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Analyse

Deutschland auf Platz 4: So kam es zum ESC-Wunder von Lissabon

Der beste Platz seit Lenas Sieg, die zweitbeste deutsche ESC-Platzierung in diesem Jahrhundert. Michael Schulte hat Europa begeistert und Deutschland beglückt. So kam es zu diesem grandiosen Erfolg.

Von Lars Peters

Douze Points für Deutschland. Und das gleich viermal! Dank Michael Schulte und seines Songs "You Let Me Walk Alone" konnte Deutschland nach langer Durststrecke endlich mal wieder richtig beim ESC jubeln. Am Ende fehlten mit den erreichten 340 Punkten sogar nur zwei Punkte auf den drittplatzierten Österreicher Cesár Sampson. Den Sieg machten indes erwartungsgemäß die Publikumsfavoritinnen unter sich aus: die spätere Siegerin Netta aus Israel und der Beyoncé-Klon Eleni Foureira aus Zypern.

Um beim ESC so gut abzuschneiden, reicht es nicht, nur bei den Jurys oder dem TV-Publikum gut anzukommen – der Beitrag muss beide überzeugen. Bei den Jurys lag Michael Schulte mit 204 Punkten auf Platz 4. Der Österreicher hatte sich sogar an die erste Stelle vorgekämpft. Doch während bei der Israelin und der Zypriotin klar war, dass viele Zuschauerpunkte folgen würden, hätten die beiden Männer durchaus vom Publikum übersehen werden können. Für den Österreicher bestätigte sich das mit nur den dreizehntmeisten Zuschauerpunkten. Michael Schulte hatte hingegen deutlich mehr Zuschauer überzeugt und landete bei ihnen auf einem sehr guten sechsten Platz.

Beliebt bei Jurys und TV-Zuschauern 

Besonders gut lief es für den Deutschen in Dänemark (Michael spricht fließend Dänisch) und den Niederlanden, wo er sowohl von den Jurys als auch den Zuschauern jeweils 12 Punkte erhielt. Auch sonst zeigten sich vor allem unsere Nachbarn angetan von "You Let Me Walk Alone". Die Schweizer und die norwegische Jury schickten jeweils 12 Punkte, die TV-Zuschauer immerhin 6. Aber auch die Iren und Österreicher zeigten sich spendabel (Jury- und TV-Voting zusammen je 16 Punkte), nur geringfügig knauseriger waren San Marino, Island und Albanien (zusammen je 14 Punkte). 

Insgesamt konnten sich die deutschen TV-Zuschauer, die den ESC verfolgten, 30 Mal über Punkte für Michael Schulte freuen. Die nicht einzeln im Fernsehen gezeigten Zuschauerpunkte für ihn – zusammen waren das 136 – kamen aus 29 Ländern. Das bestätigt vor allem eins: Deutschland schneidet beim ESC nicht schlecht ab, weil es als Land nicht gemocht wird. Deutschland schneidet dann schlecht ab, wenn der Song und der Auftritt die Menschen nicht bewegt. Wenn hingegen alles stimmt, kann Deutschland ganz oben mitspielen. Das hat Michael Schulte am Samstagabend eindrucksvoll bewiesen. 

Hilfreich kann es für ihn dabei auch gewesen sein, dass es in diesem Jahr viele Länder nicht ins Finale geschafft hatten, die über eine über viele Staaten verteilte Bevölkerung verfügen. Russland zum Beispiel, das regelmäßig hohe Punkte von den ehemaligen sowjetischen Nachbarländern erhält, war erstmalig nicht im Finale dabei. Die sonst quasi für das Land reservierten Punkte konnten bzw. mussten an andere Beiträge vergeben werden.

Erfolg vom Reißbrett

Der Erfolg von Michael Schulte ist aber nicht nur solchen glücklichen Umständen geschuldet. Er ist auch auf dem Reißbrett strategisch erarbeitet worden. Nach dem schlechten deutschen Abschneiden in den letzten Jahren beauftragte der NDR, der in Deutschland für den ESC verantwortlich ist, eine Unternehmensberatung mit der systematischen Analyse des Erfolgs bei dem Gesangswettbewerb. Daraus wurde ein umfangreiches, mehrstufiges Auswahlsystem entwickelt, das zunächst die Künstler für den nationalen Vorentscheid bestimmte. Anschließend wurden in sogenannten Song Writing Camps mit international erfahrenen Autoren Lieder geschrieben. An "You Let Me Walk Alone" war mit Thomas Stengaard etwa ein Komponist beteiligt, der den dänischen ESC-Siegertitel von 2013 "Only Teardrops" mitverfasst hatte.

Beim deutschen Vorentscheid traten dann am 22. Februar in Berlin sechs Beiträge an. Um den europäischen ESC-Geschmack hier bereits mit zu berücksichtigen, zählten die Stimmen der TV-Zuschauer nur ein Drittel. Ein weiteres Drittel kam von ehemaligen europäischen ESC-Juroren und das letzte Drittel von 200 ESC-Experten, die in einem Auswahlverfahren bewiesen hatten, dass sie erkennen können, welche Beiträge beim ESC gut abschneiden.

Mehr Glück nun auch in Deutschland?

So gesehen ist der Erfolg von Michael Schulte in Lissabon eigentlich kein Wunder, sondern die stramme Exekution eines aufwändigen Masterplans. Dass das beim ESC anfängt, haben wir mit dem 4. Platz gesehen. Beim eigenen Volk war der Song bisher hingegen weniger erfolgreich. In den deutschen Charts schaffte es "You Let Me Walk Alone" nur auf Platz 27. Und auch viele Radiosender zeigten sich eher skeptisch. Das dürfte sich nach der überragenden Platzierung beim ESC nun sicher ändern. So gibt es für Michael Schulte nach dem Wunder von Lissabon womöglich noch ein Wunder in Deutschland.

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