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Bundesvision Song Contest 2010: Stefan Raab, Stuttgart 21 und der Nationalstolz

Für Unheilig war es der erste Sieg beim Bundesvision Song Contest, Stefan Raab dagegen hat schon alles gewonnen. So schien dem Moderator der sechste "BoViSoCo" so leicht zu fallen, wie das Knöpfedrücken bei "TV Total". Aber irgendwie war diese Show sehr politisch. Oder täuscht sich stern.de-Redakteurin Sophie Albers da?

Geht's hier wirklich gerade darum?" Wütend wirft der junge Mann in engen Hosen seine strähnige Locke nach hinten und stapft auf der großen, runden Bühne der Berliner Max-Schmeling-Halle davon. Der sechste Bundesvision Song Contest ist gerade vorbei, Unheilig hat den Titel "Bester deutscher Song" nach Nordrhein-Westfalen geholt. Die Newcomer Bakkushan haben für Baden-Württemberg Platz neun errockt, und ich habe gerade gefragt, ob der Auftritt auch ein politischer war. Sie wissen schon, wegen der unfassbaren Szenen um Stuttgart 21. Deshalb ist der gelockte Mann abgedampft.

Aber ich fange besser noch mal ganz von vorne an: Der BuViSoCo, wie die anerkannte Abkürzung für diese "Leistungsshow der deutschen Popmusik" lautet, wirkte wie ein Heimspiel für ihren Schöpfer Stefan Raab. Vielleicht weil er seit dem Sieg seiner Lena beim Eurovision Song Contest in ganz Deutschland zu Hause ist. Alles lief wie am Schnürchen: Die Fanbusse aus den Bundesländern kamen pünktlich, und die Unterstützer zogen in die riesige Halle ein wie in ein Fußballstadion. Drinnen gab es La Olas, bunte T-Shirts und Perücken, Getröte und Geschrei. Super Stimmung. Da brauchte es Anheizer Elton eigentlich gar nicht.

"Wir sind stolz auf unser Land"

Als das Kasperletheater (Seid ihr alle da?) vorbei war, begannen die Ritterspiele: Junge Mädchen staksten auf hohen Absätzen, die Fahnen der Bundesländer schwenkend auf die Bühne. Mitten drin Stefan Raab, Herr aller Länder und der Show. Mitmoderatorin Johanna Klum war hübsch, aber nicht wirklich nötig.

Dann ging's auch schon los mit Raabs Schnellkurs in Nationalstolz (der in Wahrheit ein bereits Jahre währender Dauerfernsehkurs ist, aber die Umerziehung war wohl ein Geheimprojekt). Der Lena-WM-Effekt wird weiter ausgebaut, das Flussbett verbreitert, damit die Gefühle endlich richtig fließen können. Zu diesem Zweck gab es an diesem Abend vor jeder Band einen Einspieler, in dem die Vorzüge des jeweiligen Bundeslandes genannt wurden - Bremen hat den Beatclub, Berlin das Brandenburger Tor, Niedersachsen den Harz, Brandenburg 3000 Seen, Sachsen die Fichtelbergbahn. Und die Musiker erklärten dazu, warum sie stolz auf ihre Heimat sind. Ja, stolz. Das lange verbannte Wort wurde mit jedem Aussprechen sauberer. Und schwupps hat TV-Revoluzzer Raab es grundgereinigt.

Aus Ich+Ich wird Ich+Mounir

Und jetzt kommen wir zu Baden-Württemberg. Vorzüge? Die Hauptstadt Stuttgart hat einen "wunderschönen historischen Bahnhof"... Wie bitte? Ich wollte "noch" rufen, doch der Indierock besagter Band Bakkushan übertönte jeden Gedanken. Zumindest bis zum Refrain: "Springwut" heißt der Song. "Spring, spring, spring", klingt es. Da schien der Hinweis auf den "wunderschönen historischen Bahnhof" plötzlich Absicht gewesen zu sein. Auch wenn der Songtext es eigentlich kaum hergibt, steckte da doch eine Aufforderung zum Protest drin. Gut, vielleicht habe ich ein bisschen übertrieben.

Zum Glück für Stefan Mappus und Heribert Rech sprang mir in diesem Augenblick Thilo Sarrazin ins Hirn. Ich+Ich gingen für Berlin ins Rennen. Also eigentlich nur Ich, denn Annette Humpe ließ sich vom ägyptischen Sänger Mohamed Mounir vertreten, mit dem Adel Tawil das schöne "Yasmine" sang. Ich lächelte, dachte, dass es gut tut, die Kraft der Musik gegen den Berliner Zündler Sarrazin aufzufahren. Doch kaum haben Ich+Mounir ausgesungen, ertönte hinter mir eine Stimme: "Was für ne Scheiße. Ey, so'n Kanake. Typisch Berlin." Ich drehte mich um zu dem komplett durchschnittlich aussehenden Jungen von maximal 20 Jahren. "Und was genau soll das heißen?", fragte ich ihn. "Na, wieder irgend 'nen Türke auf der Bühne." Ich sagte, dass der Mann, den er wohl meine, weil er nicht deutsch gesungen hat, Ägypter sei. "Sind doch alle gleich." Ich hörte Sarrazin lachen (was ich in Wahrheit noch nie gehört habe).

"Hier geht's um Musik!"

Dann kam die Punktevergabe, und ich wurde langsam paranoid. Immer wieder bekamen die Baden-Württemberger Bakkushan nur einen einzigen Punkt. Ich witterte eine Abstrafung. Ha, die Tagespolitik greift in den Bundesvision Song Contest ein. Ich war begeistert. Als dann auch noch die Live-Schalte aus Stuttgart kam, in der sich eine Hunziker-Blondine blitzschnell zur laut feiernden Entourage umdreht und sie anbrüllt, dass sie gefälligst ruhig sein sollen, woraufhin alle die Köpfe senken und schweigen, fühlte ich mich bestätigt. Grandiose Satire.

Aber nun kommt eben dieser Junge mit der Locke und findet es überhaupt nicht witzig, dass ich aus Pop Politik machen will. "Hier geht's um Musik!", blafft er mich an. Und ich ahne, dass er Recht hat.

Gute Güte, ja, die Musik: Unheiligs Sieg finde ich unverdient (Außerdem passt der Songtitel "Unter meiner Flagge" natürlich super in meine Raab-Theorie vom Nationalstolz). Ja, "Der Graf" ist charismatisch, aber der Düster-Pop hat rein gar nichts in mir berührt. Auch der harmlose Rockpop von Silly (Platz 2) hat mich kalt gelassen. Ich+Mounirs "Yasmine" (3) fand ich schön, bis Sarrazin kam. Blumentopf (4) mochte ich noch nie, auch wenn die Cheerleader-Nummer ganz nett war. Das gezeichnete Ich (5) ist interessant, geht mir aber mit dem Gefasel über Preußen auf die Nerven. Norman Sinn&Ryo (6) waren nett, Stanfour (7) nichtssagend, Selig (8) ebenfalls. Dann kam auch schon mein Aufreger Bakkushan (9). Sebastian Hämer (10), Kleinstadthelden (11), Blockflöte des Todes (12), Oceana&Leon Taylor (13) waren nett. Auletta (14) und Mikroboy (15) fand ich mitreißend und spannend, aber alle anderen wohl nicht. Und Dirk Darmstedter und Bernd Begemann (16) waren, glaube ich, einfach in der falschen Show.

So wie ich offensichtlich im falschen Film.

Von Sophie Albers