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TV-Kritik "Bundesvision Song Contest": Raab geht mit einem Paukenschlag

Der Sieger des Bundesvision Song Contest 2015 ist Mark Forster. Und Stefan Raab. Und alle Bands, die den Mund erfreulicherweise laut aufmachen gegen Fremdenhass.

Stefan Raab und Sieger Mark Forster beim Bundesvision Song Contest

Stefan Raab und Sieger Mark Forster beim Bundesvision Song Contest

Woran merkt man, dass der BuviSoCo in Bremen stattfindet? Auf dem Weg zur ÖVB-Arena überholt man Menschen, die Rotweinflaschen mit "Bremer Stadtmusikanten"-Etikett herumtragen. Als Hamburgerin kriegt man ständig einen Spruch ab. Und: Irgendjemand schwärmt immer ungefragt vom SV Werder.

Nachdem Revolverheld 2014 gewonnen hatten, zog die BuviSoCo-Karawane (letztmalig?) weiter. Gewonnen hat in Bremen aber ein Rheinland-Pfälzer: Mark Forster holte sich Platz 1 mit einer melodischen Popnummer, in der sich "Bauch und Kopf" bekriegen. Doch im Kopf der Zuschauer blieben auch noch andere Momente hängen, wie unser Rückblick zeigt:

Schönster Freak-Moment

Ferris MC, der für Hamburg antrat, hatte vor der Show "eine neue Ära" ausgerufen. Es sei "Zeit, dass die Freaks mal gewinnen". Aber scheinbar ist das Publikum noch nicht ganz bereit für Freaks wie den gechillten Buddy Buxbaum (Mecklenburg-Vorpommern), der seinen Song halb in einem Wohnwagen liegend performte und mit einem schlecht angedeuteten Spagat beendete (vorletzter Platz). Der "Monstertruck"-Sänger Ferris feuerte sich mit viel Pyrotechnik nur auf Platz 13. Als Sprungbrett nutzen könnten Perdu aus dem Saarland ihren Auftritt. Ihre groovige Nummer "Lange nicht getanzt" überraschte in der Halle viele positiv – ebenso wie der charismatische Auftritt der Berlinerin Lary und der Newcomerin Namika, die Siebte wurde.

Dollster "Flop"-Moment

Da konnte der bayerische Rapper Wunderkynd noch so oft in die Menge rufen: "Wo seid ihr?", bei seinem Auftritt verweigerte sich das sonst so begeisterungsfähige Bremer Publikum. Ein naheliegender Verdacht: Es lag daran, dass er es für eine dufte Idee hielt, zwei nur spärlich mit Titten-Tape ausstaffierte Go-Go-Girls auf Podesten tanzen zu lassen. Im Einspieler kam der auffällig an Detlef D. Soost erinnernde Aschaffenburger zuvor noch ganz bodenständig rüber ("Ich mag Hausmusik") – dumm gelaufen. Backstage-Moderator Elton narrte später im Green Room eine der Tänzerinnen: "Mädchen, dir ist bestimmt kalt! Du kannst mein total durchgeschwitzes T-Shirt anziehen!" Die Quittung: 2 Punkte – aus Bayern, letzer Platz. Die Münchener Radiomoderatoren betrieben geknickt Selbstanalyse: "Wir scheinen so unbeliebt zu sein, dass wir uns schon selber hassen".

Politischer Moment

Dieser BuviSoCo wird als der politischste in die Annalen eingehen. Der Donots-Song "Dann ohne mich" ist eine klare Absage an Fremdenfeindlichkeit und Nationalstolz: "Die Lügen, das Schweigen/ Der Stolz, der andere verletzt / Wenn das hier wirklich alles is / Dann ohne mich" heißt es im Refrain. Sänger Ingo Knollmann sagte ihn mit einem gepfeffertem "Fuck You!" an "die so genannten besorgten Bürger und rechtsradikalen Wichser" an – der Lohn für die klare Haltung: Platz 2 für Nordrhein-Westfalen.

Subtiler brachten es Gloria mit Klaas Heufer-Umlauf (für Bremen) auf den Punkt: Ihre Bläsersektion trug Deutschland-Trikots und Jogginghose mit Pissfleck – eine Erinnerung an das berühmte Foto von 1992, in dem ein Mann mit vollgepinkelter Jogginghose und Deutschland-Trikot den Hitler-Gruß vor dem brennenden Flüchtlingsheim in Rostock-Lichtenhagen zeigt. Während Heufer-Umlauf über „Geister“ sang, stellten sich zwei Männer mit Bomberjacken neben ihn und klatschten wie mechanisch. Ferris MC und Band trugen ebenso "Refugees Welcome"-T-Shirts wie Madsen. Und das Multikulti-Radioteam aus Berlin übergab das Mikro bei der Stimmvergabe direkt an einen Flüchtling aus Afghanistan, der den ersten Punkt verlas.

Größter "Wow"-Moment

Der Kameraschwenk auf die vollgepinkelte Jogginghose der „Gloria“-Bläsersektion (s.o.). Anders, aber auch wow: die Tanzeinlagen bei Namika (Niedersachsen). Als man schon mit nichts mehr rechnete, enterten futuristisch illuminierte Tänzer die Bühne, die aussahen als seien sie direkt vom Set von "Tron Legacy" entlaufen. Auch, wenn es so etwas Ähnliches schon bei Katy Perrys letzter Tour zu sehen gab: toll.

Peinlichster Radio-Moderatoren-Moment

Bremen, we have a problem! Was hatte die Radiomoderatorin bloß genommen? Im Zeitlupentempo formulierte sie Sätze wie "Ich muss euch mal sagen: Ihr seid so gei-e-l" und guckte dabei kariert wie sieben Tage Tranquilizer. Ihr Kollege schien Schlimmeres verhindern zu wollen und krallte sie in einer Art Umarmung festt. Erschütternd auch die saarländischen Frohnaturen, die ihren einheimischen Ratskeller ernsthaft als "geile Location" abfeierten. Andere Vertreter der nervtötenden Gattung "Ich-laber-dich-zu-bis-der-Arzt-kommt" trugen stolz schlimme Namen wie "Der Morgenmeyer" auf einem T-Shirt spazieren. Ein Sachse verlas die Punkte, während ein mickrig geratener Stoff-Dumbo neben ihm wie angeschossen ein Fähnchen schwenkte.

Moment, der fehlte

"Stefan, lass es nicht das letzte Mal sein!", bettelte eine der Radio-Moderatorinnen. „Wir werden dich vermissen“, trauerte eine andere. Alle wollten wissen: Gibt es 2016 noch einen BuviSoCo? ProSieben sagte: nichts. Zum angeblichen Nachfolger, Comedian Luke Mockridge, fiel ebenso kein Wort. Wer ein Faible für Verschwörungstheorien hat: Mockridge tauchte als Stimmenverleser für NRW auf, sagte aber: nichts.

Lustigster Moment

Schwierig, weil es viele davon gab. Besonders in den Einspielern, in denen Raab auf dem Ledersofa mit den Bands jammte und herumkasperte, als hätte er gerade die Eingewöhnung in die KiTa geschafft. Er coverte AC/DC, Manfred Krug, Deep Purple oder die Beastie Boys und steckte mit seiner Spielfreude alle an. Höhepunkt: Raab steigert sich mit Neon-Stirnband ausstaffiert in ein irres Solo am Elektro-Schlagzeug hinein. Das deutsche Fernsehen braucht solche verrückten Typen, dringend.

Kristallkugel-Moment

Auch wenn immer wieder beklagt wird, dass nur Formatradio-Bands den BuviSoco gewinnen: Er ist die größte Plattform für noch unbekannte Bands im deutschen Fernsehen. Dabei kommt es letztlich gar nicht darauf an, wer gewinnt. Deichkind scheiterten bei ihrer Teilnahme kläglich, aber waren danach deutschlandweit bekannt. Auch Bands wie Glasperlenspiel (zum zweiten Mal dabei) konnten die große Öffentlichkeit als Sprungbrett nutzen. Und: Wo sonst hört man noch Live-Musik im deutschen Fernsehen? Raab selbst äußerte die Hoffnung, „dass sich jemand findet, der das weiterführt.“ Hat Elton eigentlich neben der Moderation von "1,2 oder 3?" noch Kapazitäten frei?