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Eurovision Song Contest in Moskau: Schwule bedrohen Putins heile Welt

Wladimir Putin hat die Veranstaltung zur Chef-Sache gemacht: Russland will sich beim Eurovision Song Contest von seiner besten Seite zeigen. Nachdem Boykott-Aufrufe verstummt sind, drohen jetzt Schwule und Lesben die schöne Grand-Prix-Welt zu stören.

Von Jens Maier

Die deutschen Grand-Prix-Teilnehmer Alex Christensen und Oscar Loya hatten bei ihren ersten Bühnenproben in Moskau unerwartet hohen Besuch: Wladimir Putin war am Wochenende in die Olympia-Arena gekommen, wo am 16. Mai das Finale des Eurovision Song Contests stattfindet. Doch nicht für den deutschen Beitrag und auch nicht für Tänzerin Dita von Teese - die wird ohnehin erst im Laufe der Woche in Moskau erwartet - interessierte sich der russische Ministerpräsident. Nein, er wollte sich vielmehr persönlich vom Stand der Vorbereitungen in der Halle überzeugen. Ein weiterer Beweis dafür, wie bedeutend der Eurovision Song Contest (ESC) für die russische Regierung ist: nichts weniger, als die wichtigste internationale Veranstaltung Russlands seit den Olympischen Sommerspielen 1980.

In Deutschland wird der Gesangswettbewerb häufig belächelt und als Quatschveranstaltung abgetan. In einer aktuellen Umfrage gaben sogar 72 Prozent der Befragten an, sich nicht für den ESC zu interessieren. Das schlechte Abschneiden der deutschen Teilnehmer in den vergangenen Jahren hatte sicherlich einen wesentlichen Anteil an diesem Ergebnis. Allein 2008 mussten die deutschen Zuschauer mit den "No Angels" 40 Mal Null Punkte verkraften. Ähnlich wie bei einem Fußballverein, der immer nur auf verlorenem Posten spielt, lässt am Ende die Begeisterung in der breiten Masse nach. Doch wer glaubt, der 1956 aus der Taufe gehobene Grand Prix Eurovision de la Chanson sei nur noch eine Veranstaltung für Hardcorefans oder Geschmacksverirrte, der täuscht sich gewaltig. Denn der Eurovision Song Contest ist der wichtigste Musikwettbewerb der Welt.

Mehr als 100 Millionen TV-Zuschauer sehen das Finale

42 Nationen nehmen an dem internationalen Gesangswettbewerb teil. In mehr als 50 Ländern wird das Finale übertragen, sogar im fernen Australien. 100 Millionen Fernsehzuschauer werden am Samstagabend das Event live am Fernseher verfolgen - nur große Sportereignisse wie die Fußballweltmeisterschaft oder Olympische Spiele erreichen regelmäßig mehr Zuschauer. Knapp neun Millionen Stimmen werden während der 15-minütigen Wertungspause per Telefon oder SMS abgegeben und machen das Voting zur größten Zuschauerabstimmung weltweit. Und schließlich werden mehr als 2000 akkreditierte Journalisten aus Moskau berichten. Ein Fakt, den sich auch die russische Regierung zu Nutze machen will.

Der Eurovision Song Contest soll helfen, das lädierte Image Russlands nach diversen Streitigkeiten um Gas-Lieferungen gen Westen und dem Georgien-Krieg wieder aufzupolieren. Putin persönlich überwacht die Organisation, nichts soll dem Zufall überlassen werden - bisher mit Erfolg: Moskau präsentiert sich von seiner Schokoladenseite. An allen großen Straßen heißen Fahnen mit dem Eurovisions-Logo die Gäste willkommen, große Plakate werben für das Event, das natürlich in Moskaus größter Halle, der Olympia-Arena, stattfinden wird. Ganze 30 Millionen Euro hat die russische Regierung angeblich für die Organisation des Wettbewerbs zusätzlich zu den Geldern der europäischen Rundfunkanstalten bereitgestellt. Der ESC in Moskau könnte damit zum teuersten Grand Prix aller Zeiten werden. Doch ähnlich wie vor 29 Jahren drohten auch dieses Mal Boykotteure Russlands Traum von einer perfekten Veranstaltung zu zerstören.

Baltikum drohte mit Boykott

Bei den Olympischen Spielen 1980 hatten mehrere Länder, darunter auch Deutschland und die USA, ihre Teilnahme in Moskau abgesagt, um damit gegen den Afghanistan-Krieg der damaligen Sowjetunion zu protestieren. Auch beim ESC 2009 hätte ein Krieg beinahe zum Eklat geführt: Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen wollten wegen Russlands Vorgehen während des Georgien-Krieges im August 2008 nicht nach Moskau kommen. Der Boykott des Baltikums scheiterte am Willen der estnischen Bevölkerung. In einer Umfrage hatten sich 66 Prozent für eine Teilnahme ausgesprochen, auch Lettland und Litauen sagten ihre Teilnahme schließlich zu. Mit dem Beitrag "We Don’t Wanna Put In", blieb nur noch Georgien selbst als potenzieller Unruhestifter übrig. Ein Problem, dass die Europäische Rundfunkunion für Russland gelöst hat.

Den Liedtitel könnte man mit "Wir wollen nichts reintun" übersetzen. So wie der Text vorgetragen wird, klingt es jedoch eindeutig wie "Wir wollen Putin nicht" - eine Provokation gegenüber den Gastgebern. Zumal die Band Stefane & 3G in Interviews keinen Hehl daraus machte, dass sich das Lied gegen Russlands Regierungschef richtet. Das genügte der Europäische Rundfunkunion (EBU), die den ESC veranstaltet, um mit einer Disqualifizierung zu drohen. Laut Reglement sind keine politischen Statements auf der Bühne erlaubt. Dass es die EBU dabei in der Vergangenheit nicht immer so genau genommen hat, bewies 1982 Nicole: In Zeiten der Nachrüstung sang sie von "Ein bisschen Frieden". Doch ein Schmäh-Gesang auf Russlands mächtigen Ministerpräsidenten wollte man nicht dulden. Georgien wurde aufgefordert, den Songtext zu ändern oder ein anderes Lied einzureichen, andernfalls werde die Kaukasusrepublik vom Wettbewerb ausgeschlossen. Georgien verzichtete schließlich auf die Teilnahme. Putins heile Eurovisionswelt schien damit gerettet, wären da nicht die Schwulen und Lesben.

Schwulen-Parade für Samstag angekündigt

Ausgerechnet den 16. Mai, den Tag des Grand-Prix-Finales, haben sich Moskaus Homosexuelle als Termin für den Christopher Street Day ausgesucht. Dahinter steckt natürlich Absicht. "Versuche einer unbefugten Kundgebung der sexuellen Minderheiten in Moskau werden hart, aber im Rahmen der russischen Gesetze unterbunden", teilte die Polizei nach Ankündigung der Parade mit. Bereits in der Vergangenheit war es in Russland immer wieder zu Übergriffen gegen Homosexuelle gekommen. Als der deutsche Bundestagsabgeordnete Volker Beck 2006 an einer Schwulen-Demo in Moskau teilgenommen hat, wurde er von Rechtsradikalen verprügelt, ohne dass die Polizei eingeschritten wäre. Sollte es auch am Samstag zu Prügelattacken kommen, werden hässliche Bilder aus Moskau um die Welt gehen. Für Putin und Russlands Offizielle wäre dies der marketingtechnische Super-Gau.

Oscar Loya, der bekennend schwule deutsche Teilnehmer, wurde nach den ersten Proben gefragt, was er am Tag nach dem Finale in der Zeitung lesen will. "Oscar holt Eurovision nach Deutschland", sagte der gebürtige Amerikaner selbstbewusst. Das wäre nicht nur eine Genugtuung für die geschundene deutsche Grand-Prix-Seele, sondern sicherlich auch für alle Homosexuellen in Russland. Nämlich dann, wenn ein Ministerpräsident Putin Loya zum Sieg gratulieren muss.