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Der "Bundesvision Song Contest": Miederslips aus Omas Wäscheschrank

Einen Herzinfarkt hatte Tim Bendzko für den Fall seines Sieges beim Bundesvision Song Contest angekündigt. Bendzko blieb gesund, obwohl der Berliner während der Abstimmung gelitten hat. Was angesichts der gebotenen Qualitäten und Moderationen vielen Zuschauern nicht anders gegangen sein dürfte.

Von Christoph Forsthoff

Vielleicht ist ja noch ein Platz frei unter dem Rettungsschirm, für den die Parlamentarier gestern im deutschen Bundestag den Weg frei gemacht haben. Nein, nicht für Italien, aber für Deutschland - zumindest für die deutsche Popmusik. Denn was Stefan Raab da am Abend beim Bundesvision Song Contest präsentierte, das hatte bisweilen Hilfe dringend nötig. Fragt sich nur, ob da Millionen die Rettung sein können gegen musikalische und textliche Einfallslosigkeit. Was lässt sich schon zwei bebrillten Muttersöhnchen alias Marry Bum Tschak und MK TopGenie in silbernen und goldenen Ganzkörperkondomen raten, deren Electro-Geschwurbel einfach nur unterirdisch banal tönt?

Zu großer Anzug und zu viele "Ähs"

Zum siebten Mal hatte Raab den Wettbewerb der 16 Bundeslänger ausgerufen, sendete den Kampf der Klänge und verbalen Kulturen live aus der Kölner Lanxess-Arena - doch vor den Bildschirmen rangen wir nicht nur ob der ewig langen Werbepausen bestenfalls um Fassung. Nicht zuletzt, weil der Ringrichter selbst völlig deplatziert wirkte: Nein, die Moderatorenrolle ist Raabs Sache nicht - seine Kollegin Johanna Klum reüssierte immerhin mit einem Quotengaranten, nämlich sich kontinuierlich unterhalb der Gürtellinie zu bewegen. Der Mann wirkte im Anzug wie ein zu groß geratener Konfirmand auf Grinse-Dope, seine "Ähs" und Versprecher lösten schon Mitleid aus angesichts seiner wohl bekannten Scharfrichter-Qualitäten. Das schlug sich auch in den Quoten nieder: Schauten bei der ersten Ausgabe 2005 noch 3,22 Millionen Menschen zu, waren es bei der aktuellen Ausgabe nur noch 1,67 Millionen, ein Marktanteil von sieben Prozent.

Miederslips aus Großmutters Wäscheschrank

Aber vielleicht kalkulierte der Showmaster ja auch im Stillen schon die eigene Rendite dieses Abends. Dass die lohnend ausfällt, war nicht allein an der Zahl der Spots abzuzählen, auch seinen Schützling Lena Meyer-Landrut hatte der gewiefte Geschäftsmann hier noch untergebracht. Die ehemalige Gewinnerin des Eurovision Song Contest durfte im Warteraum Interviews mit den Bands führen und dabei einem Millionenpublikum beweisen, dass nichts schwieriger ist, als halbwegs intelligente Fragen zu stellen. "Geht's Euch gut, ihr süßen Hasen?" und "Habt ihr noch eine Idee, was ihr jetzt sagen wollt?" gehörten dabei noch zu den gehaltvolleren Aussagen der plappernden Sängerin…

Ging ja aber auch um Musik. Oder doch zumindest um das, was so mancher für eben diese hält. Bei Doreen aus Brandenburg kann man sich da nicht so sicher sein. Es schien, als hätte ein schlechter Dieter-Bohlen-Verschnitt seine Hand im Spiel gehabt. Und dass den Jungs vom "Kraftklub" aus Chemnitz nicht viel mehr als eine einzige Phrase und Textzeile eingefallen war, schien ebenfalls nicht gerade ein Gütezeichen deutscher Popmusik. Aber vielleicht ging es ja auch gar nicht um klangliche Güte, sondern vielmehr um die "Lachse, die zum Laichen und Sterben den Fluss hinaufziehen", wie der Hamburger Rocker Thees Uhlmann gefühlte 367-mal wiederholte? Schließlich hatte Frida-Gold-Sängerin Alina ja das Qualitätskriterium eines Liedes klar definiert: "Garant für gute Musik ist, dass sich mein Po bewegt." Dass selbiger das tat, war angesichts ihres Auftritts in schwarzer Unterwäsche deutlich zu sehen. Was indes weder für den Song sprach, noch für den Geschmack der Sängerin - angesichts des Miederslips aus Großmutters Wäscheschrank.

"Ich will nicht nach Berlin"

Da hatte Eva Briegel dann doch mehr Sinn für modische Extravaganz bewiesen: Die Sängerin der Band Juli war gehüllt in ein feuerrotes Kleid mit den Ausmaßen eines Dorfteiches - allein, ihrem Song half auch das nichts. Nein, das Publikum, das per SMS und Anrufen seine Vorlieben kund tun durfte, einigte sich am Ende auf musikalischen Konsens: Den ordentlich gekleideten Tim Bendzko mit seiner Liebesballade "Wenn Worte meine Sprache wären". Dass es mit der Vielfalt der letzteren bei dem Jüngling aus der Hauptstadt haperte, störte da auch nicht weiter, schließlich hatte der junge Mann nett gesungen und mehr als nur einen Dreiklang in seinen Song eingebracht. Was offenbar genügt, um hierzulande ganz oben zu landen. Von daher schicken wir die Milliarden ruhig nach Griechenland - und begnügen uns ansonsten mit der treffenden Titelzeile aus dem HipHop-Song der fünf sächsischen "Kraftklub"-Recken: "Ich will nicht nach Berlin" - wir auch nicht, schließlich findet da 2012 der nächste Bundesvision Song Contest statt.