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Comeback-Tour: "3000 Leute und alle sprechen Deutsch": Die Ärzte lassen ihre Fans quer durch Europa fliegen

Die Ärzte feiern (mal wieder) ihr Comeback. Ihre erste Tour seit sechs Jahren spielt die Band allerdings nicht in Deutschland, sondern im europäischen Ausland. Die Fans kommen trotzdem vor allem aus der Heimat.

Die Ärzte

Die Ärzte (v.l.n.r.): Rod González, Bela B und Farin Urlaub

Fast hatte man sie schon abgeschrieben. Die Ärzte, die selbst ernannte "beste Band der Welt", waren jahrelang in der Versenkung verschwunden. Und selbst als die Band sich wieder zurückmeldete – im vergangenen Sommer wurden die Ärzte als erste Headliner der Festivals Rock Am Ring und Rock Im Park in diesem Jahr bestätigt, außerdem kündigten sie eine neue Tour an –, da wirkte das wie das letzte Aufbäumen vor dem Ende. Erst recht, als dann auch noch ein Rätsel auf der eigenen Internetseite die Trennungsgerüchte befeuerte.

Doch aktuell ist von "Abschied" nur noch im gleichnamigen Song, der Mitte März veröffentlicht wurde, die Rede. Zum ersten Mal seit sechs Jahren sind die Ärzte wieder auf Tour, es ist das nächste "Hello Again" einer Band, deren letzte Tour 2012/2013 schon unter dem Label "Das Comeback" lief. Farin Urlaub, Bela B und Rod González spielen eben gern mit den Erwartungen. Das Besondere an der "Miles & More"-Tour: Die Ärzte bestellen ihre Fans zu zehn Konzerten ins europäische, nicht-deutschsprachige Ausland ein. In Deutschland selbst gibt es die Band in diesem Jahr lediglich auf Festivals zu sehen.

Die Ärzte auf Europa-Tour: Wie am Ballermann, nur die Musik ist besser

Ortsbesuch in Mailand, im Club Alcatraz, der größten Location auf der Europareise der Ärzte. Fünf Stunden sind es noch, bis auf der Bühne der erste Akkord gespielt werden soll, schon jetzt erstreckt sich die Schlange über die halbe Länge der Straße. Tausende Ärzte-Fans sind aus Deutschland eingeflogen, um ihre Band live zu sehen. "Ich habe auch schon einen Italiener gesehen", meint eine Frau, die am Morgen in Düsseldorf ins Flugzeug nach Italien gestiegen ist.

Viele Einheimische sind es aber nicht, die den Weg zu den Comeback-Shows finden. Die "beste Band der Welt", wie sich die Ärzte gern selbstironisch nennen, gehört nicht zu den Musikgruppen, die auch im Ausland über eine große Fanbasis verfügen. Dazu sind ihre Shows visuell nicht spektakulär genug, die Texte zu komplex und zu deutsch. Vor Jahren hat die Band einmal ein englisches Album aufgenommen – und es nie veröffentlicht, bis vor kurzem das Gesamtwerk "Seitenhirsch" erschien.

Pflichtschuldig versuchen sich die drei Musiker aus Berlin also am Grundwortschatz des jeweiligen Landes, das sie gerade besuchen. Das ist in Italien immerhin etwas einfacher als beispielsweise in Kroatien oder Slowenien, trotzdem wolle man den Einheimischen eher was für die Augen und den Deutschen etwas für die Ohren bieten, meint Farin Urlaub. "3000 Leute und alle sprechen Deutsch – wenn das Berlusconi wüsste." Verhältnisse wie am Ballermann, nur die Musik ist besser.

Männer Mitte 50 singen über junge Frauen

Das nämlich haben Farin, Bela und Rod nach wie vor drauf. Aus ihrem schier unerschöpflichen Fundus schöpfen sie Hits und fast vergessene Perlen, die Setlist variiert von Abend zu Abend leicht. "Das Schöne ist, dass wir so viele Lieder haben. Wir könnten wahrscheinlich vier Dreieinhalb-Stunden-Konzerte spielen, ohne uns ein einziges Mal zu wiederholen. Und trotzdem würde jedes Publikum nach Hause gehen und sagen: Geile Songs!", sagte Farin Urlaub in einem Interview auf "tonspion.de".

Nicht mehr alles ist zeitgemäß. Auch wenn das Scheinwerferlicht vieles kaschiert, die Jahre und Jahrzehnte sind nicht spurlos an den Männern vorbeigegangen. Vor allem aber hat sich die Welt verändert. Man kann darüber streiten, ob drei Herren Mitte 50 immer noch Lieder singen sollten, die sie vor 30 Jahren über Mädchen geschrieben haben, deren Väter sie heute sein könnten. Lustig ist es aber allemal – und Selbstironie beherrscht vielleicht niemand besser als die Ärzte. Und im Zweifel war ein Song wie "Manchmal haben Frauen ein kleines bisschen Haue gern" schon immer als feministisches Statement gedacht.

Seit 1993 spielen die drei in dieser Besetzung zusammen, und auch wenn die Bandmitglieder in den vergangenen Jahren ihre eigenen Projekte verfolgt haben (Farin Urlaub machte mit seinem "Racing Team" Musik, Bela B hat kürzlich einen Roman veröffentlicht), verstehen sie sich während der Show immer noch blind. Die legendären Dialoge der Band auf der Bühne nehmen gefühlt ein Drittel der Zeit ein. Bei den Fans sorgt das nach wie vor für viel Freude.

Und was ist jetzt mit dem Klima?

Zweieinhalb Stunden lang wird gefeiert, der Abend endet mit "Hip Hip Hurra, alles ist super, alles ist wunderbar". Ja, wäre da nur nicht die Sache mit dem Klima. Denn das hat die Band, die in ihrem neuen Song "Abschied" die Selbstzerstörung der Menschheit besingt, anscheinend wenig interessiert. Auf der Bühne entschuldigen sie sich bei Greta Thunberg für die miese CO2-Bilanz ihrer Tour, doch das hätte man sich auch vorher überlegen können.

Dass auch die Konzerte im Ausland fast ausschließlich von deutschen Musiktouristen besucht sein würden, war von vornherein nicht ganz unvorhersehbar. Da hätte man sich statt in Prag, Mailand oder London auch in Passau, München oder Leipzig treffen können. Nur so als Tipp, für das nächste Comeback.

Quelle: "tonspion.de"

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