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Deutsche Luftgitarrenmeisterschaft: "Airness" für den Weltfrieden

Katharina Tomaschek ist die frisch gebackene deutsche Luftgitarrenmeisterin. Nun wird sie die deutschen Farben bei der Weltmeisterschaft in Finnland vertreten. Für den Frieden auf Erden, wie sie im stern.de-Interview verrät.

Frau Tomaschek. Sie, alias Leni Krawitzkowski, haben sich gerade als einzige Frau beim Finale der 2. Deutschen Luftgitarrenmeisterschaft in Berlin gegen 14 männliche Konkurrenten durchgesetzt. Wie fühlen Sie sich wenige Tage nach diesem Triumph?

So langsam komme ich wieder runter. Ich bin ganz ohne Erwartungen in den Wettkampf gegangen, der Sieg kam für mich wirklich sehr überraschend. Das Medieninteresse war dann sehr hoch. Mit so einen Riesentrubel hatte ich nie gerechnet.

Wann haben Sie zum ersten Mal die Luftgitarre in die Hand genommen?

Angefangen habe ich vor etwa vier Jahren unter der Dusche. Der ideale Ort für die ersten Schritte auf der Luftgitarre. Es fing erst langsam mit singen an, dann wurde es aber schnell rockiger. Bei Stücken von Jimi Hendrix, The Who und den Rolling Stones kann ich nur ganz schwer still stehen. Aber damals war ich ja sozusagen noch Amateur.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, an einer Luftgitarrenmeisterschaft teilzunehmen?

Ich habe eine Zeit lang in Finnland studiert, genauer gesagt in Oulu, wo Ende August auch die Weltmeisterschaften stattfinden werden. Dort bin ich zum ersten Mal darauf aufmerksam geworden, dass es Meisterschaften an der Luftgitarre gibt. Das erklärte Ziel der Air Guitar World Championships (AGWC) ist der Weltfrieden, der dadurch erreicht werden soll, dass alle Menschen auf der Welt gemeinsam Luftgitarre spielen. Dem schließe ich mich gern an, denn es lässt sich ja kaum leugnen, dass den Mächtigen dieser Welt etwas mehr Rhythmusgefühl wirklich nicht schaden könnte. Neben dem Weltfrieden geht es bei der Luftgitarre natürlich noch um jede Menge Spaß.

Wie haben Sie sich auf den Wettbewerb vorbereitet?

Ich habe eine dreiwöchige, intensive Schokoladendiät hinter mir, dazu konsequent keinen Sport getrieben. Das ist wichtig für eine gewisse Bodenschwere, da man beim Luftgitarrespielen ganz schnell abheben kann. Ansonsten hatte ich nur wenig Zeit zum Üben. Ich mache gerade meinen Abschluss im International Forest Ecosystem Management und hatte für Klausuren zu lernen. Einige wenige Stunden vor dem Spiegel mussten da für die Choreographie ausreichen.

Wie läuft so ein Luftgitarrenwettbewerb ab?

Es gibt zwei Durchgänge, Kür und Pflicht. Bei der Kür kann man sich vorher vorbereiten und das Musikstück selbst auswählen. Ich hatte mich für das eher ruhigere "Fields of Joy" von Lenny Kravitz entschieden. Bei der Pflicht hören alle Teilnehmer den Titel zum ersten Mal und müssen schnell improvisieren. Eine Jury bewertet dabei Faktoren wie Originalität, Ausdrucksfähigkeit und den künstlerischen Gesamteindruck. Wie beim Eiskunstlauf ist 6,0 die Bestnote.

Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Definitiv meine Hose. Die sieht zwar seltsam aus, gibt aber beim Luftgitarrespielen ein gutes Gefühl. Die Hose hat mir mein Vater vor 20 Jahren mehr gebaut als genäht. Da ist kein Knopf und kein Reißverschluss dran, nur so zwei Druckplaketten. Mir völlig schleierhaft, wie die hält. Aber für die schnellen Bewegungen auf der Bühne ist sie ideal. Bei solchen Auftritten bin ich auch immer mit viel Herzblut und Leidenschaft dabei.

Welche Eigenschaften machen einen guten Luftgitarrenspieler aus?

Ganz klar, Airness!

Wie bitte?

Na ja, das lässt sich wohl am besten mit "Luftigkeitstauglichkeit" übersetzen. Der Veranstalter, die German Air Guitar Federation, beschreibt das als "die besondere Gabe, die bloße Imitation zu transzendieren und das Luftgitarrenspielen zu einer eigenständigen Kunstform zu erheben." Und das ist es. Ansonsten braucht man natürlich auch Charisma, Kreativität und eine Portion Spontaneität. Zwei, drei Bierchen vor dem Wettkampf sind auch ganz hilfreich.

Gab es bei der Wertung der Jury einen Frauenbonus?

Nein, ganz sicher nicht. Für die Luftgitarre braucht es einiges an Feinmotorik, gerade in der linken Hand. Außerdem ist viel Körperbeherrschung nötig, zu der mit fortschreitendem Bierkonsum einfach nicht mehr jeder der Männer in der Lage war. An den Vorwürfen aus dem Publikum, die Jury habe "schwanzgesteuert" entschieden, ist jedenfalls nichts dran. Die Jungs waren auch alle klasse, aber die Wertung geht schon in Ordnung. Von Vorteil war sicher meine kleine Bauchtanzeinlage, die den meisten Herren wohl schwer gefallen wäre.

Luftgitarre gilt in Deutschland als reine Männerdomäne. Warum treten so wenig Frauen an?

Vielen ist es wohl peinlich, sich auf der Bühne gehen zu lassen. Die singen lieber, wenn sie es denn können, anstatt mal richtig aus sich herauszukommen. Männer haben damit ja weniger Probleme.

Wie werden Sie sich auf die Weltmeisterschaft vorbereiten?

Ich fahre nächste Woche ins Trainingslager nach Alaska. Nein, im Ernst: Der Urlaub, den ich dort machen werde, war schon seit längerem geplant. Aber ich werde die Zeit nutzen, um mir einen guten Auftritt für Finnland zu überlegen. Bei der Weltmeisterschaft wird es richtig zur Sache gehen. Eine richtig große Party mit mehreren tausend Zuschauern, dazu Teilnehmer aus insgesamt 13 Nationen. Im letzten Jahr hat übrigens eine Frau aus Japan gewonnen.

Böse Zungen behaupten, man muss total durchgeknallt sein, um Luftgitarre zu spielen. Stimmt das?

Nein! (Pause) Na ja, etwas durchgeknallt sollte man wohl schon sein. Das gilt eigentlich für alle Teilnehmer.

Interview: Björn Erichsen