakatastrophe nicht verhindern werden. Nach Live Aid und Live 8 könnte Live Earth einmal mehr den Beweis liefern, dass wir da unten, wenn wir nur wollen, ganz schön viel Macht haben. Sogar die Macht, diese Erde zu retten.

Zusammengestellt von Eva-Maria Senftleben