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Germanwings-Absturz: Der letzte Vorhang für zwei Opernstars

Die Opernsängerin Maria Radner starb mit ihrem Baby und Lebensgefährten beim Absturz der Germanwings-Maschine, genau wie ihr Sängerkollege Oleg Bryjak. Einblicke in die Leben zweier Künstler.

Von Uli Hauser und Silke Müller

Mitten aus dem Leben gerissen: Maria Radner und Oleg Bryjak waren Opernsänger in Düsseldorf

Mitten aus dem Leben gerissen: Maria Radner und Oleg Bryjak waren Opernsänger in Düsseldorf

Maria Radner hatte sich auf die Wochen in Barcelona gefreut. Es ist ein kalter Frühling, doch das strahlende Sonnenlicht lockt die Menschen auf die Ramblas. Von der nahe gelegenen Markthalle La Boqueria weht der Geruch gegrillten Fischs herüber. Das Gran Teatre del Liceu liegt mitten im Herzen der Altstadt, es ist nur ein Schritt vom Alltag der Händler, Touristen, Bettler und Prostituierten hinein in die samtgoldene Märchenwelt der Oper.

Am 23. März steht Radner, 34, zum letzten Mal auf der Bühne des renommierten Theaters – als Erdgöttin Erda im "Siegfried"-Teil von Wagners Ring des Nibelungen. Wochen voller Arbeit und zwei gefeierte Aufführungen liegen hinter ihr. Nun heißt es Abschied nehmen. Ihr Lebensgefährte Sascha S. ist aus Deutschland angereist – zu lange war sie getrennt von ihrem kleinen Sohn Felix, zum Abschluss sollten ihre Lieben bei ihr sein.

Auch für den Bassbariton Oleg Bryjak ist es der letzte Auftritt. Er singt den machtversessenen Zwerg Alberich – eine Rolle, so konträr zu seiner privaten Persönlichkeit, dass es den Schauspieler und Unterhalter in ihm nur so kitzelte.

Im dritten Akt, als die weise Erda erscheint, sitzt Bryjak bereits entspannt hinter der Bühne und entkorkt ein Fläschchen. Andreas Hörl, der mit seinem Bass auf der Bühne dem Riesen Fafner Leben einhaucht, erinnert sich: "Wir hatten im dritten Akt nichts mehr zu tun und wir mussten immer auf den Applaus warten. Der Oleg hat immer ein bisschen Schinken mitgebracht und ein Gläschen Wein, um uns die Wartezeit zu versüßen, weil der dritte Akt doch ein wenig lang ist." Sie aßen und tranken in seiner Garderobe, Schinken und Wein, ganz gemütlich.

Im Wanderzirkus der internationalen Wagner-Sänger war Bryjak eine Ausnahmefigur. Er kam 1960 in einem Straflager in Kasachstan zur Welt. Sein Vater stammte aus Kiew und war von Stalins Schergen als Verräter zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt worden. Als Kind spielte Bryjak Akkordeon, fiel als guter Sänger auf und studierte schließlich am Kasachischen Nationalkonservatorium. 1991 kam er nach Deutschland und debütierte am Badischen Staatstheater in Karlsruhe.

Über seine Kindheit hat der lebenslustige Menschenfreund Oleg Bryjak sehr selten gesprochen. "Er war ein unaufdringlicher und ruhiger Mensch", sagt der Aachener Musikkritiker Pedro Obiera, der den Opernsänger öfter traf. "Und sehr stolz auf seine Lebensleistung, es aus der Steppe in die größten Konzerthäuser der Welt geschafft zu haben".

Bryjak fand Trost im Glauben

Unter den vielen Rollen ist dem Journalisten vor allem ein Auftritt in Erinnerung geblieben: die Figur des "Schischkow" in Leos Janaceks Stück "Aus einem Totenhaus". "Diese Geschichte aus einem sibirischen Straflager", sagt Pedro Olbiera, "hatte doch eine enge Beziehung zur eigenen Biographie. Das Gefühl, abgelehnt zu werden, hat Oleg Bryjak sein Leben lang begleitet."

Trost und Kraft fand Bryjak in seinem Glauben. Als Protodiakon arbeitete er in der ukraninischen orthodoxen Kirchengemeinde in Krefeld mit. Er zelebriert die Lithurgie und füllt die Kirche mit seinem ergreifenden Gesang. "Gott hat ihm eine gute Stimme gegeben", erzählt Erzpriester Volodymyr Soroka, "und Oleg sagte immer, ich diene dem Menschen, aber zuerst diene ich Gott. Ihm gebe ich meine Stimme."

Als die Nachricht vom Tod des Sängers kommt, ist die Gemeinde fassungslos. Soroka besucht Bryjaks Familie, seine Frau und die beiden erwachsenen Kinder und versucht, ihnen Halt zu geben. "Es geht uns nicht in den Kopf, dass er nicht mehr bei uns ist", sagt Soroka.

Radner war eine glückliche Mutter

Auch Maria Radner hatte eine Seite, die vielen international erfolgreichen Opernsängerinnen verwehrt bleibt: eine eigene Familie. "Ihr Sohn und ihr Partner waren ihr ganzes Leben", schreibt die schottische Mezzosopranistin Karen Cargill in ihrem liebevollen Nachruf. Bilder aus ihrem Privatleben zeigen die junge Frau an der Seite ihres Mannes im Stadion beim FC Bayern, Mann und Sohn mit einem Motorrad. Die Sängerin, die mit Anfang Dreißig an der Metropolitan Opera in New York ihre Karriere begann und auf den Bühnen von Mailand über Rom und Buenos Aires bis London stand, konnte privat ganz einfach Maria sein, die Frau des Versicherungsmitarbeiters Sascha S.

Die Zahl der international gefragten Wagner-Sänger ist überschaubar, ihr Kreis eine eingeschworene Gemeinschaft. Oleg Bryjak, seit 1996 Ensemblemitglied der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, war bereits Teil dieses Zirkels. 2014 gab er sein Bayreuth-Debut als Alberich in der Ring-Inszenierung von Frank Castorf, der Dirigent Kirill Petrenko hatte sich den Sänger gewünscht. Bryjak wusste, welche Macht Bayreuth besitzt: "In Deutschland kann man zur Elite der Wagner-Sänger nur dann gehören, wenn man in Bayreuth gesungen hat", sagte er. Doch der große Rummel auf dem Grünen Hügel war ihm auch ein wenig suspekt – etwa nach der Siegfried-Aufführung: "Was kam heute in den Nachrichten? Dass die Kanzlerin da war. Von den Sängern, der Aufführung, den Publikumsreaktionen kein Wort. Ich verstehe das alles, aber ein bisschen Achtung uns, den Künstlern gegenüber, wäre nicht schlecht."

Diesen Sommer nun sollte auch Maria Radner, die als äußerst talentierte Wagner-Interpretin galt, ihr Debut in Bayreuth geben – als Floßhilde und 1. Norn im Ring des Nibelungen.

Zwei Kollegen nahmen einen Flug früher

"Das Leben einer Opernsängerin kann manchmal sehr einsam sein, aber die Wagner-Welt ist wie eine einzige große Familie, die sich überall auf der Welt trifft, um dieses Repertoire zu singen", sagt die britische Sopranistin Catherine Ann Foster, die bei der letzten gemeinsamen Vorstellung in Barcelona die Brünnhilde sang. "Es war eine gute Show und ich weiß, wir alle fühlten, dass wir gute Arbeit geleistet hatten und dass nun alles dem Ende entgegen ging. Wir freuten uns auf Zuhause. Wir wussten ja, dass wir uns im Sommer in Bayreuth wieder sehen würden."

In ihrem Zuhause kamen Maria Radner, ihr Sohn, ihr Lebensgefährte und Oleg Bryjak nicht an. Zusammen mit 146 weiteren Menschen an Bord des A 320 von Barcelona nach Düsseldorf starben sie am 24. März, als das Flugzeug in den französischen Alpen zerschellte.

Auch der Bass Andreas Hörl, der den Fafner gab, und Jochen Schmeckenbecher, der Alberich aus der Premieren-Besetzung, reisten am selben Tag zurück nach Deutschland. Mit einem anderen Flugzeug.

Lesen Sie im neuen stern ab Mittwoch die Liebeserklärung einer Kollegin an die Opernsängerin Maria Radner.

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